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Video-Filmkritik : Ein Geschenk: Werner Herzogs „Bad Lieutenant“

Bild: Twentieth Century Fox

Ein Regisseur im Aufwind, ein Schauspieler im Abwind: Der Film „Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen“ zeigt, warum wir Werner Herzog und Nicolas Cage vermisst haben.

          Ob man die Entscheidung der Berlinale-Jury, deren Präsident er war, weise findet, absurd oder so exzentrisch, dass man sie ihm zuordnen möchte, das ist ungefähr so egal wie die Frage, ob Werner Herzog nun Abel Ferraras legendären „Bad Lieutenant“ von 1992 gesehen hat, bevor er 2009 seinen „Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen“ drehte, oder nicht.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nein, sagt er selbst, und das ist ihm sogar zuzutrauen, weil Werner Herzog schon immer lieber etwas andere Wege gegangen ist, nicht nur, als er sich 1974 zu Fuß aufmachte von München nach Paris, um die von ihm verehrte Lotte Eisner, Autorin des großen Stummfilmbuches „Die dämonische Leinwand“, aufzusuchen, oder als er, 1992 in „Fitzcarraldo“, einen Ozeandampfer über einen Bergrücken ziehen ließ. Inzwischen ist Herzog 67, lebt seit Jahren in Kalifornien, und man hat ihn in Deutschland ziemlich aus den Augen verloren, so wie er Deutschland aus den Augen verloren hat.

          Seine Muse Klaus Kinski ist lange tot, Filme wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Herz aus Glas“ sind kaum noch irgendwo zu sehen, und die Filme, welche er in Amerika gemacht oder an denen er mitgewirkt hat, sind selten hier gelandet, was, vor allem im Falle von „Grizzly Man“, ein Jammer ist. Dass Herzog dann als Jury-Präsident in Berlin aufgetaucht ist, dass in der nächsten Woche sein neuer Film anläuft, kann man deshalb fast schon als eine Art Wiederauferstehung betrachten.

          Welch großer Schauspieler, welch großer Regisseur

          Und vielleicht sind die Kraft und der schwarze Humor seines „Bad Lieutenant“, die kleineren Abseitigkeiten und das halsbrecherische Balancieren am Abgrund, das Resultat einer eigentümlichen Doppelbewegung: Herzogs Aufwind trifft zusammen mit dem Abwind seines Hauptdarstellers Nicolas Cage. Im wahren Leben bankrott, im Kino schwer angezählt, ist Cage mit Herzog eine Arbeitsverbindung eingegangen, die simultan zeigt, welch großer Schauspieler der eine und welch großer Regisseur der andere ist.

          Nicolas Cage beerbt, wenn man denn überhaupt von einem Remake reden will, den „Bad Lieutenant“ Harvey Keitels. Die tiefkatholische Grundierung ist verschwunden, New York wurde durch New Orleans ersetzt, und fast nebenbei hat Herzog dabei Bilder einer Stadt gefunden, Bilder einer ramponierten, verwelkten „Southern Belle“, einer Südstaatenschönheit, in ihrer ganzen Nach-Katrina-Verwüstung, die es allein schon lohnen, sich den Film anzusehen.

          Am Ende hat auch er seinen profanen Erlösungsmoment

          Auch dieser „Bad Lieutenant“ ist korrupt bis ins Mark, und dann schmerzt ihn auch noch sein Rücken, nachdem er in einem - angesichts seines Zynismus - erstaunlich selbstlosen Einsatz einen Ertrinkenden gerettet hat. Und ob Koks, Crack, Heroin - er wirft ein, was die Asservatenkammer hergibt, und wie in einem grausamen, bösen Märchen hat er auch eine schöne Fee an seiner Seite, eine Nobelprostituierte, die Eva Mendes mit einer bemerkenswerten Melange aus Tränen, Sex-Appeal und Abgekochtheit spielt.

          Der gute-böse Cop betrügt, kämpft, stolpert, schießt sich durch seine Karriere, sein Sturz hat nichts von Hölle oder Fegefeuer, aber am Ende hat auch er seinen profanen Erlösungsmoment - vor einem riesigen Aquarium.

          Eine Frage der Perspektive

          Mit den Routinen des Copfilms hält sich Herzog nur insoweit auf, als sie dem Film ein haltbares Skelett liefern. Im Übrigen lässt er Cage machen, lässt ihn zwischen Halluzinationen mit zwei Tom Jones singenden Iguanas, blitzartiger Gefährlichkeit und ständiger Unberechenbarkeit irrlichtern.

          Und man muss dann noch unbedingt eine Einstellung erwähnen, wie sie vermutlich nur einem Werner Herzog einfallen kann: ein toter, aufgeplatzter Alligator liegt am Rand der Autobahn, er hat den Unfall verursacht, bei dem sich zwei Autos ineinander verkeilt haben. Und dann sieht man, an der Böschung, einen zweiten Alligator, die Kamera geht ganz nah ran, zeigt die gelblichen Augen, zeigt die Unfallstelle durch das geöffnete Maul mit den spitzen Zähnen - und wartet, bis das Tier beidreht und davonkriecht.

          Es ist halt alles eine Frage der Perspektive - auch dieser „Bad Lieutenant“, der einem ganz unverhofft noch mal einen neuen Blick auf Werner Herzog schenkt.

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