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Video-Filmkritik: „Dark Shadows“ : Lechzen nach der Lavalampe

  • -Aktualisiert am

Bild: Warner Bros.

Tim Burton und Johnny Depp retten mit „Dark Shadows“ das blutleere Genre des Vampirfilms. Dem schaurig-komischen Blutsauger-Dandy Barnabas Collins ist man gleich verfallen.

          Keine andere Figur der populären Mythologie wird, verwertungslogisch gesprochen, mehr zur Ader gelassen: Wäre der Vampir nicht bereits ein fahler Geselle, er müsste erblassen ob der Dreistigkeit, mit der man seine Folklore ausbeutet.

          Zuletzt kam er als Highschool-Boy auf uns, Edward aus „Twilight“, ein Blutsaugerbeau von der schwärzesten, will sagen moralisch rigidesten Nachtseite des Puritanismus. Die Frage, wie Millionen Teenagermädchen diesem Keuschheitsnarziss verfallen konnten, wo wir doch Vampire wie Angel und Spike aus „Buffy“ haben und, in der Camp-Variante, die Südstaaten-Beißer aus „True Blood“, wird uns bis ins Grab begleiten.

          Jetzt gibt Tim Burton gemeinsam mit seinem Lieblingsdarsteller Johnny Depp dem Untoten seine Würde zurück. Das heißt: Er darf wieder dandyesk, romantisch und nicht zuletzt geistreich und komisch sein.

          Viktorianischer Gentleman in den 70ern

          Zweihundert Jahre darbt Barnabas Collins (Depp), verflucht von einer Hexe, im Grab. Die Wiederauferstehung erfolgt ausgerechnet 1972, was einen viktorianischen Gentleman in jeder Hinsicht verwirren muss. Autos, McDonald’s, Rockmusik, das sind Versatzstücke einer Zivilisation, die man sich erst langsam erschließen muss. Zwar hilft es, wenn man gegenüber Opfern die Etikette wahrt - zu den Bauarbeitern, die seinen Sarg zutage fördern, sagt Barnabas: Sie glauben gar nicht, wie hungrig ich bin“, bevor er sie verspeist -, aber die eigenen Nachfahren als heruntergekommene Mischpoke zu erleben, das schmerzt selbst einen Leblosen.

          Die Moderne ist eine Verfallsgeschichte, siehe das Spukhaus in dem man nun residiert. Das einstmals stolze Familienunternehmen (Fischerei) ist am Ende, die Konkurrenz hat den Markt im Griff. Jene Hexe, von Eva Green als coole Karikatur des sexualisierten Bösen verkörpert, die man damals verschmähte und der man das Schattensein verdankt, sucht das Städtchen noch immer heim; Dämonen halten es mehr mit dem Wiederholen als mit dem Durcharbeiten.

          Resistent gegen Zeitgeistphänomene

          Das ist das Schöne an der Märchengestalt: Sie ist resistent gegen Zeitgeistphänomene. Psychoanalyse, Friedensbewegung, Feminismus, die großen Erzählungen aus dem Geiste Freuds, Vietnams und der Bürgerrechte - sie lassen sich, mit ein paar Dutzend Dekaden Lebenserfahrung, als Marotten abtun. Nun ist Barnabas kein Ideologiekritiker, aber wenn er mit einer Gruppe kiffender Hippies am Lagerfeuer sitzt und aus Erich Segals „Love Story“ zitiert - „Liebe bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen“-, um sie anschließend hinzumeucheln, dann ist das eine böse Persiflage der Gegenkultur und ihrer Risiken.

          Der Vampir und seine Entourage, die elegant elegische Elizabeth (Michelle Pfeiffer), deren renitente Teentochter (Chloe Grace Moretz), der kleine, Gespenster sehende David (Gully McGrath) und die dauersüffelnde Psychologin Dr. Hoffman (Helena Bonham Carter), hausen in ihrem Horrorhaus wie eine von Oscar Wilde erdachte Version der Manson Family. Die Geister, die die Libertinage rief, sind unter Umständen viel weniger friedfertig, als von Folkbarden und Haschischrauchern angenommen.

          Die Lavalampe als Plasma-Kelch

          So machen die Collins Revolution von oben: Die Hexe wird besiegt, das Familienbusiness gerettet, der Fluch wenn nicht getilgt, so doch zum Guten gewendet. Dass dabei die Vermenschung der Nachtgeschöpfe nicht gelingt, ist konsequent: In Zeiten zunehmender Entfremdung ist es nur integrer, ein befremdender Kauz, kurz: eine Spukgestalt zu sein. Dies aber, wie gesagt, mit Nonchalance und dem Faible für die Pointe.

          Da wird der Vampir zum Beispiel ertappt, wie er eine rot wabernde Lavalampe als Plasma-Kelch anschmachtet. „Du hast‘n Rad ab“ sagt die Tochter.““Ja, man hat versucht mich zu rädern!“, lautet die Antwort. „Aber vergebens!“ Und wenn derselbe Teenager einen korrigiert, man gebe heute keine Bälle mehr, es müssten schon Happenings sein, dann veranstaltet man eben eines. Hierfür wird Alice Cooper engagiert, der dann tatsächlich als er selbst in Erscheinung tritt, ein schrulliger Veteran einstiger Revolten.

          Kajalaugen statt Swarowski-Aura

          Fast schien es, als gebe es den züchtigen Vampir nur noch in der Swarowski-Fassung - „Twilight“-Edward glitzert im Sonnenlicht, ein Star des Verblendungszusammenhangs-, jetzt ist er als schaurig komische Figur zurück.

          Johnny Depp, mit Phosphorantlitz und Kajalaugen wie dem expressionistischen Theater entsprungen, zeigt uns die Noblesse des Untoten zwischen Blutdurst und Manierlichkeit. Dass er zur genotypischen Herkuleskraft auch noch mit hypnotischen Talenten ausgestattet wurde, ist eigentlich überflüssig. Wenige Minuten mit diesem Kinonachtmahr, schon ist man ihm verfallen.

          Ab Donnerstag im Kino.

          Quelle: F.A.Z.

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