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Video-Filmkritik Die Geschäfte des Herrn Abraham

Bisher hat sich Steven Spielberg mit historischen Stoffen schwergetan. Mit „Lincoln“ erweist er sich als Meister des parlamentarischen Kostümfilms.

© 20th Century Fox, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Lincoln“

Eigentlich ist alles ganz einfach. Wenn zwei Dinge einem dritten gleichen, dann sind sie auch einander gleich - so hat es Euklid erklärt, der alte Grieche, und so wiederholt es der alte, müde, unter einer Wolldecke fröstelnde Abraham Lincoln vor seinen Adjutanten, die mit ihm in der Nachrichtenzentrale des Weißen Hauses sitzen und darauf warten, dass er ihnen ein nächtliches Telegramm diktiert. Es geht darum, was mit der Friedensdelegation aus den Südstaaten passieren soll.

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Der Amerikanische Bürgerkrieg geht in sein fünftes Jahr, die Konföderierten sind erschöpft, und auch der siegreiche Norden hat von Pulverdampf und Blut genug. Das Angebot aus Richmond würde in Washington auf offene Ohren stoßen, Lincoln muss die Delegierten, die eine Tagesreise entfernt auf einem Flussdampfer warten, nur noch empfangen. Aber er zögert.

Sklaverei und Unterdrückung

Und dann fällt ihm Euklid ein, ein Lehrsatz in einem Schulbuch, und seine Anwendung in der Wirklichkeit: Schwarze sind Menschen, Weiße sind Menschen, also müssen beide einander gleichgestellt sein. Alles ganz einfach und doch so ungeheuer schwierig, ja unmöglich. Vier Jahre lang haben Nord- und Südstaaten, Union und Konföderierte deshalb gegeneinander gekämpft, und noch immer ist die Sklaverei nicht abgeschafft.

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Hunderte sterben täglich in den Schützengräben vor Wilmington und Petersburg, aber das, was sie dazu treibt, einander mit Bleikugeln und Bajonetten zu ermorden, existiert noch immer, und es wird weiterexistieren, falls der Frieden allzu früh zustande kommt. Und darum diktiert der sechzehnte Präsident der Vereinigten Staaten in dieser Nacht des 29. Januar 1865 ein Telegramm, das den Lauf der Geschichte ändert, indem es einen Schaufelraddampfer ohne Angabe von Gründen an seinem Ankerplatz am James River in City Point, Virginia, festhält.

Virtuoseste Ausdruckskunst

Es geht um Politik in diesem Film, um das, was einer tun muss, um ein Ziel zu erreichen, das mit anderen, schwächeren Mitteln nicht erreicht werden kann. Und es geht um das Gewissen eines Mannes. Das eine ist in „Lincoln“ ohne das andere nicht denkbar, und doch sind es zwei völlig verschiedene Dinge. Denn die innere Bewegung des Mannes, der Abraham Lincoln war, lässt sich schauspielerisch ausdrücken, und so, wie Daniel Day-Lewis ihn spielt, mit marionettenhaften Bewegungen, wurmstichiger Stentorstimme und linkischem Lächeln im Kolkrabengesicht, scheint er mit Lincoln selbst im Jenseits über seine Rolle konferiert zu haben, so restlos ist dessen Statur und Physiognomie in ihn übergegangen.

Aber das, was in den vier Januarwochen des Jahres 1865 geschieht, in denen Lincoln den dreizehnten Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei durch den amerikanischen Kongress zu bringen versucht, ist auch durch virtuoseste Ausdruckskunst nicht gänzlich darstellbar, denn es gehört zu jener Sphäre der Intrigen, Kuhhandel, Maskeraden, Spiegelfechtereien und Schattenkämpfe, in der die eigentlich historischen Entscheidungen reifen.

Eine dahinsiechende Ehe

Und in dieser Welt der sogenannten hohen und in Wahrheit oft vor Niedrigkeit strotzenden Politik bewegt sich Steven Spielberg, nach seinen bisherigen Filmen zu urteilen, mit derselben eckigen Unbeholfenheit, mit der sein Titelheld über das knarrende Parkett des Weißen Hauses schlurft. In „Munich“, in „Amistad“, in „Die Farbe Lila“ und im „Reich der Sonne“ hat man gesehen, was mit Spielbergs Kino passiert, wenn es Geschichte, Realgeschichte schreiben will - es stolpert, hechelt, schwitzt, gerät aus dem Tritt.

Umso größer ist die Überraschung von „Lincoln“. Keine Liebesgeschichte diesmal, kein Gral, kein Ufo, kein Hai. Stattdessen ein parlamentarisches Verfahren, so knochentrocken und zäh wie alle Dramen der Demokratie. Mehrheiten, Minderheiten, Männer mit Vollbärten, Zöpfen und Stehkragen, die sich gegenseitig als „Holzkopf“, „Gezücht“, „Abraham Africanus“ oder „Verräter“ beschimpfen und dabei qualmende Zigarren zerkauen. Eine dahinsiechende Präsidentenehe, erstarrt in wortlosem, von gelegentlichen Brüll-Duetten unterbrochenem Waffenstillstand. Bittsteller, Handlanger, Betonköpfe im Samtanzug, Kriecher, Hetzer, Bauernfänger. Und doch ist alles groß und leuchtet. Und doch ist alles an seinem Platz.

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