Home
http://www.faz.net/-gs6-74633
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Einsam ist der Mensch, grausam und roh

Der koreanische Filmemacher Kim Ki-duk ist für „Pietà“ mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Es ist die Geschichte eines sadistischen Schuldeneintreibers und seiner Mutter.

© MFA, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Pietà“

Lee Kang-do ist ein Monster. Er treibt Geld ein für einen Wucherer, meistens in den Niederungen von Seoul, den schlecht beleuchteten Handwerkervierteln, die bald Hochhäusern weichen werden. Lee ist grausamer, als sein Auftraggeber verlangt. Er schlägt oder hackt die Schuldner zu Krüppeln, damit er die Invalidenversicherung kassieren kann - die meisten zittern vor ihm vor Angst, manche verfluchen ihn, aber nicht alle, die dieses Schicksal auf sich zukommen sehen, hadern damit. Sie haben sich Geld geliehen, nun können sie ihre Schulden nicht begleichen, so geht das Spiel, blutig und sadistisch in einer dem Geld verfallenen Welt.

Verena Lueken Folgen:

Der Film, den der Koreaner Kim Ki-duk zu diesem Thema gedreht hat (und für den er in diesem Jahr beim Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen gewann), heißt nun allerdings nicht „Der Schlächter des Wucherers“ oder „Wenn der Morgen graut in Seoul“ - obwohl er genügend Genreelemente aufweist, die das rechtfertigen würden -, sondern „Pietà“. Das deutet auf zweierlei hin: dass es nicht nur um Lee, sondern um eine Mutter und einen Sohn und um die Trauer der einen um den anderen geht, und auch darum, dass da einer stirbt für unsere Sünden.

Die Sünden des anderen ausgleichen

Nun ist Kim Ki-duk kein Filmemacher, den religiöse Fragen besonders beschäftigen würden, jedenfalls nicht im engeren Sinn. Ihn beschäftigen der Verfall der Welt, wie er sich in eindeutig sozialen und politischen Phänomenen manifestiert - Korruptheit, Verelendung, Wohlstandsgier -, und die Verfasstheit des Menschen - das, was man seine Natur nennen könnte, und was aus ihr wird, wenn gesellschaftliche Einflüsse sie von allen Seiten eindellen.

Mehr zum Thema

Wohin wandert das Mitgefühl aus in einer grausamen Welt? Kommt es zurück, und unter welchen Bedingungen? Kann das Opfer des einen die Sünden des anderen ausgleichen? Das sind so die Fragen, und „Pietà“ findet Bilder für sie, die schockieren und sich als Gefühl einer großen Einsamkeit in die Erinnerung fressen.

Tod, Masturbation und Fischgerippe

Am Anfang stehen Tod, Masturbation und ein Fischgerippe auf einem Teller. So ist alles gleich zu Beginn an seinem Platz - Kontakte sind tödlich, Sex ist kein Partnerspiel, und auch gegessen wird allein. Auf dem Boden im Bad von Lee liegen blutige Innereien, ein Bild, das sich erst erklärt, als eine Frau in Lees Leben tritt, die das, was beim Hühnerausnehmen anfällt, vom Badezimmerboden aufwischt.

Lee, das Monster (Lee Jeong-jin), scheint keinerlei Verbindung zu irgendjemandem zu haben, außer zu seinen Opfern. Doch eines Tages beginnt diese Frau (Cho Min-soo) hinter ihm herzulaufen. Sie fängt ein Huhn ein, das ihm davonlief, sie lässt sich nicht abschütteln, sie kauft einen Aal, sie zieht bei ihm ein. Sie behauptet, seine Mutter zu sein, die ihn als Baby verlassen hat und jetzt schuldbeladen zurückkehrt und alles für ihn tun würde. Sie rührt, nach vielen Versuchen, die an die Selbstaufgabe grenzen, und nach einem Vergewaltigungsversuch, in dem Lee noch einmal zeigt, wessen er fähig ist, endlich an sein Herz, das, allen gegenteiligen Vermutungen zum Trotz, doch noch in ihm schlägt. Lee wird weich.

Die Plotmaschine dreht sich

Von diesem Augenblick an können wir zusehen, wie sich die Plotmaschine dreht, hören, wie sie schnauft, nur um eine Wendung hinzukriegen, in der Lee als eine Art pervertierte Erlöserfigur nicht nur für die eigenen, sondern für die Sünden aller büßen muss. Jedenfalls verschwindet im letzten Drittel alles Gesellschaftliche aus dem Film, und unser Eindruck aus der ersten Stunde, Lee und die Stadt, durch die er streift, gehörten zusammen, verläuft sich, während die Mutter verschwindet und Lee die vermeintlichen Entführer sucht.

Was aber bleibt, sind die Bilder des Anfangs: der große düstere Mann, vor dessen Schritt die Läden vor den Geschäften herunterrasseln, der Mann, der sagt: „Ein Krüppel bringt mehr als ein Toter“, der Mann, an dem wir sehen, was geschieht, wenn es kein Recht gibt und keine Gesellschaft, die es verlangt.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zahnarzt erschießt bekannten Löwen Vom Jäger zum Gejagten

Ein Zahnarzt aus Amerika, der in Zimbabwe bei der Jagd einen bekannten Löwen getötet haben soll, wird zur Hassfigur im Netz. Er bekommt Morddrohungen und taucht unter. Mehr Von Claudia Bröll, Kapstadt

29.07.2015, 10:33 Uhr | Gesellschaft
Artenschutz Löwen kehren zurück nach Ruanda

Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 wurden Löwen in dem afrikanischen Land ausgerottet - nun kehren sie mit menschlicher Hilfe zurück. Sieben der Großkatzen wurden aus Südafrika eingeflogen und per Lastwagen in den Akagera-Nationalpark gebracht. Dort sollen die Löwen zur neuen Touristenattraktion werden und zugleich einen Beitrag zur Entwicklung leisten. Mehr

08.07.2015, 10:53 Uhr | Gesellschaft
Filmfestspiele in Venedig Zwei Drittel Neulinge im Wettbewerb um den Goldenen Löwen

Wenn Anfang September die Filmfestspiele in Venedig eröffnet werden, kämpfen so viele Regisseure erstmals um den Goldenen Löwen wie nie zuvor. wer großzügig zählt, findet im Programm drei Werke mit deutscher Beteiligung. Mehr

29.07.2015, 19:15 Uhr | Feuilleton
Cecil in Simbabwe Zahnarzt erschießt weltberühmten Löwen

Ein amerikanischer Zahnarzt soll den berühmten Löwen Cecil erschossen haben. Der Löwe war eine beliebte Touristenattraktion im Nationalpark von Zimbabwe. Im Internet tauchen nun wüste Beschimpfungen und Todesdrohungen auf. Mehr

29.07.2015, 10:54 Uhr | Gesellschaft
Nach Tod von Cecil Zimbabwe verbietet Großwildjagd

Nach dem Tod des Löwen Cecil scheint Zimbabwe hart durchzugreifen: Das Land verschärft die Bedingungen für eine Jagd drastisch. Mehr

02.08.2015, 16:27 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 07.11.2012, 22:17 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 1