26.02.2009 · In den Achtzigern war er ein Star, in den Neunzigern ein gefallener. Nun ist Mickey Rourke als „The Wrestler“ das Comeback gelungen. Als lädierter Muskelkoloss werden ihn viele einfach abstoßend finden, doch Rourke trägt den Film mit unnachahmlicher Präsenz mühelos fast ganz allein.
Von Peter KörteDas soll der schöne Johnny sein? Oder der Börsenmakler John, der Kim Basinger 9 ½ Wochen glühen ließ? Der smarte Robert, den sie „Boogie“ nannten, der mit seinen Freunden im „Diner“ saß? Dieses Körpermassiv aus Muskeln und Fett, das auf einem viel zu kleinen Stuhl vor einem viel zu kleinen Tisch sitzt und aussieht wie ein böser Riese, der in einem Kinderzimmer notgelandet ist? Da ist auch noch eine dieser glitzernden Strampelhosen, an denen man sofort den Wrestler erkennt, in Giftgrün, dazu eine strähnige, ungepflegte, blonde Mähne zur Hähnchenbräune aus dem Solarium.
Der Mann ist fertig, und wenn er sich steifbeinig und mühsam angezogen hat, muss er erst sein Hörgerät anschalten, bevor er sich in seinen Dodge Ram setzt und zu einem dieser Trailerparks fährt, die zwar eine Postadresse haben, aber immer im Nirgendwo liegen. An der Tür zu seinem Wohnwagen hat der Vermieter das Schloss ausgetauscht, weil er die Miete nicht bezahlt hat, und so muss er im Auto schlafen. So sieht einer aus, der ziemlich am Ende ist und so ungefähr der Einzige, der das nicht wahrhaben will.
Tobsuchtsanfall wegen Chihuahua
So sieht „The Wrestler“ aus, und „The Wrestler“, das ist Mickey Rourke, der Mann, der mal „Johnny Handsome - der schöne Johnny“ war, und man muss sich nicht sonderlich anstrengen, um die Parallelen zu sehen zwischen Randy „The Ram“ Robinson und dem Mann, der ihn spielt. Darren Aronofsky hat ja nicht zufällig an ihn gedacht, als er sich entschloss, das Drehbuch von Robert B. Siegel zu verfilmen. Aber das Interessante sind nicht die Parallelen, welche sich bekanntlich erst im Unendlichen berühren, es sind die Momente, in welchen die Linien auseinanderzustreben scheinen und den Mann auf der Leinwand immer wieder in die Vorhölle schlechtbezahlter Wrestling-Abende führen und seinen Darsteller ins Kodak Theatre mitten in Hollywood, wo heute Nacht die Oscars vergeben werden.
Es gab mal eine Zeit, da hätte man keinen Gedanken an solche Parallelen verschwendet, damals in den Achtzigern, als Mickey Rourke ein Star war, sexy und gefährlich, sanft und bedrohlich, als er seine Tolle trug und vor sich hin murmelte wie der junge Brando und sich abseits der Leinwand wie die bad guys aus seinen Filmen benahm. Er habe damals geglaubt, sein Schauspieltalent sei zu groß für Hollywood, hat er jetzt in einem Gespräch mit der „New York Times“ gesagt, und weil er es nicht besser gewusst habe, habe er sich damals mit allen Leuten angelegt und gar nicht gemerkt, wie selbstzerstörerisch das war. Er kam mit seinen Leibwächtern, Hell's-Angels-Rockern, an den Set, er machte dem Regisseur Alan Parker bei „Angel Heart“ die Arbeit zur Hölle, und er bekam, als er das Sequel zu „9 ½ Wochen“ drehte, einen Tobsuchtsanfall, weil der Regisseur Rourkes geliebten Chihuahua partout nicht im Film dulden wollte.
Gefallener schwarzer Engel mit Übergewicht
Mickey Rourke, der offenbar auch seinen Lebenslauf wie ein ständig umschreibbares Drehbuch behandelt hat, ist von dem Drehbuch eingeholt worden, das Hollywood immer wieder für die zornigen, wilden Männer schreibt: Aufstieg, Ruhm, Exzess, Größenwahn, Sturz. Ob er nun vor seiner Karriere erfolgreich geboxt hat, ob er später dann, als seine Hollywood-Karriere im freien Fall war, so erfolgreich war im Ring, das ist nur schwer nachzuprüfen. Zu sehen ist bloß, wie das Boxen sein Gesicht gezeichnet hat und seinen Körper, und zu sehen ist auch, dass er diesen Zustand ungeniert ausstellt, weil er sich nicht einfach mit stoischer Professionalität vierzig Pfund anfrisst wie Robert de Niro für „Raging Bull“, sondern den gefallenen schwarzen Engel mit Übergewicht und lädiertem Gesicht aus dem Stand spielen kann.
Er ist inzwischen 56, was einen ein wenig überrascht, weil er so lange weg war und das Bild des jungen Mannes sich besser gehalten hat als die späteren Gestalten aus seinem verlorenen Jahrzehnt, den neunziger Jahren; besser als der schmierige Anwalt mit den seidenen Anzügen, den dicken Ringen und der grauen Mähne in Coppolas „Rainmaker“ zum Beispiel.
Mickey Rourke kümmert sich heute um herrenlose, misshandelte Hunde, er hat seinen alten Chihuahua bis zu dessen Tod gehegt und gepflegt, und er hat, nicht erst in „Sin City“ (2005), den Mut zur Hässlichkeit, den er schon, allerdings mit deutlich mehr Hilfe des Maskenbildners, als Bukowskis Alter Ego in „Barfly“ (1987) bewies, und er hat auch den Mut, sich auf eine Weise zu zeigen, dass man sich fragen muss, ob seine Schauspielkarriere nicht unter einem ähnlichen Stern steht wie der Versuch von „The Ram“, wieder im Ring Fuß zu fassen.
Das Material seines eigenen Lebens
Der ganze Film ist um ihn herumgebaut, es gibt keine einzige Szene ohne ihn - was auch heißt, dass da niemand ist und dass ihm auch das Drehbuch nicht geben kann, was ihm fehlt. Nicht die Lapdancerin, von der er mehr will als nur den erotischen Tanz gegen Geld und die Marisa Tomei mit einer Mischung aus großer Härte und leiser Hoffnung spielt; auch seine Tochter (Evan Rachel Wood) nicht, die in einer lesbischen Beziehung lebt und der er, bei aller Bußfertigkeit, auch jetzt nur der miserable Vater sein kann, der er immer schon war.
Der Wrestler ist ein Mann, der erlöst werden will, vor allem von sich selbst, der den Weg der Reue gehen möchte, aber nicht demütig genug dafür ist. Er erleidet einen Herzinfarkt und hört doch nicht auf, sich zu prügeln, seinen Körper zu malträtieren und von Trittleitern auf seinen Widersacher im Ring zu springen. Er hält sich fest an den Ritualen des Profis, weil er nichts anderes hat. Aber weil es nicht ausreicht für den Lebensunterhalt, in Schulaulen aufzutreten, stellt er sich auch hinter die Wursttheke.
Wie einen Schatten aus dem Jenseits lässt er dieses Mickey-Rourke-Lächeln vorbeiziehen, das man, je nach Geschmack und Geschlecht, schmierig, verführerisch oder sinister finden kann, er lässt sich von den Kunden wegen fünf Gramm mehr oder weniger herumkommandieren, lässt die Frage an sich abperlen, ob er nicht „The Ram“ ist, und versucht dabei, die gute Laune unter der Plastikhaube zu behalten, um irgendwann dann doch mit der bloßen Hand auf die Maschine zu hauen, mit der die Wurst geschnitten wird, bis das Blut spritzt.
Diese Geste kann nur einer wie Mickey Rourke so intensiv spielen, wie ein Echo eigener Erfahrungen, weil er vermutlich selber erlebt hat, wie das ist, in einen Supermarkt zu gehen und sich fragen zu lassen: „Sind Sie nicht der Typ, nach dem Kim Basinger verrückt war?“ In Rourkes Spiel sind diese Erfahrung und zugleich der Ekel daran zu spüren, und genau das macht es so faszinierend, ihm dabei zuzusehen, wie er als Schauspieler mit dem Material seines eigenen Lebens arbeitet. Wie er, indem er „The Ram“ nicht einfach spielt, sondern ihn sich einverleibt, aus diesem Aufstieg-Fall-Comebackversuch-Schema herauskommen will, auch wenn der Weg des Wrestlers vom ersten Bild an kein Weg ins Licht ist, sondern ins Vergessen, gegen das es auch nicht hilft, wenn der Promoter ein Revival inszeniert, das ihn mit seinem alten Widersacher, „The Ayatollah“, zusammenbringt.
Proletenpassion aus Schweiß, Blut und Tod
Der Film inszeniert diesen Kontrast zwischen den Hoffnungen und den Realitäten am geschundenen Körper seines Hauptdarstellers, bis man unwillkürlich an die These von den zwei Körpern des Königs denken muss, an den Unterschied zwischen der sterblichen und der „übernatürlichen“, repräsentativen Gestalt; an die Differenz zwischen dem sichtbaren Verfall und dem Bild, welches das Kino in seine eigenartige Form der Unsterblichkeit überführt. Das wären dann die zwei Körper des Schauspielers. Und dieser Unterschied wird gerade dann am deutlichsten, wenn Aronofsky den Wrestler in Alltagskleidung zum Einkaufen oder nach dem Krankenhausaufenthalt zum Joggen schickt, bis er völlig entkräftet zusammenbricht und sich übergibt. In diesen Szenen ist Mickey Rourke über die Parodien hinaus, in die er schon früh seine eigenen Rollen verwandelt hat, als er etwa in Liliana Cavanis unfassbar schlechtem „Francesco“ den heiligen Franziskus spielte oder in dem Remake von „Desperate Hours“ (1990) die Karikatur eines psychopathischen Killers, den Humphrey Bogart 35 Jahre zuvor so unheimlich verkörpert hatte.
Das sind die größten Momente in Darren Aronofskys Film, weil da ein gefallener Star, ob nun bewusst oder unbewusst, von seiner eigenen Karriere erzählt und der Film das nicht ausweidet, sondern eben ein „übernatürliches“ Bild entwirft, so dass Mickey Rourke künftig wieder in einen Supermarkt gehen und sich anhören kann: „Hey, Sie waren großartig in ,The Wrestler'!“
Und wenn auch nicht alles schlüssig und präzise ist in Aronofskys Film - vor allem gegen Ende will er zu sehr auf die Proletenpassion aus Schweiß und Blut und Tod hinaus -, so ist es doch ein Film, der es riskiert, einen fast zwei Stunden lang mit einem Helden alleinzulassen, den viele einfach abstoßend finden. Mickey Rourke trägt diesen Film mühelos ganz allein, er hat eine Präsenz und eine schauspielerische Bandbreite, die ihn gerade von einem Entertainer wie „The Ram“ unterscheiden: Der Selbsterhaltungstrieb, der dem Wrestler immer mehr abhandenkommt, hat den Schauspieler an den Punkt gebracht, an dem er neben Sean Penn als „Milk“ der Einzige ist, der den Oscar für die beste männliche Hauptrolle wirklich verdient gehabt hätte.
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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