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Video-Filmkritik Demokraten unter sich

In George Clooneys „The Ides of March“ werden einem idealistischen jungen Wahlkämpfer die letzten politischen Illusionen genommen.

© dapd Vergrößern The Ides of March - Tage des Verrats

Stephen Meyers (Ryan Gosling) wäre der perfekte Kandidat. Jung, gut aussehend, undurchdringlich und sympathisch, mit überzeugenden Sprüchen auf den Lippen und einer Form smarter Professionalität, die ihn fast unwiderstehlich macht. Mit einem guten Schuss Idealismus, der die Sprüche glaubhaft unterfüttert. Mit einem Körper, der den mörderischen Anforderungen eines Wahlkampfs, der Schlaflosigkeit, dem schlechten Essen, den späten Sitzungen, den zugigen Sälen, trotzen kann.

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Am Anfang von George Clooneys Film „The Ides of March - Tage des Verrats“ steht er in einem Saal in einem Hotel oder einem Bürgerzentrum, in einem jener neutralen Räume, deren Gesicht mit der Deko variiert, je nachdem, welche Gruppe oder Partei ihre Plakate an die Wände hängt. Das Licht ist noch heruntergedreht, Gosling steht an einem Mikro auf der Bühne und sagt: „Ich glaube nicht an die Bibel oder den Koran, das Einzige, woran ich glaube, ist: die Verfassung der Vereinigten Staaten.“

Stephen Meyers ist aber nicht der Kandidat in „The Ides of March“. Er ist der Pressesprecher, die Rede ein Soundcheck. Mit dem Leiter des Wahlkampfteams, Paul Zara (Philip Seymour Hoffman), ist er dafür verantwortlich, was der Kandidat sagt, wie er es sagt und welche Geschichten darüber in den Medien erscheinen.

© F.A.Z., Tobis Vergrößern Video-Filmkritik: „The Ides of March“

Er kennt die Reden des Kandidaten im Schlaf, er hat sie geschrieben. Er kennt die Reporterin der „New York Times“ (hier heißt sie Ida, gespielt von Marisa Tomei), sie tauschen sich seit langem aus, handeln um Neuigkeiten, Spins, Gerüchte. Es wird viel geflüstert in diesem Film, selbst der Handyklingelton scheint gedämpft. Man trifft sich in den Ecken grauer Flure oder sitzt auf Klappstühlen in unbeheizten Turnhallen.

Eitelkeit und Intrigen

Schließlich kann Meyers den Anforderungen, die der Wahlkampf an seinen Körper stellt, doch nicht mehr trotzen. Für einen Augenblick, den das Publikum wie auch er selbst erst bemerkt, als es zu spät ist, verliert er die Kontrolle. Er fällt auf eine Intrige des Wahlkampfchefs der Gegenseite (Paul Giamatti) herein. Weil er eitel ist.

Er schläft mit einer Praktikantin (Evan Rachel Wood). Weil er müde ist und geil. Und er erfährt etwas, das ihm noch sehr nützlich sein wird. In zwei kurzen Momenten hat Meyers den Idealismus, der ihn ebenso zu treiben schien wie sein Ehrgeiz, ad acta gelegt. Und aus Meyers wird ein ganz normaler Zyniker, der es, das sehen wir im langen Blick auf sein Gesicht am Ende, weit bringen wird.

Parteifreunde sind käuflich

Der Kandidat ist Mike Morris (George Clooney selbst, eine Nebenrolle). Er ist Demokrat, Gouverneur, und sein Wahlkampf zielt noch nicht aufs Präsidentenamt, sondern erst einmal auf die Position des Präsidentschaftskandidaten seiner Partei. Wir befinden uns im Universum der Vorwahlen, wenn die Gegner noch die Parteifreunde sind. Einige von ihnen sind käuflich.

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Aber Morris, der mit hohem moralischem Anspruch und einigen spinnerten Ideen antritt („wenn wir kein Öl mehr verbrauchen“, ruft er einmal ins Publikum, „brauchen wir auch keine Kriege mehr ums Öl zu führen“), kauft keine Freunde. Er muss Ohio, das ist der Staat, um den es hier geht, gewinnen, dann ist ihm die Kandidatur so gut wie sicher. Er kämpft um Allianzen. Er will an seinen Idealen festhalten. Am Ende wird er den alles entscheidenden Freund (den Senator, gespielt von Jeffrey Wright) immerhin mieten.

Liberalismus und Politthriller

Wir haben solche Filme, das muss man sagen und das weiß Clooney natürlich auch, schon häufiger gesehen. Robert Redford hat einmal den Kandidaten gespielt (1972 in Michael Ritchies „The Candidate“), und in Alan J. Pakulas „Zeuge einer Verschwörung“ (The Parallax View) von 1974 geht es um einen ähnlichen Fall. Außerdem kennen wir „Primary Colors“ von Mike Nichols, in dem John Travolta den Kandidaten gab, der damals aussah und handelte wie Bill Clinton.

Und doch - Clooney geht das alte Thema mit einer zweifachen Begeisterung an. Er glaubt, wenigstens heimlich, noch an die Möglichkeit einer vernünftigen, das heißt bei ihm: liberalen Politik für eine vielleicht doch noch zu rettende gute Sache (die Demokratie in der Welt und solcherlei). Und er begeistert sich für die Politthriller der Siebziger. Mit beidem hat er ja recht.

Erfolg bedeutet dauerhafte Sicherheit

Es sei immer wieder eine Freude, Profis bei der Arbeit zuzusehen. So ähnlich hat es einmal Joan Didion formuliert, die wiederholt die amerikanischen Wahlkämpfe und Vorwahlkämpfe begleitet hat. Die Wahlkampfmanager funktionieren als Gehirn des Kandidaten, der ein guter Frontmann sein muss und sich ansonsten still verhalten sollte. Wenn er glaubt, was er sagen soll, umso besser.

Den Wahlkampfmanagern winkt als Dank, sollten sie gemeinsam mit dem Kandidaten Erfolg haben, ein Job im Weißen Haus. Sollten sie versagen, müssen sie sich mit einem Beraterbüro auf der K-Street, wie es in „Ides of March“ heißt, zufriedengeben. Geld ist genug da. Charakter eher nicht.

Großartiges Schauspielensemble

Das Drehbuch, das Clooney mit Grant Heslov und Beau Willimon geschrieben ist, basiert auf dem Theaterstück „Farragut North“ von Willimon. So hören wir lange Monologe, die von den durchweg großartigen Schauspielern mit äußerster Schärfe über die Rampe gebracht werden.

Clooney, der die lässige Regie aus jenem von ihm bewunderten Jahrzehnt übernommen hat mit ihren schweifenden Kamerafahrten, den ganz nahen Porträts, denen die Distanzierung folgt, und einem unaufgeregten Rhythmus für die größten Schweinereien, ist auch ein Regisseur, der seinen Darstellern den Raum gibt, sich glänzend zu entfalten. Ein Demokrat eben.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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