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Video-Filmkritik: „Cloud Atlas“ : Die tanzenden Scherben der Zeit

Bild: Warner, X-Film

Mit dem Film „Cloud Atlas“ haben die Geschwister Wachowski, berühmt für die „Matrix“-Trilogie, und der Deutsche Tom Tykwer („Drei“ und „Lola rennt“) einen neuen Regiestil für eine zeitlose Utopie erfunden.

          Drei- bis vierdimensionale Filme laufen heute längst in jeder Schießbude; es wurde wirklich Zeit für einen sechsdimensionalen. „Cloud Atlas“ spielt in einem halben Dutzend Welten, die sich abzählen lassen - zumindest chronologisch, wenn schon nicht in der sie fortlaufend neu arrangierenden Erzählzeitenmontage des Films:

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          1. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erlebt ein Weltreisender (Jim Sturgess) die Greuel der Sklaverei und die Bosheit seiner weißen Mitchristen (der boshafteste ist Tom Hanks).

          2. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt ein junger Komponist (Ben Whishaw) seinem Liebsten (James D’Arcy) Briefe über Arbeit und Leben bei einem älteren Kollegen (Jim Broadbent).

          3. In den frühen siebziger Jahren deckt eine Journalistin (Halle Berry) einen Energie-Skandal um Öl, Atomkraft und die öffentliche Sicherheit auf.

          4. In unserer Gegenwart macht ein kleiner Gauner (Jim Broadbent) infolge einer Verkettung gewalttätiger Umstände viel Geld als Verleger und findet sich unverhofft in einem üblen Seniorenheim eingesperrt.

          5. In ein paar hundert Jahren bricht ein geklontes Serviermädchen (Doona Bae) aus seiner biopolitischen Norm aus.

          6. In noch fernerer Zukunft muss ein Ziegenhirt (Tom Hanks) in einer auf teils idyllische, teils barbarische Kulturstufe zurückgesunkenen Gesellschaft einer hochzivilisierten Besucherin (Halle Berry) helfen, die letzten Reste ihres technisch weit fortgeschrittenen, aber auf drastisch zusammengeschnurrten Lebensgrundlagen subsistierenden Gemeinwesens vor dem Untergang zu bewahren.

          Hochkarätiges Schauspiel-Ensemble

          Dem umfangreichen Schauspiel-Ensemble des Films gehören außer den bereits genannten Koryphäen Hugo Weaving (unter anderem als Meuchelmörder, Pflegeschwester und aparte Kreuzung aus Furtwängler und Richard Strauß), Susan Sarandon (als Dorfvorsteherin, nichtweißer Physiker und Kolonialistengattin) und Hugh Grant (Ekel der Vergangenheit, Unsympath der Gegenwart und Widerling der Zukunft) an - sowie wahrscheinlich alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, die es auf der Welt gibt, die aber zu schnell vorüberzischen, als dass man sie mitbekäme.

          Viele dieser Leute werden hier mutwillig gegen die im Kino für sie und von ihnen bislang etablierten Typen besetzt - Tom Hanks als verkrachter diebischer Doktor oder Asozialer mit poetischem Zungenschlag („drauf geschissen!“) ist allein schon den Eintrittspreis wert.

          Die besetzungsästhetisch mit Bedacht vorgenommene Negation zahlreicher Rassenzuschreibungen und (sowohl biologischer wie sozialer) Geschlechter ist unübersehbar. Nörgeln ließe sich also, hier kämen - etwa wenn asiatische Rollen von trotz Maske relativ leicht zu identifizierenden Bleichgesichtern wie dem wölfischen Weaving verkörpert werden - das alte Blackfacing und die Minstrel Show zurück, mit denen das Andere und Fremde von den auf der sicheren Seite der Norm Befindlichen karikiert und nachgeäfft wurden, der Unterhaltung und Verblüffung halber.

          Unberechenbare Casting-Choreographie

          Damit wäre indes unzulässigerweise ausgeklammert, dass Halle Berry in „Cloud Atlas“ eben auch eine Kaukasierin spielt, Doona Bae eine Mexikanerin und der sehr hübsche Ben Whishaw die attraktive Gattin einer der vielen abstoßenden Inkarnationen des urbösen Prinzips „Hugh Grant“.

          Die Casting-Choreographie ist also vor allem planvoll unberechenbar - im Laufe der drei Stunden, die das Ganze währt, entgeht dem Publikum mit Notwendigkeit die eine oder der andere. Man soll nämlich am Ende nicht mehr sicher sein, wer wohin gehört, wie sich Einzelgesicht und Typologie aufeinander beziehen.

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