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Video-Filmkritik : Der Stunt der Dinge: Tarantinos „Death Proof“

Bild: Senator

Quentin Tarantinos neuer Film „Death Proof“ ist ein Schocker mit allem, was dazugehört: Krach, Gewalt und Geschwindigkeit. Und zugleich eine sensible Meditation über das Verhältnis von Frauen und Männern.

          Dieser Film, um das Wichtigste gleich mal abzuhaken, dieser Film, der, unter anderem, davon handelt, dass unglaublich viel geredet, noch mehr getrunken und gekifft und wenig später auch gestorben wird, dieser Film, der einen Lapdance zeigt, eine einigermaßen obszöne Angelegenheit; außerdem ein paar ziemlich drastische Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung mit der Folge, dass Leichenteile über die Leinwand fliegen, und Schrott, unfassbar viel Schrott, wird aus dem, was anfangs hübsche Autos waren, dieser Film, dessen Bilder, auf den ersten Blick zumindest, so abgenutzt und beschädigt aussehen, als ob die Kopie seit fünfundzwanzig Jahren in einem Bahnhofskino in Ihrer Nähe liefe, dieser Film ist vermutlich eines der schönsten, wahrsten und sensibelsten Werke, die in diesem Jahr in unsere Kinos kommen: ein Film, der einen dazu bringt, wenn die Schocks des Schlusses einigermaßen verdaut sind, laut „hurra!“ zu brüllen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und dann möchte man am liebsten gleich wieder ins Kino gehen, weil man, kaum fängt man damit an, sich an Quentin Tarantinos „Death Proof“ zu erinnern, möglichst schnell überprüfen muss, ob er wirklich so gut ist, wie es einem die Bilder und Szenen im eigenen Kopf suggerieren.

          Die Töne und Bilder mit dem Körper lesen

          Quentin Tarantino hat, mit „Pulp Fiction“ und, vielleicht nicht ganz so konsequent, mit „Kill Bill“, bewiesen, dass er aus Sätzen, Szenen und Musik etwas mischen kann, das wie ein Suchtgift wirkt - man will mehr, immer wieder mehr von diesem Stoff, der wohl, auch wenn das Wort so schrecklich abgenutzt ist, als Pop bezeichnet werden muss, weil hier, wie im Vierminutenhit des Sommers (hat „Wait a Minute!“ von den Pussycat Dolls noch eine Chance?) vom Publikum verlangt wird, dass es die Distanz, welche normalerweise die Rezeption der Kunstwerke vom unmittelbaren Erleben trennt, aufgebe und, statt Zeichen zu deuten, die Töne oder Bilder mit dem Körper lese. Und als Gratifikation für diese Selbstaufgabe gibt es die Glücks- und Euphorieschübe in genau der Dosis, die einen hungrig werden lässt auf das nächste Mal.

          Eine solche Wirkung beweist noch nicht die Trivialität des Werks, welches sie erzeugt. Auch die Filme Eric Rohmers, eines Regisseurs, dessen Status als Bewohner der Hochkultur ja unumstritten ist (und der mit Tarantino ohnehin mehr gemeinsam hat, als das europäische Kunstkinoverständnis normalerweise wahrzunehmen bereit ist), auch Rohmers Filme, mit ihren scheinbar so anspruchsvollen und endlosen Dialogen, offenbaren ihren Reichtum eigentlich auch nur dem, der sich entschließt, das Gequassel nicht länger beim Nennwert zu nehmen und sich, gewissermaßen, hineinzugrooven in den Rhythmus, den unvergleichlichen Rohmersound.

          Fassungslos im Kinosessel

          „Death Proof“ schafft beides - die Musik ist so laut, die Schocks sind so gewaltig, die Inszenierung ist so intensiv, dass die Distanz, selbst wenn man sie als Zuschauer wahren möchte, von der Drastik dieses Films durchlöchert und zerschossen wird. Und gleichzeitig sitzt man fassungslos in seinem Kinosessel und hört nicht auf zu staunen über die formale Kühnheit Tarantinos, der sämtliche Konstruktionsprinzipien für Kinoplots und Spannungsbögen komplett ignoriert und die vier jungen Frauen, seine Heldinnen, die man gerade kennengelernt und liebgewonnen hat, mit einem großen Knall verschwinden lässt und nach der ersten Hälfte scheinbar ganz von vorn anfängt.

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