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Veröffentlicht: 03.05.2012, 18:26 Uhr

Video-Filmkritik Das Mädchen, das ein Junge ist

Der Umzug ist ihre Chance. Aus der zehnjährigen Laure wird „Mikael“. Céline Sciammas berührender Film „Tomboy“ erzählt vom Leben im Herzungewissen.

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© Alamode, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Tomboy“

Du bist schüchtern, sagt Lisa. Nein, ich bin nicht schüchtern, sagt Laure. Warum sagst du mir dann nicht, wie du heißt? Mikael, ich heiße Mikael, sagt Laure. Diese kleine, unverhofft ausgesprochene Lüge im Innenhof eines riesigen Wohnblocks irgendwo in Frankreich bringt der zehnjährigen Laure, gespielt von Zoé Héran, für wenige Wochen ein großes, aber auch fragiles Glück.

Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählt in „Tomboy“ behutsam von einem kurzen Sommer, in dem Laure sein darf, wie sie sich fühlt: als ein Junge, akzeptiert in einer kleinen fröhlichen Kinderschar, die gemeinsam die freien Tage verbringen, im Wald, auf dem Fußballplatz und am Baggersee. Unschuldig und doch schon an der Schwelle zur Jugend.

Die Neugier der Schwester

Die Chance für die Lüge hat ihr der Umzug ihrer Familie gegeben: Niemand kennt sie im neuen Viertel. Die Schule beginnt erst in ein paar Wochen. Ihre Mutter ist hochschwanger, der Vater kommt abends spät von der Arbeit. Laure ist ein Schlüsselkind. Das rosafarbene Band, das ihre Mutter an den Bund gemacht hat, verschwindet anstelle eines alten Schnürsenkels, genauso, wie das blaue Kleid gegen eine kurze Hose eingetauscht wird.

Nur ihre kleine, im Ballett tanzende Schwester Jeanne, die Malonn Lévana auf die Spitzenfüße stellt, bekommt irgendwann mit, was geschieht. Und fragt verdutzt: Warum tust du das? Doch sie begreift schnell, worum es geht, und genießt: Sie beginnt, gegenüber den Freunden von ihrem großen Bruder zu schwärmen.

Cool wie die anderen Jungs

„Tomboy“ (im vergangenen Jahr Auftaktfilm im „Panorama“ der Berlinale und jetzt endlich im Kino) erzählt von einem jungenhaften Mädchen mit kurzen struppigen, blonden Haaren, einem feinen Gesicht. Es könnte auch ein schmaler Junge sein mit androgynen Zügen. Die Geschlechtsmerkmale der zehnjährigen Laure sind jedoch eindeutig: Sie sind die eines Mädchens. Sciamma - und die ruhige Kamera von Crystel Fornier - zeigen Laure ohne jede pädagogische Anstrengung. „Tomboy“ wird so zum leichten, humorvollen Film: Wir sehen Laure (oder eben Mikael) zu, wie sie ihren Oberkörper abtastet, ihren Bizeps prüft. Sie gefällt sich in dieser Rolle, und sie gefällt Lisa.

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Sehnsüchte erwachen. Wenn sie läuft, ruhen ihre Hände lässig in den Taschen der Shorts. Sie ist cool wie die anderen Jungs, die sich ihrer selbst zumindest nach außen sicher sind (aber wer weiß das schon). Und doch ist sie anders: Denn Laure ist auch als Mikael gehemmt. „Schüchtern“ - dieses Wort vom ersten Treffen mit Lisa, verkörpert von Jeanne Disson, beschreibt die Anspannung, die Laure in beiden Rollen aushalten muss. Neugier wühlt sie auf, bewölkt ihren Geist, doch sie darf nicht aus sich herausgehen. Sonst fliegt ihr Schwindel auf.

Laure ist Mikael und Mikael ist Laure

Und wie reagiert ihre Familie? Laures Vater nimmt sie, wie sie ist, ohne zu wissen (vielleicht ahnt er etwas), was draußen geschieht. Als sein Kind traurig ist, nimmt er es auf den Arm, wiegt es sanft hin und her. Doch die Anspannung steigt auch in ihrer Rolle als Laure, je länger sie schweigt. Und irgendwann ist die Aggression nicht mehr zu halten.

Wenn die kleine Schwester tröstend zu ihrem „Bruder“ ins Bett krabbelt, wenn Lisa sanft sagt, er sei so anders als die anderen, wenn der Regen in zitternde Blätter im Wald fällt und Mikael/Laure das ungeliebte Kleid einfach dort hängen lässt, wenn „er“ sich Polster für die Schwimmhose aus Knete formt und später im Kästchen für Milchzähne versteckt, dann wird eine unbändige Kraft spürbar, authentisch sein zu wollen, sich gegen die Erwartungen zu wehren. Denn in all diesen Augenblicken zeigt sich: Laure ist Mikael und Mikael ist Laure. Wenn Mikael lacht, scheint Laure durch; dann erkennt man, dass die toughe Jungenrolle auch nur ein möglicher Ausdruck ihrer Wünsche ist, weil ihr nur die Rollen Mädchen oder Junge angeboten werden.

Geduldig beobachten wir die Verliebtheit von Lisa in Mikael, die Eltern, die ihren Kindern ein Nest bauen, Liebe geben und doch so machtlos sind. Als die Lüge auffliegt und Laure sich verzweifelt dagegen wehrt, Lisa die Wahrheit zu sagen, bricht die Hilflosigkeit der Mutter heraus, die alles sagt über die unerbittlichen Zwänge der Rollenerwartungen. In „Tomboy“ werden keine Klischees bearbeitet, dass Mädchen Puppenspielen sollen und Jungen Fußball. Es geht um die Suche nach der individuellen Authentizität: sich so geben zu dürfen, wie es der eigene Puls vorgibt.

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