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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Video-Filmkritik Bergsteigertragödie: „Nanga Parbat“

 ·  Zwei Brüder stiegen den Nanga Parbat hinauf, nur einer kam hinunter: Joseph Vilsmaiers Film erzählt die bis heute umstrittene Geschichte von Reinhold und Günther Messner.

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Und wenn die Kamera dann durch die Rupal-Wand des Nanga Parbat klettert, ganz unten im Tal beginnt und langsam durch Fels und Eis und immer weiter nach oben steigt, 4500 Meter überwindet und erst in einer Höhe endet, in der für gewöhnlich nur Passagierflugzeuge verkehren, dann wird auch jedem Nichtalpinisten klar, der Joseph Vilsmaiers Film „Nanga Parbat“ sieht, dass dieser vertikale Superlativ, die höchste Felswand der Erde, eine ganz besondere Anziehungskraft und Ästhetik besitzt.

Der Südtiroler Reinhold Messner war sechsundzwanzig Jahre alt, als er an einer deutschen Expedition nach Pakistan teilnahm, die erstmals durch die Rupal-Wand auf den Gipfel des Nanga Parbat wollte. Das war 1970, und Messner, der Mann, der nur sechzehn Jahre später als erster Mensch alle vierzehn Achttausender bestiegen haben sollte, war gerade erst dabei, berühmt zu werden. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Günther kletterte er damals durch die Alpenwände, als wären es Treppenhäuser. Die Leichtigkeit, mit der vor allem Reinhold sich aufwärts bewegte, hatte den Himalaja als nächstes Ziel regelrecht erzwungen. Günther war nur als Ersatzmann ins Team gerückt, Reinhold hatte ihn vorgeschlagen.

Die erste Himalaja-Expedition der Messners sollte für Reinhold nicht nur den entscheidenden ersten Höhepunkt einer beispiellosen Bergsteigerkarriere markieren: Sie war zugleich auch ihr bitterster Tiefpunkt. Die Brüder bezwangen die Rupal-Wand und standen gemeinsam auf dem Gipfel. Aber wie so oft bei Bergsteigergeschichten lagen auch 1970 Triumph und Tragödie beisammen: Günther kam beim Abstieg ums Leben. Wie und warum konnte lange nicht geklärt werden.

Die Leichtigkeit des Steigens

Vierzig Jahre später hat Joseph Vilsmaier also jetzt die Geschichte der Messner-Brüder verfilmt: „Nanga Parbat“ beginnt in Südtirol. Es sind die fünfziger Jahre, und Reinhold (Florian Stetter) und Günther Messner (Andreas Tobias) wachsen im Villnöß-Tal auf. Klettern die Friedhofsmauer hinauf, messen sich bei Wettläufen auf den Kirchturm. Ein paar Schnitte später sieht man zwei junge Männer, die eine schwindelerregende Felswand in den Dolomiten durchsteigen: Die imposanten Außenaufnahmen, am Ortler gedreht, sind schon eine erste alpinästhetische Einstimmung auf den Nanga Parbat.

Die Messner-Brüder verkörperten in den sechziger Jahren eine neue Generation von Bergsteigern: Bis heute setzt der sogenannte Alpinstil am Berg auf Individualismus und Schnelligkeit - und verzichtet so weit wie möglich auf überausgerüstete und schwerfällige Expeditionen. Im Film kontrastiert Vilsmaier diesen neuen Stil mit dem Feldherrengehabe des deutschen Expeditionsleiters Karl Maria Herrligkoffer (Karl Markovics): Besessen rekrutiert er eine „schlagkräftige Mannschaft“ und plant den „Angriff auf den Berg“. „Reinhold“, fleht er Messner an, „die Wand muss fallen!“ Der Nanga Parbat galt als „Schicksalsberg der Deutschen“: Herrligkoffers Halbbruder Willy Merkl und acht weitere Bergsteiger und Träger waren 1934 am Nanga Parbat ums Leben gekommen. Bei einer weiteren, von den Nationalsozialisten propagandistisch orchestrierten deutschen Expedition starben drei Jahre später sogar sechzehn Menschen. Den vorläufigen tragischen Schlusspunkt dieser nationalistischen Alpinepoche setzte die Expedition von 1939, in deren Folge der Österreicher Heinrich Harrer sieben Jahre in Tibet verbrachte. Herrligkoffer selbst leitete nach dem Krieg acht Nanga-Parbat-Expeditionen, auch jene von 1953, als Hermann Buhl erstmals den Gipfel erreichte.

Bis auf sein Idol Buhl interessiert den jungen Reinhold Messner diese Vergangenheit ziemlich wenig. Und was er von Herrligkoffer hält, der wahnhaft von Sieg und Niederlage spricht, ist im Film in einen Dialog gepackt, an dessen Ende Messner über den Nanga Parbat sagt: „Wir müssen ihn ja nicht gleich besiegen. Mir reicht es schon, ihn zu besteigen.“

Eiswürfel statt Gletscherbruch

Vilsmaier setzt die Expedition sehr unterschiedlich um: Die Szenen in den Hochlagern wurden in der sichtbar künstlichen Umgebung einer Münchener Eishalle gedreht, sie verhalten sich zu den in Pakistan entstandenen Außenaufnahmen ungefähr wie ein Eiswürfel zu einem Gletscherbruch. Und so gesehen kann Vilsmaier froh sein, dass die Messners bei ihrem chaotischen Abstieg vom Gipfel keine Lager mehr aufschlugen - er wird so zum ästhetischen Höhepunkt des Films. Aus der Vogelperspektive sieht man zwei winzige Figuren, die sich in einem weißen Labyrinth aus Spalten verlieren, das sich über die Weiten des gigantischen Gletschers erstreckt. Bis irgendwann nur noch eine der beiden Figuren zu sehen ist.

Trotzdem ist Vilsmaiers Film deutlich schwächer als seine Geschichte. Wie Außen- und Studioaufnahmen sich abwechseln, das macht „Nanga Parbat“ genauso unglaubwürdig wie die Art, in der die Messner-Brüder reden, ein merkwürdiges Pseudobayerisch: „Weit is nimma, Reinhold!“ Stetter als Messner wirkt viel zu unentschlossen, zu wenig selbstgefällig. Vielleicht hätte sich Vilsmaier stärker an das Expeditionstagebuch seiner Hauptfigur halten sollen, Messner hatte er ja ohnehin als „Berater“ in sein Team geholt. Am 4. Juni 1970 notierte der sich: „Mit Gerhard habe ich heute über Bergfilme diskutiert. Was es da alles zu machen gäbe!“

Die Versionen der Wahrheit

Dieses Tagebuch - und Reinhold Messners damals sehr umstrittene Sicht der Geschehnisse - kamen bereits 1971 in einem Buch auf den Markt: „Die rote Rakete am Nanga Parbat“ ist zum Filmstart wieder neu aufgelegt worden. Das Buch war damals direkt von Herrligkoffer, der die alleinigen Buchrechte über die Expedition besaß, verboten worden. Was es sehr begehrt machte: Noch heute wird diese Ausgabe aus der Nymphenburger Verlagsanstalt mit bis zu 1200 Euro gehandelt.

Das Buch, dessen Titel sich auf eine umstrittene Wettersignalrakete bezieht, kann nun wieder erscheinen, weil die Umstände von Günther Messners Tod als geklärt gelten. Günthers Leiche wurde im August 2005 am Fuße der Diamir-Wand gefunden. Das bestätigte Reinhold Messners Version der Geschichte: Demnach war er gemeinsam mit seinem Bruder über die Rückseite des Berges abgestiegen, dort wurde Günther von einer Lawine erfasst. Reinhold will ihn tagelang gesucht haben, er wäre dabei fast selbst ums Leben gekommen. Später mussten ihm sieben Zehen amputiert werden. In den fünfunddreißig Jahren seither hatte es mehrere andere Wahrheiten gegeben: Herrligkoffer und die Expeditionsteilnehmer Max von Kienlin und Hans Saler warfen Messner in ihren Büchern vor, er hätte den Bruder seinem Ehrgeiz geopfert, hätte die Überschreitung des Berges von Anfang an geplant, um mit dieser außergewöhnlichen Tat seinen Ruhm zu begründen. Deswegen hätte er Günther, der ihm anders als geplant zum Gipfel nachgestiegen war, im Stich gelassen.

Die einzige Konstante in all den alpinistischen Wirren, so scheint es, ist der Nanga Parbat selbst. Er schafft Jahr für Jahr neue Geschichten, fiktionale (wie etwa in den Liedern von Reinhard Mey und den Büchern von Christoph Ransmayr) und auch sehr reale: Im vergangenen Juli starb der Südtiroler Karl Unterkircher in der Rakhiot-Wand. Er stürzte in eine Gletscherspalte, seine beiden Kameraden kämpften danach neun Tage lang um ihr Leben, ehe sie mit dem Hubschrauber gerettet wurden. Das Buch der Überlebenden, es heißt „Teufelswand“, erscheint Ende Februar.

„Nanga Parbat“ kommt am Donnerstag in die Kinos. Die Neuauflage von Reinhold Messners Buch „Die rote Rakete von Nanga Parbat“ ist im Piper-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

Quelle: F.A.S.
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