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Video-Filmkritik : Die Vertreibung aus dem Lügenparadies

  • -Aktualisiert am

Bild: Paramount

Jason Reitmans „Young Adult“ ist eine meisterhafte Komödie der unromantischen Art. Charlize Theron spielt eine Mittdreißigerin, die immer noch illusionären High-School-Träumen nachhängt.

          Die Stadt Minneapolis im amerikanischen Bundesstaat Minnesota wird auch „Miniapple“ genannt. Darin schwingt ein zartes Eingeständnis der eigenen Provinzialität mit, denn die Unterschiede zum „großen Apfel“ New York sind nicht von der Hand zu weisen. Aber auch Minneapolis kann einen großen Sprung bedeuten, wenn man aus einem Kaff irgendwo im Mittleren Westen kommt, wie zum Beispiel Mavis Gary, die Hauptfigur in Jason Reitmans Komödie „Young Adult“.

          Mavis lebt als Single in einer Wohnwabe mit Balkon und Internetanschluss. In den ersten Szenen des Films kämpft sie sich morgens mühsam aus dem Bett, packt eine überdimensionale Softdrinkflasche und trinkt gierig gegen den Flüssigkeitsverlust an, der wohl durch zu viel Alkohol am Vorabend entstanden ist.

          Mavis (Charlize Theron) ist ein Problemfall, das macht jedes der vielen bewusst gesetzten Details in dieser Exposition deutlich. Sie ist reif für eine Kur, die das amerikanische Kino in solchen Fällen schon oft verschrieben hat: Sie muss zurück aufs Land, um im nachbarschaftlichen Amerika der kleinen Läden und kurzen Wege zu sich selbst zurückzufinden. Tatsächlich macht sich Mavis wenig später auf den Weg.

          Im Kassettenrecorder ihres Kleinwagens lässt sie ein Mixtape laufen, mit dem vor vielen Jahren eine große Liebe beschallt wurde: Mavis Gary und Buddy Slade waren ein Traumpaar, das aber den Test der Zeit nicht bestand. Nun ist Buddy mit Beth verheiratet, das erste Kind kam gerade zur Welt und wurde in jener Massen-E-Mail der Welt kundgetan, die auch Mavis erreichte und zu einem Entschluss trieb. Sie möchte Buddy zurückhaben, auch wenn das bedeutet, dass sie eine Familie zerstören muss.

          Kaum Gelegenheit für Komik

          Die Probleme, die in „Young Adults“ verhandelt werden, sind denen des letztjährigen Komödienhits „Bridesmaids“ sehr ähnlich, doch der Tonfall ist ein völlig anderer. Das liegt ganz wesentlich an der Drehbuchautorin Diablo Cody, die nach „Juno“ hier zum zweiten Mal mit Jason Reitman zusammenarbeitet. Cody hat für Charlize Theron eine Rolle geschrieben, die umso schwieriger zu balancieren ist, als es in „Young Adult“ kaum Gelegenheiten für Komik gibt.

          Dies ist eine verhinderte Komödie, und im Maß dieser Verhinderung liegt nicht nur der Unterschied zu konventioneller Konkurrenz (“Sweet Home Alabama“ mit Reese Witherspoon), sondern die spezifische Größe von „Young Adult“. Umso mehr, als die Verhinderung auf prekäre Weise mit einer konkreten körperlichen Behinderung zusammenhängt.

          Unzynische Komplementärfigur

          Denn Mavis trifft in ihrer Heimatstadt zunächst auf Matt (gespielt von dem Comedian Patton Oswalt), der nach einem „hate crime“ aufgrund vermeintlicher Homosexualität während der Schulzeit fürs Leben gezeichnet ist. In diesem erstaunlich unzynischen Matt findet Mavis eine Komplementärfigur, in der sich selbst in ihren eigenen Versehrungen zu erkennen sie anfänglich aber nicht in der Lage ist.

          Die ganze Intelligenz von „Young Adult“ lässt sich schließlich auf das Motiv zurückführen, das der Titel angibt. Denn Mavis ist von Beruf Autorin, sie hat lange unter Pseudonym eine dieser Buchreihen für Teenager geschrieben, die im Buchhandel unter „Junge Erwachsene“ rubriziert werden. Sie sitzt gewissermaßen ihrer eigenen Ideologiebildung auf und wird nun aus der Verblendung geführt.

          Vertreibung aus dem Jugendparadies

          Ein langes Gespräch gegen Ende, in dem Mavis der Schwester von Matt gegenübersitzt und in dem Reitman und Cody das eigene Publikum in ihrem Film repräsentieren, erweist sich dabei als entscheidend.

          Hier wird noch einmal die Differenz zwischen der kleinen Welt der Provinz und dem „kleinen Apfel“ benannt, der auf eine spezifisch amerikanische Sündenfall-Mythologie verweist: Die Vertreibung aus dem Paradies der Illusionen hat unmittelbar mit einer Logik der Genres zu tun. „Young Adult“ ist ein Meisterwerk der „unromantic comedy“.

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