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Video-Filmkritik Camerons Comeback: „Avatar“

 ·  Jeder seiner Filme ist ein Pionierprojekt. In „Avatar - Aufbruch nach Pandora“ gelingt dem „Titanic“-Regisseur James Cameron wieder der uralte, magische Effekt des Kinos.

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Er kann halt einfach nicht anders. Immer größer, teurer, spektakulärer. Immer mehr. Jedes neue Projekt ein neuer Kontinent. James Cameron, 54, hat den erfolgreichsten Film der bisherigen Kinogeschichte gedreht, als er vor zwölf Jahren die „Titanic“ noch einmal versenkte. Er war in den Tiefen des Meeres, in der Zukunft, im All, weil die Welt ihm noch nie genug war. Er interpretiert sie, indem er einfach eigene Welten erschafft - wenn man mal von seiner „Titanic“ absieht, die ja ein Nachbau und ein detailbesessenes Reenactment war. Und während Schriftsteller wie Frank Schätzing nur den Mond besiedeln, reist Cameron in seinem neuen Film 4,4 Lichtjahre weiter, auf einen unbekannten Planten, wo die blauen Riesen wohnen und wo sich ein Rohstoff findet, der die Energieprobleme der Menschheit im Jahr 2154 lösen soll.

„Avatar - Aufbruch nach Pandora“, in 3 D gedreht, 160 Minuten lang, mit einem Budget zwischen 250 und 300 Millionen Dollar, macht den Superlativ zum Stilprinzip. Kaum ein Regisseur ist derart getrieben von der Suche nach dem noch nie gesehenen Bild und zugleich von der Suche nach den technischen Verfahren, welche diese Bilder erst hervorbringen können. Jeder Cameron-Film war bislang eine technische Innovation, ein Pionierprojekt. Und zugleich bewegt sich jede neue Hightech-Exkursion auf einem alten ausgetretenen erzählerischen Pfad.

Reise in eine fremde Kultur

„Avatar“ ist die Reise eines Helden in eine fremde Kultur. Dazu gehören die Initiation und die wachsende Zerrissenheit zwischen dem Eigenen und Fremden, zwischen Liebe und Loyalität und schließlich, an der Weggabelung, die Entscheidung für die eine oder die andere Kultur. Das ist das Muster, dem, nur zum Beispiel, auch Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ folgte oder „Lawrence von Arabien“. In „Avatar“ kommt der querschnittsgelähmte Marine Jake (Sam Worthington) anstelle seines verstorbenen Zwillingsbruders in ein Forschungsprogramm auf den Planeten Pandora. Aus der DNS der Einheimischen, der Na'vi, und der menschlichen DNS hat man Avatare entwickelt, die durch eine spezifische Technologie vom menschlichen Hirn und von Gefühlsrezeptoren gesteuert werden. Diese Hybride können ohne Sauerstoffgerät in der Atmosphäre von Pandora überleben. Sie sind die Quartiermacher der Kolonialisierung, und mit der englischen Sprache sollen sie den Einheimischen auch, möglichst schonend, notfalls mit Gewalt, beibringen, dass ihr Planet ausgeplündert werden soll. Zugleich ist ihr Status prekär, weil der Avatar zur leblosen Hülle wird, sobald die reale Person sich von der Schnittstelle im Kontrollzentrum entfernt. Das Aufregende an „Avatar“ ist nun nicht diese unendlich oft genutzte Plotline. Das Ereignis ist die Erschaffung von Pandora und die seiner Bewohner.

„Ein Regisseur ist in seinem Film immer Gott“, sagt Cameron im Gespräch, um lächelnd hinzuzufügen: „Auch wenn die Leute ihn zur Hölle wünschen, sobald sie nach Hause kommen.“ Diese Behauptung meint gar nicht so sehr die vermeintliche Allmacht, sondern den Akt der Schöpfung. Cameron ist ein Demiurg, ein Handwerkergott, der aus der Kombination von Bekanntem etwas Neues erzeugt. Er kreuzt Flora und Fauna, nimmt Farben und Hautzeichnung von Tiefseefischen oder Urwaldfröschen als Designvorlagen, schafft monströse Kreuzungen aus Sauriern und Raubkatzen, die Thanator oder Viperwolf heißen, lässt in digitalen Schlachtengemälden gigantische Flugsaurier gegen futuristische Hubschrauber antreten und entwirft im Computer phantastische Landschaften: Wasserfälle, die sich in tausend Meter Höhe ins Nichts verströmen, photorealistisch genau, eine psychedelische Natur, die zwischen Regenwald und Unterwasserwelt changiert. Und da Cameron nun mal ein Ingenieur der Seele ist, sind die Na'vi sein Spitzenprodukt: Wesen mit hellblauer, gestreifter Haut, drei Meter groß und supermodelschlank, mit katzengleichen Bewegungen, mit langem Schwanz, großen, goldenen Raubtieraugen und deutlich reduzierter Mimik.

Stereotype edle Wilde

Leider können die Charaktere mit der Vielfalt und Ausdifferenzierung dieses Kosmos nie recht Schritt halten. Der Kommandeur (Stephen Lang) der Söldnerarmee auf Pandora ist ein sturer Ledernacken, man weiß nicht, ob das nun eher tröstlich oder deprimierend ist: dass einer wie ein Zeitreisender wirkt, den es aus dem Vietnam-Krieg direkt in die Zukunft verschlagen hat. Auch der Marine ist als Sozialcharakter geblieben, was er schon heute in jedem Army-Film ist, lediglich Sigourney Weaver hat als Wissenschaftlerin mit Zigarette und spitzen Bemerkungen ein wenig Sophistication ins 22. Jahrhundert gerettet. Und die Na'vi verkörpern den stereotypen edlen Wilden. Sie pflegen naturreligiöse Bräuche und leben im Einklang mit ihrer Umwelt, was Cameron mit dem besonderen Kick versieht, dass das Leben auf Pandora wie ein neuronales Netzwerk funktioniert, in dem alle lebenden Wesen direkt verbunden sind wie in einem magnetischen Feld.

Das emotionale Gravitationszentrum unter diesen neuen Hybriden ist jedoch der Avatar, die Ikone der virtuellen Welt. Wenngleich „Second Life“ inzwischen eher nach Second Hand klingt, so befriedigen die Rollenspiele im Virtuellen doch den alten, tief sitzenden Wunsch des Ichs, ein anderer zu sein. Seit Verwandlungen und Metamorphosen nicht mehr auf die künstlichen Paradiese der Phantasie beschränkt sind, seit man sich künstliche Personen, grafische Stellvertreter im virtuellen Raum schaffen kann, hat die Wunschintensität einen mächtigen Schub bekommen. Es ist die Sehnsucht, die Grenzen der eigenen Physis zu überschreiten, dieses Motiv durchzieht die Arbeiten von James Cameron wie ein roter Faden.

Blasser Messias

Für das Drehbuch zu „Strange Days“, bei dem seine Ex-Ehefrau Kathryn Bigelow Regie führte, dachte sich Cameron eine Art Neurotransmitter aus, mit dessen Hilfe man sich die gespeicherten Empfindungen und Wahrnehmungen anderer Menschen zu eigen machen kann. Es ist auch kein Geheimnis, dass Camerons wirkungsmächtigste Erfindung, der „Terminator“, in seiner Androidengestalt ungleich interessanter ist als der blasse Messias, der in den „Terminator“-Filmen die Menschheit retten soll. Und wer wäre eine bessere Inkarnation des Verwandlungswunsches als der querschnittsgelähmte Marine im Rollstuhl, der als Avatar wieder laufen kann?

Weil diese romantisch getönten Wunscherfüllungsphantasien bei Cameron immer in einem hochtechnisierten Ambiente spielen, droht allerdings die Gefahr, dass die Mittel der technischen Durchführung sich verselbständigen und interessanter werden als die Zwecke, deretwegen sie erfunden wurden. Das gilt auch für „Avatar“, bei dem Cameron im Prozess der Herstellung die technischen Voraussetzungen erst entwickeln lassen musste. Deshalb habe es auch so lange gedauert, sagt er, weil es vor mehr als zehn Jahren, als die Idee zu „Avatar“ Gestalt annahm, technisch gar nicht möglich gewesen wäre, den Film zu drehen. Und man muss schon ziemlich ignorant sein, wenn man sich nicht auch ein bisschen von der Begeisterung anstecken lässt, mit der Cameron von seiner „Virtual Camera“ erzählt. Diese Aufnahmetechnik erlaubt es, Szenen in der computererzeugten Welt zu drehen, so dass vorm Objektiv der Kamera eben nicht der Hauptdarsteller Sam Worthington in neutraler Kleidung vor einem Bluescreen sichtbar wird, sondern sein gut drei Meter großer Avatar inmitten der Pandora-Welt.

Unbedingt konsensfähig

Man muss deshalb auch nicht allzu viel auf die vage ökologische und moralische Botschaft des Films geben, die natürlich unbedingt konsensfähig ist, weil niemand für die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen und die Vernichtung indigener Völker plädiert. Und man sollte sich nicht stören lassen von dem missionarischen Eifer, mit dem Cameron das 3-D-Verfahren preist. „3 D“, sagt er, „ist für mich mittlerweile so wenig aus dem Kino wegzudenken wie Farbe und Ton.“ Diese Haltung ist vermutlich nicht mal unter Regisseuren mehrheitsfähig, zumal die räumlichen Effekte in „Avatar“ eher konventionell ausfallen und andere 3-D-Filme wie „Oben“ auch in ihrer 2-D-Gestalt ziemlich beeindruckend aussehen. Den meisten Zuschauern sind die 3-D-Brillen eher lästig, und die Strategie des Verleihs, den Einsatz von Einwegbrillen mit günstigeren Konditionen für die Kinobesitzer zu belohnen, ist, nach ökologischen Maßstäben, einfach nur widersinnig.

Ein Seeleningenieur wie Cameron jedoch schafft es immer wieder, dass man all das vergisst: das Gestell auf der Nase, das klappernde Skelett der Story, die Holzschnitttechnik beim Clash der Kulturen; und einfach nur staunt: über diesen uralten magischen Effekt des Kinos, der die Leinwand zum Fenster zu einer anderen, nie gesehenen Welt werden lässt. Das macht „Avatar“ zwar nicht zum Film des Jahres oder gar des Jahrzehnts, wie hier und da schon trompetet wird, aber zu einem Spektakel, dem man sich unbedingt aussetzen sollte. Und ob nun bewusst oder unbewusst - letztlich verrät der Film in einem unscheinbaren Detail auch die Ahnung, dass es womöglich nicht so hoch hinausgeht, wie erträumt. Der Rohstoff, der die Menschen auf den Planeten Pandora treibt und von dem während der gesamten 160 Minuten nicht mehr als ein kleiner, schmutziger, schwebender Klumpen zu sehen ist, heißt „Unobtainium“. Das ist eine eigenwillige Substantivierung des Adjektivs „unobtainable“- und „unobtainable“ bedeutet unerreichbar.

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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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