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Veröffentlicht: 27.11.2008, 10:08 Uhr

Video-Filmkritik Ein Glücksfall: „It's a Free World“

Warum gibt es solche Filme eigentlich nicht bei uns? Ken Loach zeigt in „It's a Free World“ eine starke Frau als Arbeitsvermittlerin. Schneller als ihr lieb ist, muss sie zu Methoden greifen, unter denen sie selbst zuvor gelitten hat.

von Rüdiger Suchsland
© Neue Visionen Video-Filmkritik: „It's a Free World“

Der Leopardenmantel, den sie gern trägt, ist natürlich falsch. Aber eine Art Raubkatze steckt schon in Angie. Sie ist trinkfest, nicht auf den Mund gefallen, und sie nutzt selbst noch die Chancen, die man ihr gar nicht geben will. Angie ist, das sieht man sofort, eine Überlebenskünstlerin: Als sie wieder einmal entlassen wird, weil man auch bei ihrer Firma gemerkt hat, dass die Ukrainer billiger sind, dreht sie den Spieß um und gründet mit ihrer Freundin Rosie, der es nicht besser geht, selbst eine Zeitarbeitsfirma.

Angies rasche Auffassungsgabe kommt ihr dabei zugute. Schnell hat sie die Tricks raus, wie man Kunden bekommt, wie man an der Grenze zur Legalität noch ein paar Pennys mehr für sich behält. Dass Härte zum Geschäft gehört, wusste sie schon, und potentielle Arbeitskräfte, Leute wie sie und solche, denen es noch viel schlechter geht, sind sowieso genug auf der Straße: Die Leute seien bereit „für jede Scheißarbeit“, stellt sie nüchtern fest, „die müssen einfach was arbeiten“.

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Proletarische Schönheit

Äußerlich, mit ihrer dichten blonden Mähne, dem oft etwas zu grell geschminkten Gesicht und den Motorradklamotten, in denen sie durch ihr Viertel irgendwo in der Peripherie von London fährt, ähnelt Angie ein bisschen der „Sue“ im New York von Amos Kollek. Eine herbe, proletarische, leicht aus der Façon gefallene Schönheit. Aber im Gegensatz zu Sue, hinter deren kühlem Äußeren sich die pure Verletzlichkeit verbarg, ist Angie tough. Und nur sehr oberflächlich kann man das Porträt dieser nicht mehr ganz jungen Frau und alleinerziehenden Mutter als sentimentalisierende Darstellung einer Arbeiterheldin sehen - wie es zumindest diejenigen von Ken Loach erwarten, die mit seinen rund vierzig Filmen („Land and Freedom“, „Riff Raff“, „Bread and Roses“) eher vage Vorstellungen verbinden oder den für ihn eher untypischen „The Wind That Shakes the Barley“ im Kopf haben, mit dem der Brite 2006 die Goldene Palme von Cannes gewann (siehe: FAZ.NET-Spezial: Filmfestspiele in Cannes 2006).

Nur die ersten Bilder entsprechen dem Klischee, das der zweiundsiebzigjährige Loach allenfalls in wenigen seiner schwächeren Filme bediente: So effektiv wie ein Hedge-Fonds sorgen da Saxophonklänge im Nu für melancholische Stimmung. Man sieht Kinder, die nicht so hässlich sind wie in russischen Filmen und nicht so schön ausgeleuchtet wie bei Kaurismäki. Aber danach ist Schluss mit derartigen Sentimentalitäten, und der Regisseur und sein Lieblingsdrehbuchautor Paul Laverty irritieren immer wieder konsequent die Erwartungen ihrer Zuschauer, vermeiden dabei auch viele Handlungsklischees, die in solchen Geschichten angelegt scheinen. Auf den Optimismus der Firmengründung folgt nämlich weder die pathetische Ballade einer „guten Unternehmerin“, die mit ihren Arbeitern solidarisch die Kunst der flachen Hierarchien praktiziert, noch erzählt Loach vom Scheitern des einfachen Menschen in der so bösen wie komplizierten Globalisierungswelt.

Das böse System

Stattdessen handelt „It's a Free World“ von dem, was der New Yorker Soziologe Richard Sennett „Corosion of character“ nennt, davon, dass sich Sein und Bewusstsein eben nicht einfach voneinander trennen lassen. Wer Chef werden will, muss es auch innerlich werden. Anders gesagt: Kapitalismus verdirbt den Charakter. Bemerkenswert unsentimental und präzise zeichnet Loach ein zwingendes Porträt der alltäglichen Arbeitswelt an den Rändern unserer Gesellschaft. Denn Angie hat nicht zuletzt deshalb Erfolg, weil sie bald von ihren anfänglichen Grundsätzen abweicht, abweichen muss und die Gesetze sehr flexibel auslegt. Bald beschäftigt sie Illegale und nutzt deren prekäre Lage am Ende noch aus - dabei glaubt sie sich sogar im Recht, schließlich wurde sie selbst zuvor oft genug betrogen. Der eigentliche Bösewicht in diesem Stück ist das System, das die Seele der Menschen korrumpiert, sie in die Lage bringt, so zu handeln wie Angie.

Wie Loach das tut, ist bewundernswert und von langer Erfahrung geprägt. Sein Film ist schnell, effektiv und flüssig erzählt. Die Dialoge haben viel Witz. Mit leichter Hand verdichten sie komplizierte Vorgänge immer wieder zu kleinen, präzisen Skizzen, die differenziert sind und doch gleichzeitig ein Problem ohne billige Parteinahme zuspitzen. So gibt es einmal einen Streit Angies mit ihrem Vater, der ihr vorwirft, durch das Unterbieten der Löhne de facto die Zukunftschancen ihres Sohnes zu verschlechtern und die Situation in den Herkunftsländern kaputtzumachen. „Ich gebe denen Arbeit, die sie dringend brauchen“, antwortet sie. Loach vermeidet es, sich hier stellvertretend für seine Zuschauer zu entscheiden. Er zeigt ein Dilemma.

Zurück zu den Ursprüngen

Den Titel kann man bestenfalls ironisch und sarkastisch verstehen, aber auch einfach als pessimistische Betrachtung darüber, was Freiheit, jedenfalls die, die wir kennen, in der Praxis für Konsequenzen hat. Mit „It's a Free World“ kehrt Ken Loach gewissermaßen zu seinen Ursprüngen als Schöpfer politischer Lehrstücke zurück. Und es hätte gar nicht der aktuellen Finanzwirtschaftskrise und der neuen Untergangsgesänge auf unsere Wirtschaftsordnung bedurft, um den Film dabei überaus zeitgemäß erscheinen zu lassen.

Fürs Kino aber sind Ken Loachs Filme mit ihrem ganz eigenen Ton ein Glücksfall. Denn abseits von jenem Mainstream, den auch das Arthouse-Kino kennt, erinnern sie daran, was das Kino auch kann: in unterhaltsamer Form eine Kritik der Gegenwart formulieren und Gewissheiten erschüttern. Bleibt nur die Frage, warum es solche Filme eigentlich bei uns nicht gibt.

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