http://www.faz.net/-gs6-74978
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.11.2012, 15:12 Uhr

Video-Filmkritik: „Cloud Atlas“ Die tanzenden Scherben der Zeit

Mit dem Film „Cloud Atlas“ haben die Geschwister Wachowski, berühmt für die „Matrix“-Trilogie, und der Deutsche Tom Tykwer („Drei“ und „Lola rennt“) einen neuen Regiestil für eine zeitlose Utopie erfunden.

von
© Warner, X-Film, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Cloud Atlas“

Drei- bis vierdimensionale Filme laufen heute längst in jeder Schießbude; es wurde wirklich Zeit für einen sechsdimensionalen. „Cloud Atlas“ spielt in einem halben Dutzend Welten, die sich abzählen lassen - zumindest chronologisch, wenn schon nicht in der sie fortlaufend neu arrangierenden Erzählzeitenmontage des Films:

Dietmar Dath Folgen:

1. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erlebt ein Weltreisender (Jim Sturgess) die Greuel der Sklaverei und die Bosheit seiner weißen Mitchristen (der boshafteste ist Tom Hanks).

2. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt ein junger Komponist (Ben Whishaw) seinem Liebsten (James D’Arcy) Briefe über Arbeit und Leben bei einem älteren Kollegen (Jim Broadbent).

3. In den frühen siebziger Jahren deckt eine Journalistin (Halle Berry) einen Energie-Skandal um Öl, Atomkraft und die öffentliche Sicherheit auf.

4. In unserer Gegenwart macht ein kleiner Gauner (Jim Broadbent) infolge einer Verkettung gewalttätiger Umstände viel Geld als Verleger und findet sich unverhofft in einem üblen Seniorenheim eingesperrt.

5. In ein paar hundert Jahren bricht ein geklontes Serviermädchen (Doona Bae) aus seiner biopolitischen Norm aus.

6. In noch fernerer Zukunft muss ein Ziegenhirt (Tom Hanks) in einer auf teils idyllische, teils barbarische Kulturstufe zurückgesunkenen Gesellschaft einer hochzivilisierten Besucherin (Halle Berry) helfen, die letzten Reste ihres technisch weit fortgeschrittenen, aber auf drastisch zusammengeschnurrten Lebensgrundlagen subsistierenden Gemeinwesens vor dem Untergang zu bewahren.

Hochkarätiges Schauspiel-Ensemble

Dem umfangreichen Schauspiel-Ensemble des Films gehören außer den bereits genannten Koryphäen Hugo Weaving (unter anderem als Meuchelmörder, Pflegeschwester und aparte Kreuzung aus Furtwängler und Richard Strauß), Susan Sarandon (als Dorfvorsteherin, nichtweißer Physiker und Kolonialistengattin) und Hugh Grant (Ekel der Vergangenheit, Unsympath der Gegenwart und Widerling der Zukunft) an - sowie wahrscheinlich alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, die es auf der Welt gibt, die aber zu schnell vorüberzischen, als dass man sie mitbekäme.

Viele dieser Leute werden hier mutwillig gegen die im Kino für sie und von ihnen bislang etablierten Typen besetzt - Tom Hanks als verkrachter diebischer Doktor oder Asozialer mit poetischem Zungenschlag („drauf geschissen!“) ist allein schon den Eintrittspreis wert.

Mehr zum Thema

Die besetzungsästhetisch mit Bedacht vorgenommene Negation zahlreicher Rassenzuschreibungen und (sowohl biologischer wie sozialer) Geschlechter ist unübersehbar. Nörgeln ließe sich also, hier kämen - etwa wenn asiatische Rollen von trotz Maske relativ leicht zu identifizierenden Bleichgesichtern wie dem wölfischen Weaving verkörpert werden - das alte Blackfacing und die Minstrel Show zurück, mit denen das Andere und Fremde von den auf der sicheren Seite der Norm Befindlichen karikiert und nachgeäfft wurden, der Unterhaltung und Verblüffung halber.

Unberechenbare Casting-Choreographie

Damit wäre indes unzulässigerweise ausgeklammert, dass Halle Berry in „Cloud Atlas“ eben auch eine Kaukasierin spielt, Doona Bae eine Mexikanerin und der sehr hübsche Ben Whishaw die attraktive Gattin einer der vielen abstoßenden Inkarnationen des urbösen Prinzips „Hugh Grant“.

Die Casting-Choreographie ist also vor allem planvoll unberechenbar - im Laufe der drei Stunden, die das Ganze währt, entgeht dem Publikum mit Notwendigkeit die eine oder der andere. Man soll nämlich am Ende nicht mehr sicher sein, wer wohin gehört, wie sich Einzelgesicht und Typologie aufeinander beziehen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Film The Lobster Die Einsamkeit des Hummers

Irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum: The Lobster von Giorgos Lanthimos ist ein großer Film im Geist des europäischen Surrealismus, eine Parabel von Liebe und Betrug in Zeiten der verordneten Partnerwahl. Mehr Von Andreas Kilb

24.06.2016, 14:07 Uhr | Feuilleton
Film mit Bud Spencer Hosenträger-Szene aus Buddy Haut den Lukas

Ein Ausschnitt aus dem Film Buddy Haut den Lukas mit Bud Spencer. Mehr

28.06.2016, 16:49 Uhr | Feuilleton
Gesunkenes Fernsehgold Das Boot kehrt als neue Sky-Serie zurück

Das muss Das Boot abkönnen: Sky plant eine neue Serie, die die Geschichte der jungen Männer in einem aussichtslosen Krieg fortschreibt. Mehr

23.06.2016, 12:40 Uhr | Feuilleton
Kino Götz George im Film Mein Kampf

Im sächsischen Zittau laufen die Dreharbeiten zum Film Mein Kampf des Schweizer Regisseurs Urs Odermatt nach einem Theaterstück von George Tabori. Mehr

27.06.2016, 08:36 Uhr | Videoarchiv
Korruptionsverdacht Razzia bei Thyssen-Krupp

Ermittler haben die Essener Zentrale von Thyssen-Krupp durchsucht. Es geht um den Verdacht von Schmiergeldzahlungen bei Waffengeschäften einer Tochtergesellschaft. Mehr

24.06.2016, 11:07 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Helft den Alten!

Von Thomas Thiel

Nach dem Brexit wollen Internetkommentatoren der älteren Bevölkerung das Wahlrecht streitig machen. Kein nobler Plan. Mehr 2 13