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Veröffentlicht: 18.10.2011, 16:00 Uhr

Video-Filmkritik Der transidentische Schmetterling blinzelt

Pedro Almodóvars Film „Die Haut, in der ich wohne“ erzählt in Märchenfarben eine abseitige Geschichte. Antonia Banderas spielt einen Chirurgen, der für die Wiederherstellung seiner verstorbenen Frau vor nichts zurückschreckt.

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© F.A.Z., Tobis Video-Filmkritik: „Die Haut, in der ich wohne“

Ihr Blick schläft nie. Vor ein paar Monaten war sie noch eine ganz andere Sorte Mensch als jetzt. Nach der Erinnerung daran sucht sie im Spiegel, auf dem Bildschirm, im gemalten und geschriebenen Tagebuch an der Wand. Dann fragt sie den vornehmen und beherrschten Irren, der sie geschaffen hat: "Hast du noch etwas, was du verbessern willst?" Er verneint. "Darf ich mich dann als fertig betrachten?" Er stimmt zu. "Wenn ich fertig bin, was machst du dann mit mir?"

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Pedro Almodóvars gelassen unartiger Film "Die Haut, in der ich wohne" gibt ihr darauf eine Antwort, die in die Frage zurückstürzt und sie von innen nach außen krempelt. Phänotyp und Genotyp, Brüderchen und Schwesterchen, Künstler und Muse: Ich atme dich, und du willst ich werden. Am Ende der Verwandlung von Wort in Fleisch, Kommentar in Haupttext, Prinz in Prinzessin steht etwas sehr viel Schlimmeres, Lustigeres und Mehrdeutigeres, als die Akteurinnen und Akteure alleine aushalten würden. Zum Glück sind sie ein Ensemble und holen daher gerade so viel aus ihren Wechselgesängen, wie die Melodienfülle dieser stachligen Oper erlaubt. Sie berühren sich und die andern, aus Neugier, Zuneigung, Eifersucht. Sie schießen aufeinander. Sie kaufen teure Gleitcreme, springen aus dem Fenster und zerfetzen hübsche Kleidchen. Wer sind sie?

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Das polyphrene Lachkabinett des Doktor Almodóvar: Antonio Banderas, Arzt ohne Ehrfurcht vor dem biologischen Schicksal, schnippelt, näht, pflanzt und züchtet sich einen Traum zurecht. Jan Cornet, hitzig adoleszenter Möchtegernvergewaltiger, zieht sein Opfer, das er nicht schänden kann, so vorsichtig wieder an, als wollte er sich entschuldigen. Marisa Paredes, ergraute Mutter, Hexe und Verführerin, alt, aber gelenkig, hetzt ihre Kinder aufeinander, um eine unsühnbare Schuld loszuwerden. Roberto Álamo, Clown in Raubtiermaske, dessen Schritt ein Katzengesicht ziert, fällt über eine Erinnerung her, weil er Libido mit Ehre verwechselt. Elena Anaya, Spielzeug aus Fleisch und Blut, emanzipiert sich von der eigenen Verpackung, ohne sie abzustreifen.

Alle Leute in diesem Film sind Ungeheuer, und alle sind zugleich unschuldige Kinder. Almodóvar schmeißt ihnen eine Party und kitzelt sie dabei langsam zum Höhepunkt. Manchmal reden sie, nur scheinbar aneinander gewandt, direkt mit dem Regisseur, also dem Schicksal: "Woher willst du wissen, wie ich empfinde, wenn ich es selbst nicht weiß?", beschwert sich Antonio Banderas, der seit seiner Rolle als Che Guevara in "Evita" mit Madonna nicht mehr auf so dünnem Eis tanzen durfte. Ein Macho lernt, sich zu entblößen, und wird so überraschend zum tragischen Hahnrei, weil der Part, den er spielt, als einzigen anderen Ausweg die Selbstdegradierung zur Witzfigur anbietet, der er um Haaresbreite entgeht - Zurr den Trenchcoatgürtel fester, böser Held, und halt deine Pistole gerade!

Streicheln süßer Widersprüche

Dampfende Männerleidenschaft stellt er eher beiläufig dar, als eine Art Nebenberuf; in den Szenen aber, die er mit der gemütskranken Tochter teilt, sehen wir eine Fürsorglichkeit, die sagt: Aus Antonio Banderas hätte eine tolle Mutter werden können, wäre das Kino nicht auf seinen kantigen Kopf hereingefallen.

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