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Video-Filmkritik Das geniale Kind im Regisseur kann alles

08.02.2012 ·  Nicht Nostalgie, sondern Geschichtsbewusstsein treibt ihn an. Mit allen Mitteln erneuert Martin Scorseses Film „Hugo Cabret“ das Gesicht des Kinos.

Von Verena Lueken
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Martin Scorsese, so war das bisher, ist der Regisseur der Männerhelden, der Kenner ihrer Welten. Er weiß, wozu sie fähig sind, und manchmal erlöst er sie doch. Scorsese ist außerdem einer der besten Filmkenner der Welt, und er hat sich in jüngster Zeit um die Restaurierung des Filmerbes gekümmert, als hätte er sonst nicht viel zu tun. Dabei hat er in den letzten fünf Jahren vier Dokumentarfilme gedreht, darunter „Shine a Light“ mit den Rolling Stones und „George Harrison: Living in a Material World“, dazu den Spielfilm „Shutter Island“ und die spielfilmlange Pilotfolge der Fernsehserie „Boardwalk Empire“. Jetzt kommt der Film in die deutschen Kinos, in dem er alles, was er kann, und alles, was er liebt, zusammen auf die Leinwand bringt: „Hugo Cabret“. Es ist ein Kinderfilm.

Vor den ersten Bildern hören wir den Zug. Das Räderwerk, das pfeifende Signal, und wenn das erste Licht auf die Leinwand fällt, rast die Kamera über Paris hinweg - es ist Nacht, wir sehen die Lichter, die Schienen, und wir kommen schließlich in die Gare Montparnasse und dort über die Menschen, die hin und her eilen, über den hinkenden Stationsvorsteher, die Blumenfrau, die Kaffeehausbesitzerin mit ihren Gästen, den Spielzeughändler mit seinen aufziehbaren Mäusen hinauf zur großen Uhr und durchs Ziffernblatt bei der Nummer vier hindurch auf ein Kindergesicht: das Gesicht von Asa Butterfield, dem Darsteller des Titelhelden.

Das alles in 3D, und wir sehen sofort: Es stimmt, was Scorsese einmal sagte, dass nämlich diese Technik uns nicht nur auf überwältigende Weise in Aktionen und Bewegung einbinden kann, sondern uns die Gesichter näherbringt. Uns die Menschen zeigt, sofern der Regisseur das will. Wenn er überhaupt hinschaut. Wenn er Scorsese heißt (und nicht James Cameron).

Die Armee der Erwachsenenbeine

Hugo lebt allein, warum das so ist, erfahren wir im Lauf des Geschehens, und er hält die Uhren im Bahnhof in Schuss, er zieht sie auf, korrigiert die Zeit, repariert hier ein Zahnrad, dort einen Zeiger. Er ist ungefähr zwölf, und er ist arm. So arm, dass er nach kleinen Diebstählen in der Bäckerei oder auch beim Spielzeughändler vor dem Stationsvorsteher ausreißen muss, der ihn gern zu den anderen eingefangenen einsamen Kindern ins Waisenhaus stecken würde. Aber niemand kennt die geheimen Wege im Bahnhof so gut wie Hugo, deshalb kann er immer wieder entwischen.

Er rast durch Schächte und Tunnel, schlüpft durch unbekannte Öffnungen ins Innere des Gemäuers, flitzt Treppen hinauf und hinunter und gelangt so zu seinem Versteck hoch oben bei den Zahnrädern der großen Bahnhofsuhr. Und wir rasen mit ihm schwindelerregende Wendeltreppen hinauf, ducken uns weg in den Versorgungsschächten, nehmen die Kinderperspektive ein, aus der heraus Erwachsenenbeine, wenn sie nach vorn stürmen, die Schlagkraft einer Armee entwickeln.

Sacha Baron Cohen als Wachmann

Der Bahnhofsvorsteher, dem Sacha Baron Cohen eine rührend komische, aber auch grausame Einfältigkeit verleiht, die an Harold Lloyd erinnert, hat nach einer Kriegsverletzung ein außenliegendes künstliches Kniegelenk, das immer wieder mal einschnappt und ihn erst nach einem Schlag gegen das Kugellager wieder das Bein beugen lässt.

Alles ist mechanisch hier, auch das Sortiment des Spielzeughändlers, und wie im Slapstickkino durchzieht die Geschichte eine Reihe von Running Gags, die jedes Mal aufs Neue komisch sind, rührend und anspielungsreich. Außerdem hat Scorsese eine Riege wunderbarer Darsteller in kleinen Rollen verpflichtet, darunter Christopher Lee als Bibliothekar und Ray Winstone als Hugos brutalen Onkel Claude.

Ein rätselhafter Schreibautomat

Hugo kann alles reparieren, was mechanisch funktioniert, und sein wichtiges Projekt ist die Reparatur eines Automaten, den sein Vater (Jude Law), seinerseits ein großer Mechaniker im Dienste eines Museums, dort kaputt auf dem Speicher gefunden und mit nach Hause gebracht hatte.

Es ist ein glänzender, rätselhafter Automat - ein melancholisch blickender Mann aus Blech, der einen Federkiel hält, ein Automat, der schreiben kann. Nach dem Unfalltod des Vaters ist es Hugos großer Traum, sein Lebensziel, sein Daseinszweck, diesen Automaten wieder zum Laufen zu bringen. Denn er ist fest davon überzeugt, dass der Blechmann ihm eine Botschaft des Vaters zu übermitteln hat.

Verweis auf die Erfinder des Kinos

Wie ihm das gelingt, wo er den herzförmigen Schlüssel findet, der ihm fehlt, und was die Botschaft ist, verbindet sich auf wundervolle Weise (das Drehbuch hat John Logan nach dem illustrierten Kinderbuch "Die Entdeckung des Hugo Cabret" von Brian Selznick geschrieben) mit der anderen Geschichte, die dieser Film erzählt: mit der Geschichte des Kinopioniers und ersten Phantasten des Films, George Méliès.

So wie der Anfang von "Hugo Cabret" mit seinen Zuggeräuschen auf die Brüder Lumière verweist - die, darauf hat man sich inzwischen geeinigt, 1895 das Kino erfunden haben und mit dem Kurzfilm "Ankunft eines Zugs in La Ciotat" im selben Jahr das Publikum in Schrecken versetzten, das glaubte, die Lokomotive rase direkt in den Kinosaal -, so gehört der zweite Teil des Films der Geschichte von Méliès.

Der Zauberkünstler Méliès

Er war eigentlich ein Zauberkünstler, zog durch die Varietés und ließ seine Assistentin, mit der er verheiratet war (im Film herrlich gealtert und dann wieder ganz jung gespielt von Helen McCrory), waagerecht in einem Reifen schweben. Irgendwann sah er auf dem Jahrmarkt seinen ersten Film, warf alles hin, baute das erste Filmstudio überhaupt und drehte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Filme, in denen alles möglich war - Nymphen planschten herum, Feuerwerkskörper lösten den Weltenbrand aus, eine Kanone schoss in einer zylinderförmigen Rakete ein paar Leute auf den Mond, die direkt in dessen Auge einschlug.

Das ist eines der berühmtesten Bilder von Méliès, es entstammt seinem kürzlich restaurierten Kurzfilm "Die Reise zum Mond", und in "Hugo" hat dieses Bild mit dem Mondgesicht, dem ein Raketenzylinder ins Auge geflogen ist, eine ganz besondere Bedeutung.

Männer im Krabbenkostüm

Méliès kam nach dem Ersten Weltkrieg völlig außer Mode, er verbrannte seine wundersamen Kulissen und die Krabben-, Nymphen- und Legionärskostüme, und seine Filme wurden zum großen Teil vernichtet, weil ihr Schöpfer sie verkaufte und aus dem geschmolzenen Zelluloid Schuhabsätze gegossen wurden (so erzählt es der Film; ganz so war es nicht).

Dass Hugo mit der Enkelin des Spielzeugverkäufers (Ben Kingsley) gleichzeitig die Enkelin von Méliès trifft, ist eine Fügung, durch die das phantastische frühe Kino bei Scorsese seine Wiederauferstehung feiern kann (Méliès hat tatsächlich in den zwanziger Jahren einen Spiel- und Süßwarenladen in der Gare Montparnasse betrieben, „Hugo“ spielt 1931). Jedenfalls ist von dem Augenblick an, da die „Reise zum Mond“ eine Rolle zu spielen beginnt, „Hugo“ ein Fest von nachgestellten Szenen mit all den Spezialeffekten, die Méliès als Erster ins Kino brachte.

So verbindet Scorsese die Wiedererschaffung der mechanischen, der analogen Welt, in der das Kino so lange zu Hause war, mit den avanciertesten Mitteln des digitalen Filmemachens unserer Zeit. Es ist nicht Nostalgie, die ihn antreibt, sondern Geschichtsbewusstsein. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Scorsese verklärt nicht, wie das Kino einmal anfing, er erklärt vielmehr die Anfänge zum Ausgangspunkt und Humus seiner eigenen Kunst. "Hugo Cabret" ist ein Film zum Staunen, zum Lachen und zum Weinen. Ein Film, der glücklich macht.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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