Home
http://www.faz.net/-gs7-notc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Video-Filmkritik Dem Spiel der Liebe zusehen: „Alle anderen“

Früher haben sich das nur die Franzosen getraut - einen Film allein über das alltägliche Hin und Her der Liebe. Das deutsche Drama „Alle anderen“ von Maren Ade folgt den wechselnden Gestalten der Gefühle.

© Prokino Vergrößern Video-Filmkritik: „Alle anderen“

Ein junges Paar auf Sardinien. Mehr nicht. Später kommt noch ein weiteres Paar dazu und bringt durch seine schiere Präsenz einiges durcheinander, aber die meiste Zeit verbringt man mit Gitti und Chris, also mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, und sieht ihnen dabei zu, wie das so geht in der Liebe, das Auf und Nieder, das Hin und Her, das Sehnen und Zweifeln, das Gelingen und das Verpassen. Früher haben sich das nur die Franzosen getraut, sich einen Film lang nichts anderem zu überlassen, weil das Welt genug ist.

Das geht nun also auch hierzulande, dass man von Beziehungen erzählt, ohne dass gleich alle den Kopf hängen lassen. Natürlich ist das auch mit Schmerzen verbunden, und Maren Ades Film geht durchaus dorthin, wo es weh tut, aber vor allem lebt er von der Lust, dem Spiel der Liebe zuzusehen, und ähnelt darin Sebastian Schippers „Mitte Ende August“, der das vor dem Hintergrund von Goethes „Wahlverwandtschaften“ tut.

Mehr zum Thema

Das Ungefähre, Ungewisse, Schwebende

Maren Ade konzentriert den Blick noch mehr auf das einzelne Paar, das erst mal nur verliebt Urlaub im Ferienhaus von Chris' Eltern verbringt. Das Necken und das Turteln, die Rollenspielchen und Scheingefechte sind mit einer solchen Vertrautheit der Darsteller miteinander in Szene gesetzt, dass man sich bald ganz dieser Beziehung überlässt. Und was Maren Ade dabei vor allem einfängt, ist jene Eigenheit der Liebe, dass sie stets ihre Gestalt verändert. Dass sie stets aufs Neue beschworen, verhandelt, gelebt werden muss. Schon deswegen, weil man die Welt auch in den Ferien nie ganz ausschließen kann, die Vergangenheit nicht und die Zukunftsängste auch nicht.

Chris ist Architekt, und wie viel seine Erfolglosigkeit mit seinem Idealismus zu tun hat, ist eine der Fragen, die sich stellt, als er von seinem Partner am Telefon erfährt, dass sie mit einem hoffnungsvollen Projekt nicht angenommen wurden. Dass er von diesem Anruf Gitti nichts erzählt, bringt eine erste Irritation ins Spiel. Vielleicht hat es damit zu tun, dass er Gittis Hoffnungen nicht enttäuschen will, vielleicht damit, dass er vorher schon mal Zweifel an der eigenen Männlichkeit geäußert hat. Aber sobald man versucht, diese Motive festzunageln, merkt man, wie wenig man der luftigen Art gerecht wird, mit der Ade genau dieses Ungefähre, Ungewisse, Schwebende der Emotionen einfängt.

Eine Einsicht in die Natur der Liebe

Gitti arbeitet als Pressefrau bei einem Musik-Label. Auch sie äußert mal die Angst, seinen Ansprüchen womöglich nicht zu genügen, wünschte manchmal, sie wäre eine andere. Das ist das Faszinierende an dem Film, dass in diesen Äußerungen so gar keine Mutwilligkeit steckt, nur um des Drehbuchs willen etwas in Gang zu bringen, sondern eine geradezu grundsätzliche Einsicht in die Natur der Liebe, die sich beiden umso mehr entzieht, je mehr sie sich ihrer versichern wollen. Manchmal ist es fast, als stünde sie wie eine dritte Figur im Raum.

Das Gelingen des Films hat natürlich viel mit der natürlichen Art zu tun, mit der Lars Eidinger und Birgit Minichmayr miteinander umgehen, mit seinem scheuen Lächeln und ihrer atemberaubenden Präsenz - aber eben auch mit der Regisseurin Maren Ade, die beschlossen hat, dass die Liebe als Thema für ihren zweiten Film genug ist.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fans schreiben Bestseller fort Bis(s) sie eine echte Schriftstellerin ist

Als Maren Kosche lebt die junge Frau in Großenhain in Sachsen. Als Luna Rogers setzt sie die Twilight-Saga fort - das nennt sich Fanfiction und erfreut sich großer Beliebtheit. Mehr Von Anna Schughart

27.09.2014, 12:46 Uhr | Gesellschaft
Brücke in Paris hält Schlössern nicht stand

An Brücken in aller Welt bringen Liebespärchen ein Schloss an und werfen den Schlüssel in den Fluss.So schwören sie sich ewige Treue. Am Pont des Arts in Paris war die Last der Liebe am Ende zu viel: Auf 2,40 Metern stürzte das Brückengeländer ein. Mehr

10.06.2014, 11:02 Uhr | Gesellschaft
Egoistische Zweisamkeit Ersatzreligion Liebe

Der Mythos der Liebe ist der Leitstern unserer Zeit: Das einzige Ziel des Lebens ist es, Mr. oder Mrs. Right zu finden. Was für ein Irrtum. Zweisamkeit ist nichts anderes als die Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln. Ein Plädoyer gegen die Liebe. Mehr Von Markus Günther

25.09.2014, 15:33 Uhr | Gesellschaft
Liebes-Schlösser sollen weg

Lust und Last der demonstrativen Liebe: Die berühmte Pariser Fußgänger-Brücke Pont des Arts kann anscheinend all die Vorhängeschlösser, pardon: Liebesschlösser, nicht mehr tragen, die Verliebte aus aller Welt ihr zu Hunderttausenden aufbürden. Die Stadtverwaltung hat jetzt begonnen, durchsichtige Brückengeländer zu installieren. Mehr

25.09.2014, 12:49 Uhr | Gesellschaft
Herzblatt-Geschichten Verschmust auf der Wiesn

Der Herbst ist angebrochen und mit ihm die süßen Frühlingsgefühle. Klingt verrückt, ist aber so. Promis schmusen und heiraten um die Wette, während Rapper Kay One noch nach seinem Glück sucht. Und wieder gibt es ein Drama um den adeligen Nachwuchs. Mehr Von Jörg Thomann

28.09.2014, 12:20 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.06.2009, 14:51 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1