Home
http://www.faz.net/-gs7-75rcx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Video-Filmkritik: „Django Unchained“ Es war einmal in Amerika

Der Rächer ist schwarz und nicht mehr allein: Quentin Tarantinos „Django Unchained“ ist die Geschichte einer Ermächtigung, einer Männerfreundschaft und der Versuch eines Liebesfilms in Gestalt einer Hommage an den Italo-Western.

© Sony, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Django Unchained“

Er hat es wieder getan. Und das ist vielleicht das größte Problem. Dass wir den Trick kennen. Quentin Tarantino hat, nachdem die Juden in „Inglourious Basterds“ Rache an den Nazis nehmen und Hitler in die Luft sprengen konnten, jetzt die Schwarzen ermächtigt, der Geschichte der Sklaverei einen neuen Dreh zu geben. Genauer, einen Schwarzen, nämlich den Titelhelden in „Django Unchained“.

Verena Lueken Folgen:    

Für das Drehbuch hat Tarantino gerade den Golden Globe gewonnen. Wenn beim nächsten Mal die Indianer zurückschlagen und den Völkermord im Kino rückgängig machen dürften, hätten wir eine schöne Trilogie, die als „Die Rächer aus dem Totenreich“ die Geschichtsphilosophie des Quentin Tarantino als Genre-MashUp umreißen könnte.

Ein großes Western-Vergnügen

Und doch. Obwohl wir den Trick schon beim ersten Mal beklatscht haben und obwohl „Inglourious Basterds“ mit seinen vielen Ebenen der Bezugnahme auf die Filmgeschichte, die in der Errettung des Kinos als Wunschmaschine vor dem Propagandaapparat mündete, der kompaktere, der bessere Film war, ist „Django Unchained“ zunächst einmal ein großes Vergnügen. Ein Western, der mit Johnny Cashs düsterer Ballade „Ain’t no grave“ beginnt, die einen Zug aneinandergeketteter Sklaven begleitet, der, angetrieben von den Peitschenhieben berittener Weißer, durch die Nacht schlurft.

Mehr zum Thema

Ein Western, in dem der deutsche Dr. King Schultz, auf dessen Planwagen ein lustiger Backenzahn von der Größe eines ganzen Schinkens vor sich hin wackelt, nach der höflich vorgetragenen und abgelehnten Bitte an die Sklavenhändler, einen aus dem Zug, und zwar Django, zu kaufen, einfach die Knarre zieht und schießt. Auf die Weißen. Ein Western, der nach diesem Prolog, in dem Django befreit wird, in riesigen roten Lettern und mit dem alten Lied von „Django“, zu dem Franco Nero einst den Sarg mit dem Maschinengewehr durch den Matsch zog, klarmacht, dass nicht John Ford, sondern Sergio Corbucci sein großes Vorbild ist. Der bekommt im Lauf des Films in dieser Funktion allerdings Gesellschaft, von Sergio Leone, dann doch John Ford (Richard Richardson, der Kameramann, hat Bilder wahrhaftiger Grandiosität amerikanischer Landschaften beigesteuert), von Gordon Parks, Richard Fleischer und so weiter. Wie jeder Tarantinofilm, so kann auch dieser als heiteres Zitateraten die eine und andere Abendgesellschaft unterhalten.

Mit österreichisch akzentuierter Weichheit

Auch Christoph Waltz hat es wieder getan. Wie für seinen abgründig bösen SS-Offizier Hans Landa in den „Basterds“ hat er für seine Rolle des Dr. King Schultz gerade wieder einen Golden Globe gewonnen, für einen Oscar ist er auch wieder nominiert, und er ist tatsächlich wunderbar mit seinen geschliffenen Manieren und seiner in österreichisch akzentuierter Weichheit makellosen Grammatik, auf der er mühelos durch komplizierte Bandwurmsätze tanzt.

Schultz hat Django aus allgemeinem Ekel gegen das Prinzip der Sklaverei - hier sind die weißen Amerikaner die Herrenmenschen, und der Deutsche verachtet sie dafür - befreit, vor allem aber, weil er ihn braucht, um eine Verbrecherbande zu identifizieren, hinter der er her ist. Schultz ist Kopfgeldjäger, „Körper gegen Geld“, sagt er, „wie die Sklaverei“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Familiendrama Amerikaner erschießt Tochter und sechs Enkelkinder

In einem kleinen Dorf in Florida hat ein Großvater mehrere Familienmitglieder getötet. Kurz vor der Tat hatte er noch mit der Polizei telefoniert. Die 450 Einwohner zählende Gemeinde steht unter Schock. Mehr

19.09.2014, 03:48 Uhr | Gesellschaft
Liebestaumel im Konjunktiv

Nach der Scheidungskomödie eine Liebesgeschichte: Lisa Azuelo setzt in Ein Augenblick der Liebe Sophie Marceau als erfolgreiche Autorin und alleinerziehende Mutter in Szene. Mehr

07.08.2014, 18:32 Uhr | Feuilleton
Rhein-Main Mehrjährige Haft für zwei Cannabis-Züchter

Der Anbau von Marihuana-Pflanzen kommt zwei Männer aus dem Großraum Frankfurt teuer zu stehen. Sie müssen jeweils für mehrere Jahre in Haft, wie das Landgericht Frankfurt entschieden hat. Mehr

25.09.2014, 13:48 Uhr | Rhein-Main
The Unknown Known

Errol Morris gibt Donald Rumsfeld in seinem Film Raum sich darzustellen. Die heiklen Fragen an den wegen Kriegsverbrechen angeklagten ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister bleiben offen. Mehr

02.07.2014, 22:28 Uhr | Feuilleton
Reaktionen von Betroffenen Die Odenwaldschule ist unser aller Geschichte

Ist in dem Odenwaldschule-Film Die Auserwählten, der heute Abend im Ersten gezeigt wird, eine zutreffende Darstellung des Missbrauchsskandals gelungen? Das sagen Betroffene. Mehr

01.10.2014, 12:22 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.01.2013, 17:10 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1