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Video-Filmkritik Der Wahn vom Schwan: „Black Swan“

Darren Aronofsky erzählt mit „Black Swan“ eine Horrorgeschichte aus der Welt des Balletts. Natalie Portman brilliert als Primaballerina mit Wahnvorstellungen.

© Twentieth Century Fox Vergrößern Video-Filmkritik: Darren Aronofskys „Black Swan“

Auch wer vom Tanz überhaupt nichts versteht, kennt Tschaikowskys „Schwanensee“ - als Apotheose der klassischen Tänzerin, als Gegenstand von Travestie und als Gassenhauer des Balletts. Jede Aufführung ein Wagnis, jeder Flügelschlag der Schwäne im zweiten und vierten Akt auf Messers Schneide zwischen hoher Kunst und Armgewedel. Perfektion ist die einzige Rettung vor der Lächerlichkeit. Doch wenn sie tatsächlich erreicht wird, ist „Schwanensee“ immer noch einer der Höhepunkte des klassischen Repertoires.

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Ein Märchen mit einem Prinzen, einem Zauberer, einer von ihm zur Schwänin verhexten Prinzessin und ihrer Zwillingsschwester - weiß und rein die eine, Odette, schwarz und böse die andere, Odile, fast immer getanzt von derselben Ballerina, technisch höchst anspruchsvoll, darstellerisch in der Gegensätzlichkeit der beiden Schwäne schwierig. Der Glanzpunkt der Karriere einer jeden Solistin. Die Rolle, auf die alles im Leben einer klassischen Tänzerin hinausläuft. Ein Horror, wenn man so will - falls alles gutgeht, der Endpunkt selbstmörderischer Disziplin von Kindertagen an (danach kommt nichts mehr), wenn es schiefläuft allerdings der Absturz trotz aller Disziplin, die nun vergeblich war. Denn erst wo die Disziplin endet, fängt der Tanz an, und Odette/Odile ist die Rolle, bei der das jeder Banause noch merkt.

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Darren Aronofsky versteht vom erbarmungslosen Einsatz des eigenen Körpers und von Selbstverletzung einiges, wenn man an seinen letzten Film, „The Wrestler“, denkt und natürlich auch an seinen Drogenfilm „Requiem for a Dream“. Man könnte sagen, er ist verrückt danach, extreme Körperobsessionen auszuleuchten, ganz gleich, ob ihr Ziel die hohe oder niedere Kunst oder auch nur der Rausch ist, der mit den Künsten die Entgrenzung teilt, auf die jede Arbeit am eigenen Leib hinausläuft. Vor jemandem wie ihm jedenfalls lässt sich die dunkle Seite der Ballettwelt mit ihren Kindfrauen in Tutus nicht verbergen, und sie ist der Hintergrund wie auch der Nährboden seiner Vision vom weißen und vom schwarzen Schwan.

„Schwanensee“ im Alltagsleben

Die Geschichte seines Films „Black Swan“ ist eine Art ins Alltagsleben transponierter „Schwanensee“. Der charismatische Choreograph Thomas (Vincent Cassel) bringt in New York eine neue Choreographie des Stücks heraus, serviert seinen Star (Winona Ryder) ab und besetzt Nina (Natalie Portman) als Schwanenkönigin, nicht ohne ihr deutlich zu sagen, er traue ihr mit ihrer makellosen Technik den weißen Schwan ohne weiteres zu, den schwarzen aber eher nicht. Zu frigide sei sie, zu kontrolliert. Wie der Zauberer Rotbart aus dem Stück bringt er eine Doppelgängerin ins Spiel, Lily (Mila Kunis), die manchmal Freundin ist und manchmal hinterlistige Konkurrentin, um aus Nina etwas herauszukitzeln, was Leidenschaft sein könnte, Ekstase oder auch nur Bosheit.

Außerdem lebt Nina in einer engen Wohnung auf der Upper West Side mit ihrer dämonischen Mutter (Barbara Hershey) zusammen, einer gescheiterten Tänzerin, die ihre Tochter in deren vollkommener Fixierung aufs Ballett bestärkt, sie andererseits aber auch verunsichert, die ihren Aufstieg vorgeblich fürsorglich, eigentlich aber eifersüchtig hintertreibt und ihr Erwachsenwerden mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Und dann ist da natürlich Nina selbst - eine schauspielerische tour de force für Natalie Portman, gerechterweise gerade belohnt mit einem Golden Globe, dem ersten Etappensieg auf dem Weg zum Oscar.

Aronofsky zeigt das Zerrbild im Spiegel

Nina ahnt, was ihr fehlt, während sie auf ihre rosafarbenen Kuscheltiere und ihre Spieluhr mit sich drehender Tänzerin schaut - Lebenserfahrung nämlich, und um nachzuholen, was ihrem Training zum Opfer fiel, geht sie aus, trinkt, nimmt Drogen, hat Sex. Oder träumt sie nur davon? Ebenso vielleicht wie von einer Doppelgängerin, die ihr in einer dunklen Gasse auflauert? Den Schatten, die durchs nächtliche Theater huschen, den Kratzern auf ihrem Rücken, wo vielleicht Flügel wachsen könnten, den blutigen Nagelbetten an ihren Fingern, die wundersam sofort wieder verheilen?

Aronofsky rückt seinen Figuren immer auf die Haut, die Kamera, die ihnen sozusagen im Nacken sitzt, ist sein Markenzeichen. Nina kann keinen Schritt tun, ohne dass die Kamera sie verfolgte. Wir teilen also ihren mitunter verzerrten Blick auf die Welt und die Ereignisse, sehen, was sie im Spiegel sieht, haben ihre Visionen und Albträume. Aus ihrer Perspektive, die nah ist und unterwürfig, wölbt sich die Mutter mit im Fischauge verbreiterten Zügen über sie wie eine Hexe, reckt sich Vincent Cassel phallisch neben ihr, um den Tanz zu beginnen, oder starrt sie ihr eigenes Spiegelbild in der Subway drohend an.

Erfolglose Suche nach Transzendenz

Wenn die Kamera statt mit ihr auf Spiegelungen und Doppelgänger von außen auf Nina schaut, sehen wir lange ein verschrecktes Schmerzensmädchen, einen Körper der Entsagungen, der nur von Kontrolle erzählt, niemals von Lust. Auch nicht von der Lust am Tanzen. Und dann die Verwandlung, die Verschmelzung mit der Rolle des schwarzen Schwans, mit dem Bösen, das sie nicht verkörpern kann, sondern das sie werden muss, um den Ausdruck dafür zu finden. Die Musik von Clint Mansell vollführt dieselbe Bewegung, indem sie Tschaikowskys Melodien verfremdet und ins Hysterische kippen lässt.

Man kann das alles für völlig überspannt halten. Aber ist nicht gerade das die angemessene Form für eine Geschichte vom Ballett, heute? Einer Geschichte von der erfolglosen Suche nach Transzendenz, die in das Missverständnis mündet, Anverwandlung sei auch noch ein Weg zur Kunst? Letztlich ist „Black Swan“ (wie auch der größte Tanzfilm der Kinogeschichte, „Die roten Schuhe“) eine Erzählung von der Auflösung des Prinzips der Repräsentation. Es ist die Horrorgeschichte vom Einswerden von Leben und Kunst.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.

 
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