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Video-Filmkritik Ein Kino-Wunder: „Bal - Honig“

08.09.2010 ·  Dass „Bal“ aus dem normalen Kinobetrieb herausragt, hat sich nach dem Goldenen Bären für Regisseur Semih Kaplanoglu herumgesprochen. Aber die Größe dieses Films überrascht ganz unmittelbar.

Von Andreas Kilb
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Dieser Wald könnte überall liegen, wo feuchtes Gebirgsklima herrscht, mit seinen hohen Tannen und Buchen, den Bächen, dem steinigen Boden, dem buschigen Unterholz. Erst nach einer Weile sieht man den Mann mit Hemd und Hirtenjacke, der ein Maultier am Zügel führt.

Nach ein paar Schritten bleibt er stehen, greift mit der Hand an einen Baum, leckt daran, wirft dann ein Seil über einen hohen Ast und beginnt, mit Steigeisen an den Schuhen den Stamm hinaufzuklettern. Auf halber Höhe hält er plötzlich inne. Man hört ein Knacken. Der Ast bricht. Der Mann hängt in der Luft. Der Film steht still.

Semih Kaplanoglus Film „Bal - Honig“ beginnt mit den letzten Augenblicken eines Honigsuchers. Der Mann, Yakup, wird fallen. Aber noch hängt er an seinem Seil. Der Film hält diesen Moment fest und macht ihn zum Resonanzboden einer Geschichte. Sie handelt von Yusuf, dem kleinen Sohn Yakups, von Yusufs Mutter und seinen Klassenkameraden aus der Dorfschule, aber auch von den Tälern und Hängen des Pontusgebirges an der türkischen Schwarzmeerküste, einer Landschaft, in der es keine Städte, keine Autobahnen und keine Mobiltelefone gibt. Es ist ein Sehnsuchtsort, an dem Natur- und Menschengeschichte zusammenfallen. Deshalb trägt das Geschehen in „Bal“ auch kein Datum. Im Film wird ein Kalender von 2009 aufgeschlagen, aber in Wahrheit führt sein Kamerablick in eine Zeit neben der Zeit, einen mythischen Raum.

Das Kind und das Reh

Yusuf (Bora Altas) hat ein Sprechproblem. In der Schule, wo der Junge mit lauter Stimme Tierparabeln vorlesen soll, beginnt er jedes Mal zu stottern, mit seinem Vater (Erdal Besikcioglu) verständigt er sich dagegen fließend im Flüsterton. Das Flüstern stellt eine Intimität her, die die Welt des Vaters gegen die Welt der Mutter und der Schule abgrenzt. Nach außen wirkt Yusuf oft scheu und verstockt, etwa wenn er beim Essen seine Milch nicht trinken oder dem Schulfreund sein Heft nicht zurückgeben will. Im väterlichen Reich dagegen spricht alles zu ihm: das Messer, mit dem Yakup ein Holzboot für den Jungen schnitzt, die Hanfseile in der Scheune, die Räucherkiste des Imkers, die Wildkräuter, deren Namen ihn der Vater aufsagen lässt, die schattigen Wege im Wald.

Auch der Film redet, wenn er dieses schweigsame Glück zeigt, im Flüsterton, er hält den Blick des Zuschauers auf Distanz, ohne ihm die Nähe zu den Figuren zu verweigern. In seinem größten Moment ist „Bal“ ganz still. Weil der Vater, ein Epileptiker, neben seinem Maultier zusammengebrochen ist, läuft Yusuf zum nahen Bach, um Wasser zu holen. Da erscheint auf einer Lichtung ein Rehbock. Das Kind und das Reh sehen sich an, dann ist der Augenblick vorbei, aber seine Spur bleibt in den Filmbildern aufbewahrt wie der Unfall des Vaters, von dem Yusuf noch nichts weiß.

Ein Versuch, den Mond zu trinken

Und dann ist der Vater fort. Nur ein paar Tage wollte er wegbleiben, um neue Stellplätze für seine Bienenstöcke zu finden, aber nach einer Woche ist er noch nicht zurückgekehrt, und das Stillleben des Wartens in dem dämmrigen Holzhaus, in dem die Familie lebt, nimmt den Farbton der Verzweiflung an. Das Glück der Kindheit wird erst an seinem Ende ganz sichtbar, es glüht auf wie ein Sonnenuntergang, und so ist diese Wartezeit zugleich Yusufs letzter Aufenthalt in der Traumzeit, im Kokon der Unschuld, der mit dem Tod des Vaters zerreißen wird.

Als der Junge für einige Tage zu Verwandten geschickt wird, während die Männer des Dorfes nach Yakup suchen, sieht er nachts im Hof den Vollmond in einem Wassereimer schimmern. Mit beiden Händen greift er in das Gefäß, um die Spiegelung herauszuschöpfen, dann taucht er sein Gesicht hinein und versucht, den Mond zu trinken. Es ist Yusufs Versuch, die verrinnende Zeit aufzuhalten, und der Film sieht ihm dabei zu, bis das Bild im Eimer wieder still daliegt.

Die Trauer des Jungen um seinen Vater

Dass „Bal“ aus dem normalen Kinobetrieb herausragt, hat sich nach dem Goldenen Bären für Kaplanoglu auf der jüngsten Berlinale herumgesprochen, aber die Begegnung (oder Wiederbegegnung) mit dem Film gehört dennoch zu jenen Erlebnissen, auf die man sich durch Lektüre nicht vorbereiten kann. Nicht dass Kaplanoglu den alten Kinderblick des Kinos wiederbelebt, ist - obwohl beglückend genug - das Wunder dieser Geschichte, sondern dass er in diesen Blick, ohne ihn zu brechen, die Zeichen der Verlorenheit einschreibt: die Angst in der Menge, die Fremdheit zwischen Sohn und Mutter, die Einsamkeit des Jungen in der Welt.

„Bal“ ist der Abschluss einer Trilogie, deren frühere Teile „Yumurta“ („Ei“, 2007) und „Süt“ („Milch“, 2008) vom Ringen des erwachsenen und des halbwüchsigen Yusuf um eine Existenz als Lyriker und einen eigenständigen Ausdruck handeln. Man muss diese Filme nicht kennen, um das Geschehen in „Bal“ zu begreifen, aber sie spiegeln sich darin wie der Mond im Wassereimer. Indem er Yusufs Leben im Krebsgang erzählt, blickt er zugleich an den Anfang der Sehnsüchte, die den Erwachsenen umtreiben. An ihrem Ursprung liegt, wie man in „Bal“ sieht, die Trauer des Jungen um seinen Vater, ein Schmerz, den keine Poesie stillen kann.

Und ringsum der Wald. Wie ein zweiter Himmel wölbt er sich über der Geschichte, und selbst der Todessturz des Imkers hebt seinen Zauber nicht auf. Als Yusuf erfährt, was mit seinem Vater geschehen ist, flüchtet er in den Schutz der Bäume. Dann schläft er ein. Als er erwacht, ist die Kindheit vorbei.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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