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Video-Filmkritik : Das Ego ist nur ein Risiko

  • -Aktualisiert am

Bild: Constantin

Den professionellsten Gangster der Kriminalliteratur gibt es jetzt wieder im Kino: Jason Statham ist in Taylor Hackfords Film die Hauptfigur „Parker“.

          Wenn ein Trupp bewaffneter Männer dein Büro stürmt, dich mit Pumpguns in Schach hält und anbellt, verdammt noch mal die Safeschlüssel rauszurücken, dann ist es von Vorteil, wenn ein Priester im Raum ist. Ein zivilisierter Mensch, der versichert: „Alles wird gut.“

          Dass der Geistliche selbst zu den Gangstern gehört, stört dich nicht. Wichtig ist nur seine beruhigende, höfliche Art. Später, wenn dich die Presse zu dem Vorfall interviewt, wirst du ihn unterschlagen, diesen Typ mit den grauen Haaren und dem ernsten Gesicht. Und irgendwann fragst du dich selbst: Ist er wirklich dabei gewesen?

          Noch nicht mal ein Vorname

          Der Mann im Priesterkostüm heißt Parker, und seine Spezialität ist es, nicht speziell zu sein. Nicht auffallen, nicht in Erinnerung bleiben, einfach reingehen, in die Bank, ins Casino, in den Juwelierladen und den Job machen. Verbrechen ist eine Profession, keine Passion. Es geht nicht um Kritik an der Gesellschaft, nicht um Rebellion oder um Selbstdarstellung. Im Gegenteil: Für diesen Beruf ist es gut, kein Selbst zu haben, zumindest keines, das sich auf den ersten Blick identifizieren lässt. Darum hat man noch nicht mal einen Vornamen. Parker. Das genügt.

          Es ist schon eine riskante Entscheidung, Jason Statham diesen Parker spielen zu lassen, den Helden von rund dreißig legendären Kriminalromanen. Der 2009 verstorbene amerikanische Autor Donald E. Westlake hat Parker Anfang der sechziger Jahre erfunden und damit das Genre auf eine paradoxe Weise bereichert. Paradox, weil dieser Gangster ein Jedermann ist, ein Durchschnittstyp.

          Einsatz als Hardware

          In den Büchern wird kein einziges Mal seine Physiognomie beschrieben, er hat keine Hobbys, keine Vorlieben, keine Agenda. Aber sein Arbeitsethos, das ist exzeptionell. Wie man einen Geldtransporter überfällt, eine Geisel einschüchtert, eine Fluchtroute plant: Parker kann es besser als alle anderen, ganz einfach, weil er sich als Instrument des Jobs begreift. Für wahre Perfektionisten ist das Ego nur ein Risiko.

          Parker hatte schon mal ein Gesicht, das von Lee Marvin in John Boormans Thriller „Point Blank“. Aber Statham, das begreift man nach ein paar Minuten, ist auch eine stimmige Besetzung, gerade weil er mimisch und gestisch wirkt wie tiefgefroren. Seine Ausdrucksmöglichkeiten sind aufs Kintopp zugeschnitten. Da geht es nicht um die Abbildung psychologischer Zusammenhänge, sondern um den Einsatz als Hardware. Statham hat einen Arbeitskörper, wie er eigentlich nicht mehr gefragt ist: muskulös, strapazierbar, eine Jobanwendung. Der Job, das ist hier erst einmal der Überfall auf die Zentrale einer Landwirtschaftsmesse. Man ist zu fünft, jeder soll 200 000 Dollar kriegen. Aber dann will einer die Beute nicht teilen, sondern lieber in den nächsten Coup investieren. Startkapital: eine Million.

          Chaos versus Kontrolle

          Investieren? Spekulieren auf mehr Profit? Wir sind nicht an der Wall Street. Man hat einen Job gemacht, man kriegt das Honorar. Und wenn nicht, dann jagt man die Männer, die einen um den Lohn betrügen wollten und angeschossen am Straßenrand liegen ließen, so lange, bis alle Rechnungen beglichen sind. „Wenn ich mich von anderen abzocken lasse, gewinnt Chaos die Kontrolle über mein Leben“, sagt Parker. Mal abgesehen davon, dass eine schöne Absurdität in dieser Überzeugung steckt - wie sieht denn Kontrolle aus, wenn sie vom Chaos ausgeht? -, die Haltung ist heutzutage mehrheitsfähig. Denn das ist es doch, was viele, aus der Alltagsanschauung heraus gesprochen, so sauer macht: dass Banker ganze Volkswirtschaften ruinieren. Und Politiker ihnen hinterher unter die Arme greifen; dass nach einem bisschen Zerknirschung alles wieder von vorn anfängt.

          Parker lässt so etwas nicht durchgehen, er mordet sich bis an die Quelle des Übels, dann wird Bilanz gezogen. Diese in den Büchern nur am Rande angedeutete Rachementalität wird von Regisseur Taylor Hackford verschärft; Rache ist eigentlich kontraproduktiv, sie passt nicht ins perfekt ausbalancierte Tauschgeschäft von Verbrechen und Profit. Parker hat viel von Michael Kohlhaas, wie er seinen Kollegen nachstellt, und dass er eine erfolglose Immobilienmaklerin erst zur Komplizin, dann zur Millionärin macht, das wirkt schon fast wie Sozialrebellentum.

          Nach sieben keinen Kaffee mehr

          Leslie, gespielt von Jennifer Lopez, kutschiert reiche Typen durch Miami, muss aber zu Hause leben, weil ihr Ex kurz vor der Scheidung Insolvenz angemeldet hat. Eine Anspielung auf die Logik der Finanzkrise und außerdem eine schöne Backstory: Migrantin, geneppt vom System, will nach oben. Das passt natürlich zu La Lopez, die mit der Rolle die eigene Karriere konterkarieren kann. Und es verleiht Parker, diesem Metaprofi, ein bisschen Robin-Hood-Charisma. Aber nicht zu viel, da ist schon Stathams Tiefkühlvisage vor. „Ich frage mich, wie Sie nachts schlafen können!“, sagt einer nach einem Blutbad. Parker: „Ich trinke nach sieben keinen Kaffee mehr.“

          Ab Donnerstag im Kino.

          Quelle: F.A.S.

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