Home
http://www.faz.net/-gs7-73h72
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik: „Die Wand“ Das Ende der Welt ist der Anfang des Waldes

Solo für Martina Gedeck: Julian Roman Pölsler hat Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ verfilmt. Aus dem Kultbuch der Frauen- und Ökologiebewegung wird ein Naturgemälde der Einsamkeit.

© Studiocanal, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Die Wand“

In einer Schulzeit, die lange vorbei ist, war es eine wiederkehrende Übung, zu Beginn des Klassenhalbjahres die neuen Lehrbücher in Schutzumschläge zu packen. Man faltete die bunten Plastikhüllen sorgsam um die Buchecken herum, strich sie mit der Handkante glatt und befestigte sie mit Klebestreifen. Die Bücher, auf diese Weise haltbar gemacht, gingen von Kinderhand zu Kinderhand und bewahrten ihre Form, selbst wenn ihr Inhalt längst unbrauchbar geworden war.

Andreas  Kilb Folgen:    

Etwas Ähnliches hat jetzt der Regisseur Julian Roman Pölsler mit Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ gemacht. Das Buch, 1963 erschienen, erzählt von einer vierzigjährigen Frau, die durch eine unerklärte Katastrophe in einem Alpental eingeschlossen wird. Von der Außenwelt, in der offenbar alles menschliche Leben erloschen ist, durch eine undurchdringliche gläserne Wand getrennt, richtet sie sich mit einer Kuh, einem Hund und ein paar Katzen in der Wildnis ein.

Kultbuch der siebziger Jahre

In den siebziger Jahren war „Die Wand“ ein Kultbuch der Frauen- und der frühen Ökologiebewegung, und bis heute findet es gerührte und andächtige Leserinnen. Pölsler, der mit Fernsehserien wie „Die Hausmeisterin“ und „Auf immer und ewig“ bekannt wurde, musste zwanzig Jahre lang auf die Filmrechte warten. Im Sommer 2010 brach er dann mit acht Kameramännern ins Salzkammergut auf, um den Roman fürs Kino zu adaptieren.

Mehr zum Thema

Diesen Aufwand sieht man dem Film an. Es gibt keine Einstellung in der „Wand“, die nicht aufs geschmackvollste austariert wäre, keine Wald- und Berglandschaft, kein Interieur und keinen Sternenhimmel, die nicht den Schönheitssinn des Betrachters kitzelten. Aber gerade in dieser Perfektion liegt auch die Schwäche von Pölslers Film. Er ist von seinen eigenen Bildern betrunken, bevor er uns mit seinem Rausch anstecken kann. Er hat sich an der Alpenlandschaft schon sattgesehen, bevor das, was dort geschieht, richtig in Gang gekommen ist. Und er klammert sich an seine Vorlage, als wäre sie ein Rettungsboot und nicht ein Ufer, von dem er sich abstoßen müsste.

Soundtrack der Einsamkeit

„Die Wand“ ist ein langer, in zahlreiche Rückblenden verschachtelter Monolog. Pölsler hat daraus zwei Monologe gemacht, einen der Bilder und einen der Worte. In dem einen sieht man die Heldin, gespielt von Martina Gedeck, durch den Hochwald laufen, ihre Kuh melken, ihr Tagebuch schreiben, ihren Kartoffelacker bestellen und am Ende einen Mann erschießen. In dem anderen schildert Gedecks Stimme aus dem Off mit den Worten des Romans, was wir gerade sehen. Über beiden erklingen Violin-Partiten von Bach und gefilterte Naturgeräusche, ein Edel-Soundtrack der Einsamkeit. Das ist die Strategie des Schutzumschlags: Die Geschichte wird für die Nachwelt eingepackt, aber die Impulse und Phantasien, die in ihr stecken, können nicht heraus, sie ersticken unter der Hülle.

Der Grund, „Die Wand“ dennoch anzuschauen, ist Martina Gedeck. Schon im „Leben der anderen“ und in „Jud Süß“ schrieb ihr Gesicht seinen eigenen Text, unabhängig vom Willen der Regisseure. Hier kann man ihr dabei zusehen, wie sie den Schmerz und die Ekstase des Alleinseins in immer neue stumme Aphorismen übersetzt. Das genügt.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Goldene Kamera Stürmische Umarmungen und eine angetäuschte Auszeichnung

In Hamburg ist zum fünfzigsten Mal die Goldene Kamera verliehen worden. Susan Sarandon, Kevin Spacey und Danny DeVito brachten einen Hauch Hollywood mit zur Gala, die ansonsten wenig Glanzpunkte bot. Immerhin waren zwei Preisträger ehrlich überrascht. Mehr

28.02.2015, 10:55 Uhr | Feuilleton
Yoga Tablet 2 Pro Mit dem Tablet das Kino ins Schlafzimmer holen

Das ist mal eine pfiffige Idee: Der Flachrechner hat einen Beamer eingebaut. Der wirft nicht nur Powerpoint an die Wand, sondern auch Filme. Mehr

05.12.2014, 10:15 Uhr | Technik-Motor
Rangliste der Musikindustrie Taylor Swift verkaufte sich 2014 am besten

Keiner hat 2014 so viele Platten verkauft wie Taylor Swift. Ihr Album 1989 wurde allein in der ersten Woche 1,2 Millionen Mal gekauft. Trotzdem war ein anders Album noch beliebter. Mehr

24.02.2015, 05:50 Uhr | Feuilleton
Lörrach Das Loft Bijou über den Dächern der Stadt

In einem ehemaligen Restaurant im baden-württembergischen Lörrach nahe der Schweizer Grenze haben sich Marlen und Dieter Righetti ein Wohnparadies geschaffen. Ihr Loft liegt im 14. Stock eines Hochhauses, das früher einmal ein Hotel war. Mehr

03.01.2015, 08:02 Uhr | Stil
Neues Scorpions-Album Stichtag für den Stahlstachel

Seit fünfzig Jahren gibt es sie, sie füllen Stadien von Asien bis Amerika, und ihr Sänger singt das deutscheste Amerikanisch aller Zeiten. Heute veröffentlichen die Scorpions ihr wohl letztes Studioalbum. Mehr Von Dietmar Dath

20.02.2015, 13:22 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.10.2012, 17:32 Uhr

Blinde Flecken der westlichen Welt

Von Mark Siemons

Zur Buchvorstellung des vierten Bandes von Heinrich-August Winklers „Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart“ saßen sich der Autor und Frank-Walter Steinmeier in der Berliner Nikolaikirche gegenüber – und erzählten sich was. Mehr 2 4