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Video-Filmkritik Das Mädchen bietet dem Sturm die Stirn

Der unerschütterliche Wille zu Überleben bezwingt selbst die Realität: „Beasts of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin und dem Künstlerkollektiv Court 13 zeigt einen innovativen Debütfilm.

© MFA, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Beasts of the Southern Wild“

Auf einem Flecken Land in Louisiana, den seine Bewohner „Bathtub“ nennen, und der jenseits der Deiche liegt und bald im Wasser versinken wird, lebt eine Gruppe von Menschen fast ohne Kontakt zur restlichen Welt. Am Ufer, dessen Profil mit hohen Häusern im Hintergrund bei guter Sicht zu sehen ist, haben die Menschen andere Ansprüche, Elektronik, verschweißte Lebensmittel, Kinderwagen für die Babys, Dinge dieser Art. In der Bathtub gibt es solcherlei nicht. Zu ihren Bewohnern zählen Hushpuppy und ihr Vater, die Helden dieses Films. Es könnte sein, dass sie und die anderen zu den Ungeheuern des Südens gehören, von denen der Titel spricht.

Der Boss von Bathtub

Verena Lueken Folgen:    

Ein solches Mädchen hat das Kino noch nicht gesehen. Hushpuppy ist sechs. Sie trägt einen schwarzen Haarwuschel über der sehr hohen Stirn, ihre dünnen Beine stecken in zu großen weißen Gummistiefeln, in die manchmal der Matsch von oben hineinfließt, sie trägt nicht immer Shorts über ihren Unterhosen, manchmal ein langes T-Shirt ihres Vaters, und sie hört, wie die Tiere sprechen.

Was sie sagen, versteht sie nicht immer, denn manchmal sprechen sie in Kodes. Sie isst die Tiere auch, und eine Herde Auerochsen, die aus dem schmelzenden Eis der Urzeit aufgetaut sind und sie verfolgen, starrt sie mit feurigem Blick in die Knie. Quvenzhané Wallis aus dem Süden Louisianas, ein Mädchen der dritten Klasse einer Grundschule, spielt diese Hushpuppy, als wolle sie das ganze Universum davon überzeugen, dass sie der Boss der Bathtub ist. Das sagt ihr Vater. Hushpuppy vermutet, Wissenschaftler in tausend Jahren würden herausfinden, dass es so war.

Wunderbare Hauptdarsteller

Unvorstellbar, was aus „Beasts of the Southern Wild“ ohne diese Hauptdarstellerin und ihren Mitspieler, Dwight Henry, der eigentlich Bäcker ist, hätte werden können - hätten beide Raum gelassen für Sentimentalitäten, für Rührseligkeit, Ideologie und Ökoschmonzette. Mit ihnen aber sehen wir einen Film, als finge das unabhängige Kino nochmal an - mit Zelluloid, im Kollektiv, mit Laien und Tieren und einer Menge magischem Realismus, der ohne Frage aus der wirklichen Welt stammt, wie sie uns hier entgegentritt. Die Geschichte ist ganz locker und episodisch gewebt.

Der Sturm, in dem die Bathtub untergehen wird, kommt schon im ersten Drittel des Films. Aber der Rhythmus hat etwas Traumwandlerisches, das alles weiterträgt, kleine Höhepunkte schafft in einer eigentlich todtraurigen Welt, die einem dennoch mit ihrem Drang zu leben, den Atem verschlägt. Hier herrscht Armut in unvorstellbarem Ausmaß, wenn man die Güter der Konsumgesellschaft zum Maßstab nimmt - was hier niemand tut. Hier herrschen hygienische Zustände, die skandalös wären, würde irgendjemand fragen, wer sich wann die Zähne putzt, und würden die Bewohner dieses inselartigen Sumpfgebiets verlangen, dass die Müllabfuhr kommt.

Verantwortung und Wirklichkeitssinn

Es ist ein Stück Land wie eine Halluzination, bevölkert von Menschen, die wahrscheinlich noch nie im Kino waren. Jetzt spielen sie in einem Film, der seit seiner Premiere beim Filmfestival von Sundance im vergangenen Jahr und seit seiner Camera d’Or für das beste Debüt in Cannes einige Monate später, mehr ist als ein Geheimtipp. Oscar-Nominierungen werden mit großer Wahrscheinlichkeit folgen.

Und diese Laien unterschiedlichster Herkunft spielen, was das Zeug hält - Heruntergekommene mit Gemeinschaftsgefühl, torkelnde Trinker, Menschen mit Verantwortungsgefühl füreinander und einem Wirklichkeitssinn, dem sie nicht immer folgen. Denn sie weigern sich, dieses Stück Land zu verlassen, auch, als längst sein Untergang eingeleitet ist. Wohin sie gehen werden? Niemand fragt danach. Was auch Hushpuppy werden wird? Solange der Film läuft, ist das keine Frage: Sie bleibt da.

Furchtlos, trinkfest und lebensfroh

Der Regisseur Benh Zeitlin, der mit dem Künstlerkollektiv Court 13 diesen ungewöhnlichen, mitreißenden, traurigen und energieversprühenden Film gedreht hat, sagt, die Menschen im Süden Louisianas seien die zähesten von Amerika. Wenn sie so sind wie in seinem Film, dann gehören sie zu den zähesten der Welt. Furchtlos sind sie, trinkfest, erwarten nichts von anderen, nichts von der Regierung außer, sie in Ruhe zu lassen, und vom Leben vor allem, dass es lebendig sei. Aus dem Meer fischen sie, was sie essen, ihre Behausungen haben sie mit Schrott gebaut, der wahrscheinlich irgendwann einmal angeschwemmt wurde, ihre Kinder, außer der auerochsenbannenden Hushpuppy, sehen traurig aus und zukunftslos.

Dass sie in „Aquarien ohne Wasser“ landen werden, wie Hushpuppy einmal die Notaufnahmecontainer für Flutoper nennt, steht außer Frage. Aber vorher besuchen sie noch eine schwimmende Bar, die „Girls Girls Girls“ verspricht und in der Frauen arbeiten, die mit diesen Kindern - sind es wirklich nur Mädchen? - einen Blues tanzen, dass einem das Herz zerschmilzt.

Ihre Heimat wird verschwinden

Ihre Heimat wird verschwinden, sie wird beim nächsten Sturm im Meer versinken, das salzige Wasser wird die Natur sterben lassen, die Bäume, Büsche, die Tiere auch. Wir wissen so gut wie die Filmemacher, dass das der Fall ist. In genau dieser Gegend hat der Wirbelsturm Katrina vor einigen Jahren gewütet.

Doch dies ist ein Film, der das Leben dieser Menschen feiert. Sie leben in einer Gemeinschaft, die kein Model ist für den Rest der Welt, nicht einmal für ihre Nachbarn. Sie leben in einer Nähe zur Natur, wie sie nur jenseits der Deiche oder hinter den Bergen irgendwo überhaupt möglich ist. Sie leben ein Leben, von dem niemand träumen kann außer ihnen, die von sehr weit weg auf die Skyline einer Stadt schauen, aus der in tausend Jahren jene Wissenschaftler kommen werden, die erforschen werden, wer Hushpuppy war, die in einem Boot aus der Ladefläche eines Pick Up-Trucks übers Wasser glitt wie die Königin der Meere.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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