24.07.2008 · Dem deutschen Kino mangelt es an großen Stoffen, nicht an großen Schauspielern. Bestes Beispiel: Claudia Michelsen, der in „42plus“ das glaubwürdige Porträt einer reifen, sinnlichen, von unausgelebten Sehnsüchten zerrissenen Frau gelingt und die damit ein seelenloses Ehedrama rettet.
Von Andreas KilbDie Schauspielerin Claudia Michelsen hätte schon lange eine Lobeshymne verdient - nicht nur für ihren Auftritt als Goethes Lotte bei Godard, der sie vor achtzehn Jahren für „Deutschland Neu(n) Null“ entdeckte, sondern mehr noch für die zahlreichen Rollen, die sie seitdem im Kino und vor allem im deutschen Fernsehen gespielt hat. Sie war die Geliebte eines Stasi-Ermittlers in Connie Walters Film „12 heißt: Ich liebe dich“, eine Frau zwischen zwei Männern in Markus Imbodens „Auf ewig und einen Tag“, eine frustrierte Gauleitersgattin in Dennis Gansels „Napola“ und die Frau eines Fluchthelfers in Roland Suso Richters Mauerdrama „Der Tunnel“, und sie war in jeder dieser Rollen großartig. In „42plus“, einem Film der Österreicherin Sabine Derflinger, ist sie nun endlich auch auf der Leinwand in einer Hauptrolle zu sehen, so dass ihrem Aufstieg in die Premium-Klasse einer Martina Gedeck oder Nina Hoss scheinbar nichts im Weg steht.
Nichts? Doch, eines, leider: der Film. Denn Sabine Derflinger hat die Geschichte einer Fernsehjournalistin und Arztfrau, die sich während eines Familienurlaubs auf Ischia in einen jungen Tramper verliebt, als brachialen Ferienschwank inszeniert, der seine Darsteller - neben Michelsen der bewährte Ulrich Tukur als ihr Ehemann, Jacob Matschenz als Tramper und Petra Morzé und Tobias Moretti als befreundetes Ehepaar - rücksichtslos verschleißt und vergeudet. Aber obwohl um sie herum alles und jeder zur Karikatur verkommt, gelingt es Claudia Michelsen fast bis zum Schluss, das glaubwürdige Porträt einer reifen, sinnlichen, von unausgelebten Sehnsüchten zerrissenen Frau zu zeichnen, bevor ein von der Regisseurin und ihrem Drehbuch-Koautor Mogens Rukov überflüssigerweise angeklebtes Happy End die Geschichte restlos abwürgt.
Woran es dem deutschen Kino fehlt
Eine große Stunde des Kinos ist das nicht, aber eine tapfere, beachtliche Leistung. Wenn man sich vorstellt, Claudia Michelsen hätte mit derselben Energie, mit der sie in „42plus“ ein totgeborenes Ehedrama beseelt, eine Rolle wie die von Katja Riemann in der Walser-Verfilmung „Ein fliehendes Pferd“ oder von Barbara Auer in „Der Liebeswunsch“ gespielt, dann bekommt man eine Ahnung davon, woran es dem deutschen Kino am meisten fehlt: an guten, aktuellen, zu Ende gedachten Stoffen, sensibel und präzise gearbeiteten Drehbüchern. Und an Regisseuren, die sie zum Glänzen bringen. Große Schauspielerinnen haben wir genug.