Home
http://www.faz.net/-gs7-72mpo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Der Blick in den Abgrund darf ruhig zwinkern

Drew Goddards und Joss Whedons Film „Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht.

© Universum, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „The Cabin in the Woods“

Das Mitgefühl ist echt, kein Hohn: „Ich will irgendwie, dass sie es schafft.“

Dietmar Dath Folgen:  

Die Heldin Dana, mit der Dringlichkeit unbedingten Selbsterhaltungswillens gespielt von Kristen Connolly, hat blutgurgelnde Untote, eine Tunnelsprengung, eine Bärenfalle und einige kleinere Mordanschläge überlebt. Selbst der Sturz von einer Felsenklippe in einen tiefen See bringt sie nicht um. Der Handlanger am Monitor, der behauptet, er wolle irgendwie, dass sie es schafft, könnte Dana helfen. Aber obwohl er fast alle Fäden zieht, die der jungen Frau ins Fleisch schneiden und ihre Existenz bedrohen, greift er nicht rettend ein, sondern wettet lieber mit anderen Zuschauern aufs Überleben oder Sterben der Gejagten und ihrer vier Mitopfer. Dazu schneidet er drollige Gesichter. Man kann ihn sogar gernhaben, wenn man will. Er und sein gleichberechtigter Kollege, die Männer an den Monitoren tief unter der Erde, sind Herz und Hirn der grusligen Veranstaltung. Das Herz hat allerdings Rhythmusstörungen, und das Hirn spinnt.

In bizarrer Oszillation zwischen Heinz Rühmann und Sir Anthony Hopkins veranschaulichen die beiden Charaktermimen Richard Jenkins und Bradley Whitford (der seit seinem Gastauftritt als fleischgewordene Urangst des Helden in der Fernsehserie „The Mentalist“ nicht mehr so gemütlich unheimlich war) den neuesten Stand der von Siegfried Kracauer in „Die Angestellten“ begonnenen Analyse funktionaler Amoral in anonymen Institutionen - inklusive Überwachung per Webcam, kreativwirtschaftlich organisiertem Menschenverschleiß, Binnenkonkurrenz verfeindeter Abteilungen und Telefonlautsprecher.

Komplett wahnsinnig

Ab und zu besucht die pflichtbewusste Nachwuchstechnokratin Lin die beiden Hauptsachwalter des Allerschlimmsten, hält sich dabei an ihrem Clipboard fest und versprüht den spröden Charme des übergeordneten Sachzwangs, gemildert nur durch den Umstand, dass noch keine Brille niedlicher auf der Nase der ausgezeichneten Schauspielerin Amy Acker saß als die, durch die sie hier zweifelnd blinzelt. Dauernd wirkt sie, als müsse sie gleich einen intelligenten Widerspruch gegen das Abscheuliche artikulieren, das sich um sie herum abspielt. Sie lässt es aber bleiben, und dies erst macht das Abscheuliche vollends abscheulich.

„The Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht. Fünf Jugendliche müssen im tiefen Forst um ihr Leben zittern. Das ist aus konsequent zweckgerichteten Gründen von kühlen Intelligenzen bis ins Kleinste arrangiert. Die Gründe sind allerdings komplett wahnsinnig.

Der Regisseur Drew Goddard und sein Drehbuchautor, Produzent und Mentor Joss Whedon leisten das, was Sigmund Freud „Traumarbeit“ nannte, nicht vom Standpunkt des Traums, sondern vom Standpunkt der Arbeit aus: „Wach auf, Nemo!“, ruft Marty, der scheinbar Argloseste unter den fünf vorgesehenen Mordopfern, der Hauptfigur des berühmten Traumcomics „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay bei der Bettlektüre zu. Der Comic ist mehr als hundert Jahre alt - die Kulturindustrie hat inzwischen ihr eigenes Unbewusstes, und aus diesem, nicht irgendeiner zufälligen individuellen Psychologie, bricht in „The Cabin in the Woods“ das Verdrängte hervor.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Kino: Into the Woods Disney meuchelt viele Märchen

Zieht die Masche mit der Starbesetzung? Rob Marshall verfilmt Stephen Sondheims Musical Into the Woods mit Meryl Streep, Emily Blunt, Tracey Ullman und Chris Pine. Aber können die singen? Mehr Von Andreas Platthaus

19.02.2015, 21:46 Uhr | Feuilleton
Album der Woche The Cabin Project von Marie Fisker & Kira Skov

Hörprobe: Come Rain Mehr

24.11.2014, 13:46 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Der Schmetterling sagt dir, wenn es Zeit ist zu gehen

Sie hat diese Kraft, die uns hinreißt und tröstet, und wurde für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet: Julianne Moore als Alzheimer-Patientin in Still Alice. Mehr Von Andreas Kilb

04.03.2015, 16:28 Uhr | Feuilleton
Album der Woche The Cabin Project von Marie Fisker & Kira Skov

Hörprobe: Portrait of a Winking Nun Mehr

24.11.2014, 13:46 Uhr | Feuilleton
Kleider machen Filmstars Sie verwandelte Harrison Ford in Indiana Jones

Die stille Kunst des Kostümdesigns soll in Hollywood nicht untergehen. Für Deborah Nadoolman Landis ist das eine Lebensaufgabe. Mehr Von Christiane Heil, Los Angeles

21.02.2015, 19:12 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.09.2012, 16:41 Uhr

Helikopterkinder

Von Sandra Kegel

Knatternde Rotorenblätter, aufheulende Martinshörner, durchdringende Megaphon-Durchsagen: Wenn Hessens Abiturprüfungen auf die EZB-Eröffnung treffen. Mehr 1