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Video-Filmkritik : Biedermann am Bodensee: „Ein fliehendes Pferd“

Bild: Concorde

Martin Walser ist „ungeheuer glücklich“ über Rainer Kaufmanns Kinoadaption seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Doch Walsers Begeisterung über den Film mit Ulrich Noethen, Ulrich Tukur und Katja Riemann wird nicht jeder teilen.

          Martin Walser, heißt es, sei „ungeheuer glücklich“ über Rainer Kaufmanns Filmadaption seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Schon im Sommer war er auf dem Filmfest in München, wo der Film das erste Mal gezeigt wurde, jetzt auf der Premiere in Überlingen am Bodensee, wo Kaufmann gedreht hat. Er, Walser, habe intensiv am Drehbuch mitgearbeitet, insgesamt acht Fassungen begutachtet, wobei es ihm nicht darum gegangen sei, möglichst viel Walser-Originalton in den Film hineinzubringen: Werktreue heiße Motivtreue, nicht Texttreue. Und es rege sich in ihm auch kein Schatten von Eifersucht, wenn er daran denke, dass künftige Walser-Leser sich seine Hauptfigur Helmut Halm als den Schauspieler Ulrich Noethen vorstellen werden.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ulrich Noethen ist nun leider aber genau der Grund, warum man selber unglücklich ist mit dem Film und Walsers Begeisterung überhaupt nicht verstehen kann. Denn Helmut Halm, dieser Melancholiker, den seine Frau Sabine gerne „Herrn Negativ“ nennt; dieser Studienrat und Kierkegaard-Leser, der seit zehn Jahren an den Bodensee in den Urlaub fährt, eben weil dort nichts passiert - er ist in der Novelle kein unsympathischer Mensch. Man mag ihn, trotz seiner Verklemmtheit und reflektierten Kleinbürgerlichkeit. Er ist ein tragischer Held. Noethen allerdings spielt ihn als Miesmacher ohne Charme. Schlechtgelaunt sitzt er mit dem immer gleichen Regenwettergesicht in seinem Feriendomizil am Bodensee herum. Und nur der Geschichte, Katja Riemann und einem wirklich umwerfenden Ulrich Tukur ist es zu verdanken, dass der Film dieser Miesepetrigkeit nicht völlig anheimfällt.

          Draufgänger und Angeber

          Als Klaus Buch steht Ulrich Tukur zu Beginn des Films plötzlich vor Helmut Halm, der sich, zwischen Bodenseebadegästen hinter seinem Suhrkamp-Taschenbuch verschanzt, eben noch sicher wähnte, während Sabine (Katja Riemann) vom Wasser aus winkend bekundete, dass es gar nicht so kalt sei, wenn man erst mal drin ist. Klaus Buch ist zu viel für Helmut Halm: ein Draufgänger und Angeber, in dem er nur wider Willen seinen alten Schulfreund wiedererkennt, wohingegen dieser ihm schon freundschaftlich in die Rippen boxt und ganz aus dem Häuschen ist, Helmut endlich wiederzusehen. Die jeweiligen Frauen werden einander vorgestellt - Klaus ist mit einer viel jüngeren unterwegs. Man geht gemeinsam einen Kaffee trinken, bei dem Klaus Schulhofanekdoten auftischt und natürlich auch Helmuts damalige Vorhautprobleme nicht vergisst. Helmut will nur noch weg. Nichts von dem, was Klaus erzähle, sei wahr, schwört er seiner Frau. Sabine aber findet diesen Klaus eigentlich ganz charmant. Die Paare werden einander nicht mehr los - die Ferien zur Hölle.

          Ralf Hertwig und Kathrin Richter halten sich im Drehbuch weitgehend an Walsers große Geschichte. Nur wollen sie es ein bisschen witziger machen, verwandeln Helmut Halm in einen versessenen Vogelbeobachter und schöpfen das Vogel-Wortfeld mit freudschen Versprechern humorig aus: „Ich will nicht, dass du da eindringst“ - „Du kennst dich ziemlich gut aus mit Vögeln“. Helmut Halm kriegt dann auch eine stattliche Erektion, als Klaus' junge Freundin ihn massiert. Und beim Salatmachen reicht Sabine Klaus mit zweideutiger Geste eine Salatgurke. All das, so könnte man vermuten, entspreche dem faden Humor dieser Kleinbürger.

          Größe ist unerlässlich

          Doch kann sich der Film einfach nicht entscheiden, ob er seine Figuren slapstickhaft denunzieren oder in ihrer tragischen Komik Größe entdecken will. Dabei ist diese Größe unerlässlich, wenn das Drama am Schluss funktionieren soll. Denn auf ein Drama zwischen Rivalen läuft alles hinaus: Helmut und Klaus gehen zusammen segeln. Kein Wind weit und breit. Dann schwärzeste Wolken, Sturm, ein etwas zu blueboxgesättigtes Unwetter. Klaus geht über Bord, versucht Helmut Halms Hand zu fassen, der ihm aber jede Hilfe verweigert, ihn reflexartig endlich loswerden, ihn ertrinken lassen will und allein ans Ufer zurückkehrt.

          Die Verzweiflung, die ihn dort überkommt, glaubt man Ulrich Noethen überhaupt nicht. Er war vorher zu lange einfach nur schlechtgelaunt. Auch lässt das Drehbuch die Stunde der Wahrheit mit einem besonderen Einfall gleich wieder ins Bemüht-Komische kippen, wenn Klaus' Freundin schon am nächsten Tag bereit ist, den für tot erklärten Geliebten zu bestatten: Mit einem Einweckglas voll Weizenkleie statt Asche und ein paar Haaren aus Klaus' Bürste steht sie neben Helmut und Sabine am Ufersteg. Weinend werfen sie Weizen und Haare in den See.

          Und wenn man doch erschaudert, als Klaus plötzlich hinter ihnen steht, dann allein, weil Tukurs „Matchmaker“ die ganze Zeit tragikomische Größe hat. Seine Angeberposen sind berührend, sein Bemühen, von Helmut geliebt werden zu wollen, ist aufrichtig. Helmut Halm steht heulend daneben.

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