30.06.2010 · Mangels neuer Ideen plündert der vierte Teil der Oger-Saga den eigenen Mythos und versucht, die Gedankenlosigkeit der Geschichte durch technische Effekte in 3-D zu adeln.
Von Andreas PlatthausElternfreuden sehen anders aus: Am ersten Geburtstag seiner Drillinge erlebt der mächtige Shrek zwar eine wilde Party, aber ungebärdiges Leben schätzt er nur, wenn es auf eigenem Entschluss beruht. Häusliches Chaos ist seine Sache nicht - das hat er mit vielen jungen Vätern gemein, die sich um ihre Freiheit betrogen sehen.
Allerdings haben die im Regelfall nicht einen werten Handelsmann parat, der ein gutes Geschäft anbieten kann: für einen Tag zurück in ein unschuldiges Dasein, wie es vor der Familiengründung war, und das für den läppischen Preis eines einzigen bisherigen Lebenstages. Ein Nullsummenspiel könnte man meinen - und so versteht Shrek die Sache auch. Ja, eher sogar als Gewinn, denn welchen Tag seiner traurigen Existenz als Vater würde er nicht mit tausend Freuden gegen die wiedergefundene selige Zeit tauschen, als man ihn im ganzen Königreich von Weitweitweg als Oger noch fürchtete.Was Shrek sich indes nicht vorstellen kann, ist die Bosheit seines Vertragspartners: Der lässt offen, welchen Tag aus dem bisherigen Leben er gegen die Reise in eine parallele Welt eintauscht, und wählt dann listigerweise den Tag der Geburt von Shrek. Damit ist das ganze weitere Leben des Ogers hinfällig. Profaner gesprochen: Shrek ist ein toter Mann.
Zunächst allerdings ist er auf seinem Tagestrip ins alternative Dasein noch quicklebendig. Zu seinem Vergnügen verbreitet er Angst und Schrecken, und selbst die besten Freunde kennen ihn nicht mehr - alles so, wie es früher einmal war. „Früher“, das heißt 2001, als die erste Folge von „Shrek“ ins Kino kam. Mit der Adaption des Kinderbuchs von William Steig hatte das Dreamworks-Studio einen Weg gefunden, um der übermächtig scheinenden Konkurrenz von Pixar nicht nur Paroli zu bieten - „Shrek“ stieg kurzfristig sogar zum erfolgreichsten Trickfilm aller Zeiten auf.
Shrek ohne Brille
Konsequent hatte man damals bei Dreamworks die moderne Computertechnik für dreidimensionale Animation genutzt. Jetzt erscheint der vierte Teil der Saga, „Für immer Shrek“, als 3-D-Film. Worin besteht der Unterschied? Darin, dass dreidimensionale Animation per se keine dreidimensionalen Bilder erzeugt. Dazu braucht es immer noch das Hilfsmittel einer Spezialbrille. Dreidimensionale Animation bezeichnet eine Technik, bei der ein Animator seine Figur oder sein Objekt nicht nur einfach zeichnet, sondern sie im Rechner derart modelliert, dass man fortan jede denkbare Ansicht aufgrund dieser definierten Gestaltung generieren kann. Die Figuren können somit in einem virtuellen Raum agieren und dadurch ihr Erscheinungsbild - vor allem die Bewegungen - dem annähern, was Kinozuschauer von Realfilmen her gewohnt sind.
Darin setzte „Shrek“ Maßstäbe, obwohl alle Akteure aus den unterschiedlichsten Märchenwelten stammen: Das Personal von Perrault oder den Grimms ist ebenso vertreten wie nur minimal abgewandelte Disney- oder Bilderbuchfiguren. Im Mittelpunkt stehen zwar der von Steig erfundene Oger Shrek, dessen angebetete Artgenossin Fiona und als treuer Freund ein dampfplaudernder Esel (den im amerikanischen Original passenderweise Eddie Murphy spricht), aber der Reiz der Filmserie liegt im Anspielungs- und Überraschungsreichtum: Plötzlich erweist sich der Märchenprinz aus „Schneewittchen“ als Schurke, die drei kleinen Schweinchen treten auf, oder der allen amerikanischen Kindern vertraute Gingerbreadman greift ein.
Schematisch wie ein Gesetzbuch
Aber, wie gesagt, das kennt man alles seit dem Debüt von 2001. Der zweite Teil schrieb das Erfolgsrezept moderat originell weiter und führte immerhin den von Antonio Banderas gesprochenen gestiefelten Kater neu ein, Teil drei erschöpfte sich dann schon in purer Effekthascherei und gähnender Langeweile. Für die vierte Folge, nach der angeblich (und unglaubwürdig) keine weitere mehr kommen soll, hat man angesichts dieser Entwicklung einfach noch einmal aufs Erfolgsrezept des ersten Teils zurückgegriffen. Und auf die jüngst im Kino so erfolgreiche 3-D-Projektion, die noch die dümmsten Tanz- oder Trickfilme adeln soll.
Nun ist „Für immer Shrek“ nicht dumm. Aber dreist. Denn nicht nur Shrek dreht alles noch einmal auf Anfang zurück, auch die Filmemacher tun es. Jeffrey Katzenberg als Vater des früheren Erfolgs ist von Bord, und so hat Walt Dohrn für den noch recht unerfahrenen Regisseur Mike Mitchell ein Drehbuch geschrieben, in dem diesmal weniger bei anderen Stoffen geplündert wird als beim eigenen Mythos. Das ist natürlich für etliche Lacher gut - vor allem beim Auftritt eines gestiefelten Katers, der sich in der Parallelwelt allzu sehr dem Dolce Vita hingegeben hat.
Der neue Antipode namens Rumpelstilzchen, der mit Shrek den üblen Handel schließt, ist indes als einzig nennenswerte neue Figur keine Bereicherung. Und die Handlung ist so schematisch wie ein Gesetzbuch. Diesen Mangel an Originalität versucht Mitchell durch permanente Kreisbewegungen der Kamera auszugleichen, um die glanzvollen 3-D-Effekte vorzuführen. Ansonsten unmotiviert, tragen sie jedoch nicht dazu bei, die Handlung zu forcieren. Shrek ist also nicht nur im Film ein erzwungenermaßen ruhiggestellter Rebell, sondern auch als Kinophänomen. Geld soll er machen, und das geht offenbar besser, wenn man bis auf die Technik einfach alles beim Alten lässt.
Pikanterweise wird genau in einem Monat eine weitere Fortsetzung einer berühmten Animationsfilmserie in die deutschen Kinos kommen: „Toy Story 3“, ebenfalls in 3-D, ebenfalls mit dem Thema, was wohl aus alternden Trickfilmhelden wird, ebenfalls mit unzähligen Reminiszenzen an die früheren Teile. Aber von Pixar - und die wissen, dass eine gute Geschichte wichtiger ist als die Technik. „Toy Story 3“ macht alles richtig, was „Für immer Shrek“ falsch gemacht hat.
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Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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