Home
http://www.faz.net/-gs6-74978
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik: „Cloud Atlas“ Die tanzenden Scherben der Zeit

Mit dem Film „Cloud Atlas“ haben die Geschwister Wachowski, berühmt für die „Matrix“-Trilogie, und der Deutsche Tom Tykwer („Drei“ und „Lola rennt“) einen neuen Regiestil für eine zeitlose Utopie erfunden.

© Warner, X-Film, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Cloud Atlas“

Drei- bis vierdimensionale Filme laufen heute längst in jeder Schießbude; es wurde wirklich Zeit für einen sechsdimensionalen. „Cloud Atlas“ spielt in einem halben Dutzend Welten, die sich abzählen lassen - zumindest chronologisch, wenn schon nicht in der sie fortlaufend neu arrangierenden Erzählzeitenmontage des Films:

Dietmar Dath Folgen:

1. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erlebt ein Weltreisender (Jim Sturgess) die Greuel der Sklaverei und die Bosheit seiner weißen Mitchristen (der boshafteste ist Tom Hanks).

2. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt ein junger Komponist (Ben Whishaw) seinem Liebsten (James D’Arcy) Briefe über Arbeit und Leben bei einem älteren Kollegen (Jim Broadbent).

3. In den frühen siebziger Jahren deckt eine Journalistin (Halle Berry) einen Energie-Skandal um Öl, Atomkraft und die öffentliche Sicherheit auf.

4. In unserer Gegenwart macht ein kleiner Gauner (Jim Broadbent) infolge einer Verkettung gewalttätiger Umstände viel Geld als Verleger und findet sich unverhofft in einem üblen Seniorenheim eingesperrt.

5. In ein paar hundert Jahren bricht ein geklontes Serviermädchen (Doona Bae) aus seiner biopolitischen Norm aus.

6. In noch fernerer Zukunft muss ein Ziegenhirt (Tom Hanks) in einer auf teils idyllische, teils barbarische Kulturstufe zurückgesunkenen Gesellschaft einer hochzivilisierten Besucherin (Halle Berry) helfen, die letzten Reste ihres technisch weit fortgeschrittenen, aber auf drastisch zusammengeschnurrten Lebensgrundlagen subsistierenden Gemeinwesens vor dem Untergang zu bewahren.

Hochkarätiges Schauspiel-Ensemble

Dem umfangreichen Schauspiel-Ensemble des Films gehören außer den bereits genannten Koryphäen Hugo Weaving (unter anderem als Meuchelmörder, Pflegeschwester und aparte Kreuzung aus Furtwängler und Richard Strauß), Susan Sarandon (als Dorfvorsteherin, nichtweißer Physiker und Kolonialistengattin) und Hugh Grant (Ekel der Vergangenheit, Unsympath der Gegenwart und Widerling der Zukunft) an - sowie wahrscheinlich alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, die es auf der Welt gibt, die aber zu schnell vorüberzischen, als dass man sie mitbekäme.

Viele dieser Leute werden hier mutwillig gegen die im Kino für sie und von ihnen bislang etablierten Typen besetzt - Tom Hanks als verkrachter diebischer Doktor oder Asozialer mit poetischem Zungenschlag („drauf geschissen!“) ist allein schon den Eintrittspreis wert.

Mehr zum Thema

Die besetzungsästhetisch mit Bedacht vorgenommene Negation zahlreicher Rassenzuschreibungen und (sowohl biologischer wie sozialer) Geschlechter ist unübersehbar. Nörgeln ließe sich also, hier kämen - etwa wenn asiatische Rollen von trotz Maske relativ leicht zu identifizierenden Bleichgesichtern wie dem wölfischen Weaving verkörpert werden - das alte Blackfacing und die Minstrel Show zurück, mit denen das Andere und Fremde von den auf der sicheren Seite der Norm Befindlichen karikiert und nachgeäfft wurden, der Unterhaltung und Verblüffung halber.

Unberechenbare Casting-Choreographie

Damit wäre indes unzulässigerweise ausgeklammert, dass Halle Berry in „Cloud Atlas“ eben auch eine Kaukasierin spielt, Doona Bae eine Mexikanerin und der sehr hübsche Ben Whishaw die attraktive Gattin einer der vielen abstoßenden Inkarnationen des urbösen Prinzips „Hugh Grant“.

Die Casting-Choreographie ist also vor allem planvoll unberechenbar - im Laufe der drei Stunden, die das Ganze währt, entgeht dem Publikum mit Notwendigkeit die eine oder der andere. Man soll nämlich am Ende nicht mehr sicher sein, wer wohin gehört, wie sich Einzelgesicht und Typologie aufeinander beziehen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bildbearbeitung Lightroom 6 Hinter der Dunkelkammer wartet die Cloud

Wer viel und gern mit Fotos und Raw-Dateien arbeitet, wird dem neuen Lightroom 6 die Treue halten. Gewohnte Arbeitsabläufe bleiben gewahrt und ältere Voreinstellungen lassen sich übernehmen. Mehr Von Michael Spehr

26.08.2015, 17:49 Uhr | Technik-Motor
Serientrailer Sense8

Sense8, 2015. Regie: Lana und Andy Wachowski. Darsteller: Aml Ameen, Doona Bae, Jamie Clayton, Tina Desai, Tuppence Middleton, Max Riemelt und Daryl Hannah. Premiere: Sense8 ist ab dem 05. Juni an bei Netflix verfügbar. Mehr

06.06.2015, 10:50 Uhr | Feuilleton
Mixed Martial Arts Der nächste Kick

Eine junge Frau aus einer hessischen Kleinstadt schlägt sich in die Weltspitze des Käfigkampfes. Dann verliert sie die entscheidenden Duelle. Nach zwei Jahren Pause hat sie nun wieder einen internationalen Auftritt. Mehr Von Florentin Schumacher

30.08.2015, 11:40 Uhr | Rhein-Main
Los Angeles Dani Mathers ist das Playmate des Jahres 2015

Die 28 Jahre alte Dani Mathers wird die Juni-Ausgabe des Playboy" zieren. Bei der Preisverleihung war der Gründer des Magazins, Hugh Hefner, nicht zugegen. Mehr

15.05.2015, 11:55 Uhr | Gesellschaft
Weitere Nachrichten Daimler darf Lastwagen mit Autopilot testen

Das Verkehrministerium gibt einen Versuch für selbstfahrende Lastwagen frei. Hewlett-Packard macht weniger Gewinn, dafür wird der Software-Anbieter Salesforce optimistischer. Mehr

21.08.2015, 06:44 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 14.11.2012, 15:12 Uhr

Glosse

Neunzig Millionen für „Sonstiges“

Von Andreas Kilb

Es war eine Gelegenheit, bei der die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte: Bei der Eröffnung des Wettbewerbs für ein Museum der Moderne in Berlin sorgt die Kostenaufstellung für Lacher. Mehr 6 9