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Video-Filmkritik : Einsam ist der Mensch, grausam und roh

Bild: MFA

Der koreanische Filmemacher Kim Ki-duk ist für „Pietà“ mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Es ist die Geschichte eines sadistischen Schuldeneintreibers und seiner Mutter.

          Lee Kang-do ist ein Monster. Er treibt Geld ein für einen Wucherer, meistens in den Niederungen von Seoul, den schlecht beleuchteten Handwerkervierteln, die bald Hochhäusern weichen werden. Lee ist grausamer, als sein Auftraggeber verlangt. Er schlägt oder hackt die Schuldner zu Krüppeln, damit er die Invalidenversicherung kassieren kann - die meisten zittern vor ihm vor Angst, manche verfluchen ihn, aber nicht alle, die dieses Schicksal auf sich zukommen sehen, hadern damit. Sie haben sich Geld geliehen, nun können sie ihre Schulden nicht begleichen, so geht das Spiel, blutig und sadistisch in einer dem Geld verfallenen Welt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Film, den der Koreaner Kim Ki-duk zu diesem Thema gedreht hat (und für den er in diesem Jahr beim Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen gewann), heißt nun allerdings nicht „Der Schlächter des Wucherers“ oder „Wenn der Morgen graut in Seoul“ - obwohl er genügend Genreelemente aufweist, die das rechtfertigen würden -, sondern „Pietà“. Das deutet auf zweierlei hin: dass es nicht nur um Lee, sondern um eine Mutter und einen Sohn und um die Trauer der einen um den anderen geht, und auch darum, dass da einer stirbt für unsere Sünden.

          Die Sünden des anderen ausgleichen

          Nun ist Kim Ki-duk kein Filmemacher, den religiöse Fragen besonders beschäftigen würden, jedenfalls nicht im engeren Sinn. Ihn beschäftigen der Verfall der Welt, wie er sich in eindeutig sozialen und politischen Phänomenen manifestiert - Korruptheit, Verelendung, Wohlstandsgier -, und die Verfasstheit des Menschen - das, was man seine Natur nennen könnte, und was aus ihr wird, wenn gesellschaftliche Einflüsse sie von allen Seiten eindellen.

          Wohin wandert das Mitgefühl aus in einer grausamen Welt? Kommt es zurück, und unter welchen Bedingungen? Kann das Opfer des einen die Sünden des anderen ausgleichen? Das sind so die Fragen, und „Pietà“ findet Bilder für sie, die schockieren und sich als Gefühl einer großen Einsamkeit in die Erinnerung fressen.

          Tod, Masturbation und Fischgerippe

          Am Anfang stehen Tod, Masturbation und ein Fischgerippe auf einem Teller. So ist alles gleich zu Beginn an seinem Platz - Kontakte sind tödlich, Sex ist kein Partnerspiel, und auch gegessen wird allein. Auf dem Boden im Bad von Lee liegen blutige Innereien, ein Bild, das sich erst erklärt, als eine Frau in Lees Leben tritt, die das, was beim Hühnerausnehmen anfällt, vom Badezimmerboden aufwischt.

          Lee, das Monster (Lee Jeong-jin), scheint keinerlei Verbindung zu irgendjemandem zu haben, außer zu seinen Opfern. Doch eines Tages beginnt diese Frau (Cho Min-soo) hinter ihm herzulaufen. Sie fängt ein Huhn ein, das ihm davonlief, sie lässt sich nicht abschütteln, sie kauft einen Aal, sie zieht bei ihm ein. Sie behauptet, seine Mutter zu sein, die ihn als Baby verlassen hat und jetzt schuldbeladen zurückkehrt und alles für ihn tun würde. Sie rührt, nach vielen Versuchen, die an die Selbstaufgabe grenzen, und nach einem Vergewaltigungsversuch, in dem Lee noch einmal zeigt, wessen er fähig ist, endlich an sein Herz, das, allen gegenteiligen Vermutungen zum Trotz, doch noch in ihm schlägt. Lee wird weich.

          Die Plotmaschine dreht sich

          Von diesem Augenblick an können wir zusehen, wie sich die Plotmaschine dreht, hören, wie sie schnauft, nur um eine Wendung hinzukriegen, in der Lee als eine Art pervertierte Erlöserfigur nicht nur für die eigenen, sondern für die Sünden aller büßen muss. Jedenfalls verschwindet im letzten Drittel alles Gesellschaftliche aus dem Film, und unser Eindruck aus der ersten Stunde, Lee und die Stadt, durch die er streift, gehörten zusammen, verläuft sich, während die Mutter verschwindet und Lee die vermeintlichen Entführer sucht.

          Was aber bleibt, sind die Bilder des Anfangs: der große düstere Mann, vor dessen Schritt die Läden vor den Geschäften herunterrasseln, der Mann, der sagt: „Ein Krüppel bringt mehr als ein Toter“, der Mann, an dem wir sehen, was geschieht, wenn es kein Recht gibt und keine Gesellschaft, die es verlangt.

          Ab Donnerstag im Kino.

          Quelle: F.A.Z.

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