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Video-Filmkritik : Bekenntnisse eines Daheimgebliebenen

Bild: Concorde

Mit „Die andere Heimat“ kehrt Edgar Reitz in das Hunsrückdorf Schabbach zurück. Sein vierstündiges Panorama des neunzehnten Jahrhunderts ist der schönste deutsche Spielfilm seit langem.

          Die andere Heimat, die Neue Welt, ist in diesem Film keine Postkarte, kein Gemälde, keine Vision von fernen Ufern unter Palmen. Sie ist ein Bild in einem Stein. Ein Achat, etwas größer als ein Ei, den das Mädchen Jette von seinem Vater, einem verarmten Edelsteinschleifer, geschenkt bekommt. Wenn man die Steinscheibe gegen das Licht hält, leuchtet darin eine Meerlandschaft auf, mit grauen Wellen und einer kalten, weißen Sonne unter rötlichem Himmel.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Meer scheint zu dampfen. Ein Schimmer liegt über dem Horizont. Hitze und Frost mischen sich in dem Stein, polare und tropische Welt. Und wenn man lange genug in den Achat hineinschaut, ist es, als schaute er zurück. Es ist das einzige Auge, das sich in den vier Filmstunden der „Anderen Heimat“ niemals schließt, weil es das Auge des Kinos selber ist, das Bild des Traumapparats, in den die Sehnsüchte der Menschen strömen, während er selbst mit mechanischer Ungerührtheit ihre Wirklichkeit spiegelt.

          Ein Hunsrückdorf im Jahr 1842

          Die Wirklichkeit, das ist das Hunsrückdorf Schabbach im Jahr 1842, dem Jahr, in dem der Hufschmiedsohn Jakob Adam Simon ein Tagebuch zu schreiben beginnt. Er wolle ihm „jeden meiner Schritte und ernsten Beschlüsse getreulich anvertrauen, bis das Weltmeer meiner wartet, mich in die Neue Welt zu tragen“, verkündet er im ersten Eintrag. Zuvor aber hat man in knappen Einstellungen die Welt des Jakob Simon gesehen: Häuser aus bröckelndem Fachwerk, ein mageres Pferd auf der Dorfstraße, Hühner, die vor der Schmiede im Staub picken, kahle Felder - und unten im Tal der Zug der Planwagen und Karren, der Exodus der Menschen, die diese Welt verlassen wollen. Alles ist von Anfang an da, die bedrückende Nähe und die ersehnte Ferne, die Not des Landes und die Stimme des Erzählers, der sie schildert und kommentiert. Nur eines fehlt: die Farbe.

          „Die andere Heimat“ ist die vierte filmische Reise des Regisseurs Edgar Reitz an den Ort, den er vor dreißig Jahren für den Elfteiler „Heimat“ erfunden hat. Und sie ist das erste der vier „Heimat“-Epen, das konsequent in historischem Schwarzweiß, in der Bildsprache des klassischen Tonkinos, erzählt ist. Die früheste „Heimat“ hatte grüne Landschaften und rot leuchtende Schmiedefeuer, die „Zweite Heimat“ farbige Nachtszenen, und „Heimat 3“ ertrank geradezu in Farbe.

          Ein Puzzle aus Grautönen

          Jetzt endlich ist Schabbach ein reines Spielfeld des Lichts, ein Puzzle von Grautönen zwischen der warmen Finsternis des Waldes und der grellen Härte des Schnees. Und doch gibt es Ausnahmen, kleine Farbtupfer in der schwarzweißen Anderswelt. Der wichtigste ist der geschliffene Achat, der Sehnsuchtsstein. Dann eine Goldmünze. Eine schwarzrotgoldene Fahne auf einem Floß im Rhein. Ein Hochzeitskranz. Blau blühender Flachs auf den Feldern, rote Kirschen am Baum. Der große Komet von 1843. Sie brechen den Zauber nicht, sie betonen ihn. In ihnen spiegeln sich die Kräfte, die das Leben der Menschen bestimmen. Die Natur, die Jahreszeiten. Die Geschichte, die Chronologie. Der Kreislauf des Geldes. Und die Liebe. Nur der Tod, die ewige Gegenkraft, bleibt immer schwarzweiß.

          Im Jahr 1842 gehört der Hunsrück zur preußischen Rheinprovinz. Die Älteren erinnern sich noch an die „Franzosenzeit“, als der Code Civil die Adelsprivilegien aufhob. Jetzt herrscht mit den Schulgesetzen Preußens und seinem Junkertum zugleich die Aufklärung und ihr Gegenteil. Die Dorfkinder lernen Lesen und Schreiben, sie werden, wie Jakob Simon, durch Bücher zu Weltbürgern. Die Drucker fordern Pressefreiheit. Die Winzer wollen zur Kirmes ihren eigenen Most ausschenken, nicht den des Barons. Die harte Reaktion der Obrigkeit setzt Auswanderertrecks in Gang. In den Rheinstädten wirbt der Kaiser von Brasilien um deutsche Kolonisten. Noch heute wird in Rio Grande do Sul ein Hunsrücker Dialekt gesprochen.

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