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Veröffentlicht: 07.01.2015, 10:20 Uhr

Video-Filmkritik Bei den Durchdreharbeiten

Damián Szifróns Episodenfilm „Wild Tales“ zeigt Menschen in Extremsituationen und verzichtet dabei auf die Moral. Sein intellektuelles Unterhaltungskino begeistert das Publikum, obwohl es kaum weiß, ob es lachen oder weinen soll.

von Bert Rebhandl
© Prokino, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Wild Tales - Jeder dreht mal durch!“

Der Sprengmeister Simon Fischer ist ein aufbrausender Mensch. Man könnte sagen: seinem Beruf entsprechend. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn er ein Gebäude in Schutt und Asche legt, dann tut er dies methodisch, alles ist perfekt geplant, keinem Baum, der in der Nähe steht, wird auch nur ein Ast gekrümmt. Erst nach der Arbeit, wenn Simon Fischer nach Hause fährt, wenn er in einer Konditorei noch eine (teure) Torte für seine Tochter abholt, wenn er dann auf der Straße sein Auto nicht mehr vorfindet, weil es falsch geparkt war und deswegen abgeschleppt wurde, wenn er sich in die Reihe derer stellen muss, die auch ihr Auto auszulösen versuchen, dann überlässt er sich dieser Erregung, die eigentlich die ganze Zeit in ihm auf einen Anlass wartet. Simon Fischer explodiert leicht, und da kann es dann schon einmal vorkommen, dass er einen Schalterbeamten als „erbärmlichen Sklaven dieses korrupten Systems“ anspricht. Der ruft dann den Sicherheitsdienst.

Das System ist Argentinien, jener lateinamerikanische Staat, der in den letzten zehn, fünfzehn Jahren durch mancherlei Krisen von sich reden machte. Doch welcher Staat hätte das nicht? In Argentinien lässt sich durchaus leben, meint ein Bekannter von Simon Fischer, man muss sich halt ein bisschen arrangieren. Wer das nicht tut, riskiert einen Herzinfarkt. Der Sprengmeister entscheidet sich für eine andere Strategie, bei der ihm die beruflichen Kenntnisse dienlich sind.

Jeder dreht mal durch!

Die Geschichte von Simon Fischer ist eine von sechs „wilden Erzählungen“ in Damián Szifróns Film „Wild Tales“, der in Deutschland den Zusatztitel „Jeder dreht mal durch!“ bekommen hat. „Relatos salvajes“ ist der Originaltitel, es handelt sich um Geschichten, wie man sie sich im Aufzug erzählen könnte, beim Warten auf die U-Bahn, abends beim Essen, wenn der Tag gelaufen ist und man sich in Sicherheit wiegen kann und wenn man sich wohlig mit dem Gedanken beschäftigt, was alles schiefgehen kann im zivilisierten Zusammenleben. Die „wilden Erzählungen“ ziehen den Gehalt moralischer Fabeln ins Absurde, indem sie an dem Punkt, an dem wir eine Lehre ziehen könnten, nicht haltmachen, sondern noch ein bisschen weiter gehen.

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Wild sind nicht nur die Protagonisten, die uns hier mit mal ausgeklügelten, mal ungezügelten Aggressionen konfrontieren, wild ist vor allem die Logik dieser Erzählungen, die mit den Figuren eigentlich Katz und Maus spielen. Damián Szifrón kommt es nicht darauf an, ein paar Wutbürgern dabei zuzusehen, wie sie einmal die Sau rauslassen. Er interessiert sich für den Koben, innerhalb dessen dies nur möglich ist. Dieser Koben ist das System, ist eine halbwegs normale, moderne Gesellschaft mit Regeln und Spielräumen. Bei der Hochzeit von Ariel und Romina zum Beispiel (Episode sechs) feiern sich die Privilegierten dieses Systems ein wenig selbst: erfolgreiche Menschen, die ein großes Hotel gemietet und alle erdenklichen „warmen Platten“, Fotografen und Zeremonienmeister gebucht haben. Der Brautwalzer klappt bestens, kann ja keiner hören, dass Ariel und Romina gerade ein sehr ernsthaftes Gespräch führen und dass diese gerade geschlossene Ehe schon im Begriff ist, dramatisch zu scheitern. Wenig später sind Sanitäter da, mehreren Gästen muss der Blutdruck gemessen werden, es gab üble Szenen, und das ist noch nicht das Ende, denn Szifrón sucht aus jeder der „wilden Geschichten“ einen spezifischen Ausweg.

Die wildesten Phantasien

Die Logik der Pointen ist in sich wild, gehorcht keinem anderen Gesetz als dem der Überraschung, der Unberechenbarkeit und der Aufhebung geläufiger Verknüpfungen. Dass sich Verbrechen nicht auszahlt, dass ein Vertuschungsversuch irgendwann auffliegt, dass ein Rachemord in die Irre führt, das alles ist keineswegs gesagt, und manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass es Szifrón vor allem auf literarische Pointiertheit ankommt. Ein Fall von „road rage“, bei dem zwei Autofahrer in einsamer Landschaft in einen verbissenen Bürgerkrieg zu zweit geraten, endet nach einer konsequent fatalen Eskalation mit einem herrlichen Missverständnis: „Verbrechen aus Leidenschaft?“, mutmaßen die Ermittler, die sich mit einem schrecklichen Szenario konfrontiert sehen.

„Abismos de pasión“, so hieß 1953 einer der mexikanischen Filme von Luis Buñuel, auf den Szifrón sich deutlich bezieht. Er vollzieht damit auch eine Abkehr von dem Erfolgsrezept, mit dem das argentinische Kino in den Jahren seit der großen Krise von 2001 auf den internationalen Festivals reüssiert hatte: von den kargen, verschlüsselten Geschichten, mit denen bedeutende Filmemacher wie Lisandro Alonso oder Lucrecia Martel nach den mythologischen Resten in der argentinischen Gesellschaft fragten. Szifrón spielt auf Buñuel an, zu seinen Produzenten zählt Pedro Almodóvar, und so wird hier eine ganz andere Genretradition in Ansätzen sichtbar, ein intellektuelles Unterhaltungskino, das mit den Affekten spielt, denn es gibt in den „Wild Tales“ ja noch einen Faktor, mit dem Szifrón besonders virtuos spielt: das Erregungspotential des Publikums, das er immer wieder an den Punkt führt, an dem nicht mehr klar ist, ob man nun besser lachen oder weinen oder laut schreien soll. Oder doch den Feuerlöscher holen und die eine oder andere Figur aus dem Bild pusten? Bewahre uns das Kino vor unseren wilden Phantasien!

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