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Video-Filmkritik Bruchlandung in zehn Kilometern Höhe

Pedro Almodóvar, der Regisseur großer Melodramen, hat mit „Fliegende Liebende“ eine Filmkomödie gedreht, die fast gänzlich in einem Flugzeug spielt - aber leider nicht richtig abhebt.

© Tobis, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Fliegende Liebende“

Dass es Filmregisseure gibt, die sich mehr mit sich selbst beschäftigen als mit der Wirklichkeit vor ihrer Tür, ist kein Schaden für das Kino, sondern ein Gewinn. Das Objektive sei im Subjekt zu Hause, hat Adorno seinerzeit erkannt; einfacher gesagt: Wer den eigenen Bauchnabel scharf genug anschaut, findet dort auch den Nabel der Welt. Als der Spanier Pedro Almodóvar vor zehn Jahren anfing, sich mit seiner Kindheit und Jugend im tiefsten Kastilien zu beschäftigen, fiel er deshalb nicht in einen Abgrund der Selbstbespiegelung, sondern drehte zwei der erfolgreichsten Filme seiner Karriere: „Schlechte Erziehung“, vielleicht Almodóvars Meisterwerk überhaupt, und „Volver“, eine zuckersüße, zartbittere Liebeserklärung an Penelope Crúz und die tapferen Mütter der Mancha, unter denen der kleine Pedro aufgewachsen war.

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Dann aber geschah etwas Merkwürdiges. Almodóvar kehrte aus der Beschäftigung mit der eigenen Biographie zurück - aber nicht in die Gegenwart Spaniens, die er seit den achtziger Jahren mit seinen Filmen begleitet hatte, sondern in eine Zwischenwelt des „reinen“ Kinos, in der die alten Almodóvar-Motive wie Nomaden über die Schauplätze der Geschichten zogen. Das Beste, was man über „Zerrissene Umarmungen“ und „Die Haut, in der ich wohne“ sagen kann, ist, dass sie den Regisseur im Vollbesitz seiner erzählerischen Mittel zeigten. Zugleich zeigten sie auf ernüchternde Weise, was von Almodóvars Kino übrig bleibt, wenn es seinen Zeitbezug verliert: der matte Zauber eines gelungenen Kunststücks.

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Aber selbst dieser Restzauber fehlt seinem neuen Film „Fliegende Liebende“. Es ist Almodóvars entschiedenster Versuch seit langem, den Kontakt mit der spanischen Realität im Zeichen der Krise wiederherzustellen; und es ist der leider rundum geglückte Versuch, sich an dieser Realität nicht die Finger schmutzig zu machen. Der Film beginnt am Madrider Flughafen, wo Penelope Crúz und Antonio Banderas einen Gastauftritt als Airport-Angestellte haben, deren Alltagsroutine durch einen Arbeitsunfall unterbrochen wird. Dann sind wir in der Luft, in einem Jet der Fluggesellschaft Peninsula, der eigentlich nach Mexiko-City unterwegs ist, aber, wie sich bald herausstellt, mit Fahrgestellschaden ziellos über Toledo kreist. Alle spanischen Flughäfen sind wegen diverser Sportereignisse überfüllt, die Landegenehmigung wird von Stunde zu Stunde verschoben; um eine Panik unter den Passagieren zu vermeiden, mischt das Bordpersonal Schlafmittel in die Getränke. Die Touristenklasse schlummert schon selig.

Aufstand in der Businessclass

In der Businessclass dagegen versammeln sich die Figuren dieser Geschichte: eine Wahrsagerin, ein Filmschauspieler, ein Auftragsmörder, ein junges Paar auf Hochzeitsreise, der Besitzer einer Baufirma, die Chefin eines Callgirl-Rings. Sie bilden die heterosexuelle, die Peninsula-Angestellten die homosexuelle Hälfte des Personals: der Pilot, der in seiner erotischen Orientierung noch zu schwanken scheint, sein Kopilot, der auf dem Weg zum Schwulsein schon ein gutes Stück vorangekommen ist, und die drei Flugbegleiter, bei denen sofort alles klar ist.

Einer von ihnen, der manisch Tequila süffelnde Joserra (Javier Cámara), hat, wie er sagt, einen Charakterfehler: Er muss immer die Wahrheit sagen. Aber das gilt eigentlich für alle an Bord, sie tragen ihr Herz auf der Zunge, und wenn es noch nicht ganz dorthin gelangt ist, wird es ihnen durch die Mechanik des Drehbuchs, das jeden von ihnen zu langen, bekenntnishaften Telefonaten vergattert, zuverlässig entrissen. Der Baumagnat flieht vor der Steuerfahndung, die Callgirl-Chefin hat die Spitzen von Wirtschaft und Regierung in der Hand, der Auftragskiller soll sie ebendeshalb umbringen, und die Wahrsagerin will auf Teufel komm raus ihre Jungfräulichkeit verlieren. Eine gewisse Bodenhaftung bekommt der Film, als der Schauspieler Ricardo mit seiner Geliebten (Paz Vega) telefoniert, die sich vom Balkon stürzen will. Stattdessen fällt ihr Mobiltelefon herunter - direkt in die Einkaufstasche von Ricardos Ehefrau (Blanca Suárez). Es ist eine Wendung, die Almodóvar, wie er offen zugibt, bei Mitchell Leisen in „Easy Living“ abgeguckt hat, und doch leuchten in ihr noch einmal alle Tugenden seines Kinos auf: Ironie und Melodramatik, Cleverness und Cinephilie. All das, was in „Fliegende Liebende“ sonst fehlt.

Tanzperformance und Aphrodisiaka

Stattdessen rettet sich der Film in eine Routiniertheit, die fast verzweifelt wirkt. Die Flugbegleiter tanzen zu der Pointer-Sisters-Nummer „I’m so excited“. Dann werden Aphrodisiaka gereicht. Der Killer schläft mit seinem Opfer, der Pilot mit dem Steward, und auch die Wahrsagerin kommt zum Zug. Bei Almodóvar, scheint es, wird umso mehr kopuliert, je weniger Substanz dabei im Spiel ist. Seine frühen Filme waren bei aller Drastik beinahe keusch. Jetzt müssen seine Figuren stöhnen, weil sie nichts zu sagen haben.

Der Flughafen Ciudad Real, auf dem die Maschine am Ende landet, wurde im April 2012 als Investitionsruine geschlossen. Hier gäbe es eine Geschichte zu erzählen, vom Fliegen und Träumen, Größenwahn und Absturz. Almodóvar aber ist lieber in der Luft geblieben.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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