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Video-Filmkritik : Der Blick in den Abgrund darf ruhig zwinkern

Bild: Universum

Drew Goddards und Joss Whedons Film „Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht.

          Das Mitgefühl ist echt, kein Hohn: „Ich will irgendwie, dass sie es schafft.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Heldin Dana, mit der Dringlichkeit unbedingten Selbsterhaltungswillens gespielt von Kristen Connolly, hat blutgurgelnde Untote, eine Tunnelsprengung, eine Bärenfalle und einige kleinere Mordanschläge überlebt. Selbst der Sturz von einer Felsenklippe in einen tiefen See bringt sie nicht um. Der Handlanger am Monitor, der behauptet, er wolle irgendwie, dass sie es schafft, könnte Dana helfen. Aber obwohl er fast alle Fäden zieht, die der jungen Frau ins Fleisch schneiden und ihre Existenz bedrohen, greift er nicht rettend ein, sondern wettet lieber mit anderen Zuschauern aufs Überleben oder Sterben der Gejagten und ihrer vier Mitopfer. Dazu schneidet er drollige Gesichter. Man kann ihn sogar gernhaben, wenn man will. Er und sein gleichberechtigter Kollege, die Männer an den Monitoren tief unter der Erde, sind Herz und Hirn der grusligen Veranstaltung. Das Herz hat allerdings Rhythmusstörungen, und das Hirn spinnt.

          In bizarrer Oszillation zwischen Heinz Rühmann und Sir Anthony Hopkins veranschaulichen die beiden Charaktermimen Richard Jenkins und Bradley Whitford (der seit seinem Gastauftritt als fleischgewordene Urangst des Helden in der Fernsehserie „The Mentalist“ nicht mehr so gemütlich unheimlich war) den neuesten Stand der von Siegfried Kracauer in „Die Angestellten“ begonnenen Analyse funktionaler Amoral in anonymen Institutionen - inklusive Überwachung per Webcam, kreativwirtschaftlich organisiertem Menschenverschleiß, Binnenkonkurrenz verfeindeter Abteilungen und Telefonlautsprecher.

          Komplett wahnsinnig

          Ab und zu besucht die pflichtbewusste Nachwuchstechnokratin Lin die beiden Hauptsachwalter des Allerschlimmsten, hält sich dabei an ihrem Clipboard fest und versprüht den spröden Charme des übergeordneten Sachzwangs, gemildert nur durch den Umstand, dass noch keine Brille niedlicher auf der Nase der ausgezeichneten Schauspielerin Amy Acker saß als die, durch die sie hier zweifelnd blinzelt. Dauernd wirkt sie, als müsse sie gleich einen intelligenten Widerspruch gegen das Abscheuliche artikulieren, das sich um sie herum abspielt. Sie lässt es aber bleiben, und dies erst macht das Abscheuliche vollends abscheulich.

          „The Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht. Fünf Jugendliche müssen im tiefen Forst um ihr Leben zittern. Das ist aus konsequent zweckgerichteten Gründen von kühlen Intelligenzen bis ins Kleinste arrangiert. Die Gründe sind allerdings komplett wahnsinnig.

          Der Regisseur Drew Goddard und sein Drehbuchautor, Produzent und Mentor Joss Whedon leisten das, was Sigmund Freud „Traumarbeit“ nannte, nicht vom Standpunkt des Traums, sondern vom Standpunkt der Arbeit aus: „Wach auf, Nemo!“, ruft Marty, der scheinbar Argloseste unter den fünf vorgesehenen Mordopfern, der Hauptfigur des berühmten Traumcomics „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay bei der Bettlektüre zu. Der Comic ist mehr als hundert Jahre alt - die Kulturindustrie hat inzwischen ihr eigenes Unbewusstes, und aus diesem, nicht irgendeiner zufälligen individuellen Psychologie, bricht in „The Cabin in the Woods“ das Verdrängte hervor.

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