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Video-Filmkritik: „Die Wand“ Das Ende der Welt ist der Anfang des Waldes

Solo für Martina Gedeck: Julian Roman Pölsler hat Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ verfilmt. Aus dem Kultbuch der Frauen- und Ökologiebewegung wird ein Naturgemälde der Einsamkeit.

© Studiocanal, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Die Wand“

In einer Schulzeit, die lange vorbei ist, war es eine wiederkehrende Übung, zu Beginn des Klassenhalbjahres die neuen Lehrbücher in Schutzumschläge zu packen. Man faltete die bunten Plastikhüllen sorgsam um die Buchecken herum, strich sie mit der Handkante glatt und befestigte sie mit Klebestreifen. Die Bücher, auf diese Weise haltbar gemacht, gingen von Kinderhand zu Kinderhand und bewahrten ihre Form, selbst wenn ihr Inhalt längst unbrauchbar geworden war.

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Etwas Ähnliches hat jetzt der Regisseur Julian Roman Pölsler mit Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ gemacht. Das Buch, 1963 erschienen, erzählt von einer vierzigjährigen Frau, die durch eine unerklärte Katastrophe in einem Alpental eingeschlossen wird. Von der Außenwelt, in der offenbar alles menschliche Leben erloschen ist, durch eine undurchdringliche gläserne Wand getrennt, richtet sie sich mit einer Kuh, einem Hund und ein paar Katzen in der Wildnis ein.

Kultbuch der siebziger Jahre

In den siebziger Jahren war „Die Wand“ ein Kultbuch der Frauen- und der frühen Ökologiebewegung, und bis heute findet es gerührte und andächtige Leserinnen. Pölsler, der mit Fernsehserien wie „Die Hausmeisterin“ und „Auf immer und ewig“ bekannt wurde, musste zwanzig Jahre lang auf die Filmrechte warten. Im Sommer 2010 brach er dann mit acht Kameramännern ins Salzkammergut auf, um den Roman fürs Kino zu adaptieren.

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Diesen Aufwand sieht man dem Film an. Es gibt keine Einstellung in der „Wand“, die nicht aufs geschmackvollste austariert wäre, keine Wald- und Berglandschaft, kein Interieur und keinen Sternenhimmel, die nicht den Schönheitssinn des Betrachters kitzelten. Aber gerade in dieser Perfektion liegt auch die Schwäche von Pölslers Film. Er ist von seinen eigenen Bildern betrunken, bevor er uns mit seinem Rausch anstecken kann. Er hat sich an der Alpenlandschaft schon sattgesehen, bevor das, was dort geschieht, richtig in Gang gekommen ist. Und er klammert sich an seine Vorlage, als wäre sie ein Rettungsboot und nicht ein Ufer, von dem er sich abstoßen müsste.

Soundtrack der Einsamkeit

„Die Wand“ ist ein langer, in zahlreiche Rückblenden verschachtelter Monolog. Pölsler hat daraus zwei Monologe gemacht, einen der Bilder und einen der Worte. In dem einen sieht man die Heldin, gespielt von Martina Gedeck, durch den Hochwald laufen, ihre Kuh melken, ihr Tagebuch schreiben, ihren Kartoffelacker bestellen und am Ende einen Mann erschießen. In dem anderen schildert Gedecks Stimme aus dem Off mit den Worten des Romans, was wir gerade sehen. Über beiden erklingen Violin-Partiten von Bach und gefilterte Naturgeräusche, ein Edel-Soundtrack der Einsamkeit. Das ist die Strategie des Schutzumschlags: Die Geschichte wird für die Nachwelt eingepackt, aber die Impulse und Phantasien, die in ihr stecken, können nicht heraus, sie ersticken unter der Hülle.

Der Grund, „Die Wand“ dennoch anzuschauen, ist Martina Gedeck. Schon im „Leben der anderen“ und in „Jud Süß“ schrieb ihr Gesicht seinen eigenen Text, unabhängig vom Willen der Regisseure. Hier kann man ihr dabei zusehen, wie sie den Schmerz und die Ekstase des Alleinseins in immer neue stumme Aphorismen übersetzt. Das genügt.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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