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Video-Filmkritik : Die Liebe springt im Dreieck: „Vicky Cristina Barcelona“

Bild: Concorde

Jedes Jahr ein Film, aber nicht jedes Jahr eine neue Idee: Harmlos und onkelhaft erzählt Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“ die Liebesabenteuer zweier junger Amerikanerinnen in Spanien. Den feinen Unterschied machen Penélope Cruz und Scarlett Johansson.

          Vielen Zuschauern geht es ja mit Woody Allen wie enttäuschten Bahnkunden, die an einer stillgelegten Strecke immer noch auf den nächsten Zug warten. Sie hoffen trotzig und unverdrossen, dass ihr Woody mal wieder so lustig und neurotisch sein könnte wie in den achtziger Jahren - doch er tut ihnen den Gefallen nicht, weil er weiß, dass Komödien kein ideales Genre für Nostalgiker sind und dass man für seinen eigenen Humor von vor zwanzig Jahren allenfalls ein Meta-Lächeln übrig hätte. Das ist die gute Nachricht.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die schlechte aber ist, dass Woody Allen - 72 Jahre ist er inzwischen auch schon - in Interviews erklärt hat, sein neuer Film sei gar keine Komödie; er handle von Beziehungen. So betrachtet, ist er gleich doppelt gescheitert, und Allens Ortswechsel von London nach Barcelona hat ihm auch nicht viel geholfen. Für ein Beziehungsdrama ist „Vicky Cristina Barcelona“ zu albern und zu einfältig; für eine Komödie dagegen hat er zu wenig Witz und auch nicht genug Sophistication.

          Der Onkel erzählt

          Der Titel erzählt bereits die ganze Geschichte im Telegrammstil. Die dunkelhaarige Vicky (Rebecca Hall) und die blonde Cristina (Scarlett Johansson) kommen aus Amerika, um den Sommer in Barcelona zu verbringen. Vicky schreibt eine Abschlussarbeit über katalanische Identität; Spanisch, geschweige denn Katalanisch spricht sie nicht. Cristina hat gerade einen Kurzfilm gedreht, der von den Schwierigkeiten handelt, die Liebe zu definieren. Vicky ist mit einem Super-Langweiler von der Wall Street verlobt, Cristina hat einen fatalen Hang zu unglückseligen Abenteuern. Das ist mäßig lustig, aber als Ausgangssituation noch akzeptabel - würde man nicht gleich zu Beginn durch eine onkelhafte Off-Stimme darüber informiert, deren Ton einem mit der Zeit immer mehr auf die Nerven geht.

          Leider hat diese Onkelhaftigkeit den ganzen Film erfasst. Wie er auf die beiden jungen Frauen schaut, das ist ein Fall von - wenn es das denn gibt - sittsamem Voyeurismus. Wohlgefällig ruht das Auge der Kamera auf den beiden sommerlich leicht gekleideten Touristinnen, streift mit ihnen durch die Stadt, die sich präsentiert wie in einem Werbefilm der katalanischen Fremdenverkehrszentrale, Tagesausflug nach Oviedo und Abstecher in die Natur inklusive. Man sollte diese Bilder nun auch nicht für den Ausdruck besonders subtiler Ironie halten, weil sie einem angeblich die Schönheiten der Stadt durch die naiven Augen der beiden Amerikanerinnen zeigen - dazu ist die Sightseeing-Optik einfach viel zu ungebrochen. Jenseits seiner kurzen Bergman-Phase, die dessen langjähriger Kameramann Sven Nykvist auch personell beglaubigte, war Woody Allen allerdings nie ein visuell sonderlich einfallsreicher Regisseur; woran sich niemand ernsthaft störte, wenn Timing, Dialoge und Story stimmten.

          Wenn alte Männer erzählen

          Darauf wartet man hier lange - und vergeblich. Ein feuriger Bilderbuch-Spanier, der sehr großformatig und abstrakt malt, muss ins Spiel kommen, und Javier Bardem hat sichtlich Spaß an dieser Rolle des Latin Lovers, nachdem er eben noch ein psychopathischer Killer in „No Country for Old Men“ war. Und der Spaß wird dadurch nicht geringer, dass die Ex-Frau des Malers, die ebenfalls Malerin ist und ihn angeblich fast erstochen hätte, nun als sehr leicht entflammbare Person wieder auftaucht. Penélope Cruz, die mit hartem Englisch und hitzigem Temperament die Nähe von Genie und Wahnsinn illustrieren darf, strahlt selbst dann, wenn sie hinreißend auf Spanisch schimpft, mehr Erotik und Esprit aus als die biederen Amerikanerinnen zusammen, die eine nach der anderen dem Maler verfallen, bis sich dann zwischen Cristina, Maler und Malerin eine seltsame Ménage à trois ergibt, die natürlich auf Dauer nicht gut gehen kann. Und selbst unser Mann von der Wall Street darf noch ein Ticket nach Barcelona lösen.

          Der Onkel im Erzähler findet das offenbar alles ganz launig, er streut seine süffisanten Kommentare ein und nimmt sie letztlich alle nicht ernst; er macht sich aber auch nicht so über sie lustig, dass man mitlachen möchte, und Bosheit liegt ihm fern - was seine ganze Haltung ziemlich gönnerhaft erscheinen lässt. Wie das eben so ist, wenn ältere Herren im Plauderton Geschichten über junge Leute erzählen: sehr harmlos, mit Anflügen freundlicher Besserwisserei, wie in einer besseren deutschen Fernsehkomödie, in der die Dialoge allerdings hölzerner sind und man natürlich ohne Scarlett Johanssen oder Penélope Cruz auskommen muss - was dann doch einen feinen Unterschied macht.

          Quelle: F.A.S.

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