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Video-Filmkritik Balance des Unglücks: „A Serious Man“

20.01.2010 ·  In „A Serious Man“ erzählen Joel und Ethan Coen mit bösartigem Spaß von einem Mathematikprofessor, der Sinn und System in sein aus dem Takt geratenes Leben zu bringen versucht.

Von Andreas Kilb
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Jeder kennt die Geschichte vom Clown, der über seine eigenen Späße nicht mehr lachen kann. Manche Spaßmacher gehen daran zugrunde. Andere erschaffen sich einen Doppelgänger, auf den sie ihre Bitterkeit und Misanthropie abwälzen. Dann ertrinkt nur die Kunstfigur in der schwarzen Galle der Verzweiflung, ihre Schöpfer dagegen bleiben heil und gesund. Solche cleveren Clowns sind die Brüder Coen. Seit bald dreißig Jahren zeichnen sie auf der Leinwand das Leben in all seinen grausamen und grotesken Facetten. Aber ihre Filme sind keine Schule der Traurigkeit, sondern ein ganz eigener, manchmal harmloser, noch öfter bösartiger Spaß. Bei den Coens kann es passieren, dass ein dicker Mann aus dem siebzigsten Stock eines Hochhauses springt, ohne dass man darüber entsetzt wäre. Selbst der Dicke scheint bei seinem Sturz fröhlich in die Kamera zu winken. Vielleicht will er aber auch nur die Passanten unten auf dem Trottoir vor dem Aufprall warnen. Das Makabere und das Allzumenschliche gehen in den Filmen der Coen-Brüder eine seltsam instabile Verbindung ein.

Auch in „A Serious Man“, dem neuen Film von Joel und Ethan Coen, gibt es einen dicken Mann, der plötzlich stirbt. Er sitzt am Tisch einer Anwaltskanzlei, pafft seine Zigarre, klappt einen Aktenordner auf, japst nach Luft und bricht zusammen. Der korpulente Rechtsberater ist nur eine Randfigur im Leben von Larry Gopnik, dem Helden der Geschichte. Trotzdem zieht sein kurzer Auftritt eine Art Quersumme all dessen, was „A Serious Man“ in knapp zwei Stunden erzählt. Denn Larry ist in die Kanzlei des Dicken gekommen, weil er Hilfe braucht - im Beruf, in seiner Ehe, in seinem Glauben an Gott. Und beinahe bekommt er sie auch. Aber dann schlägt das Schicksal ohne Warnung zu.

Ein Leben gerät aus dem Takt

„A Serious Man“ spielt in einer weißen Vorstadt von Minneapolis, Minnesota, im Jahr 1967 - jenem Jahr, in dem Jefferson Airplane ihre LP „Surrealistic Pillow“ mit der Single-Auskoppelung „Somebody to Love“ veröffentlichten. In der Eröffnungsszene des Films sieht man einen kleinen Jungen mit Hörknopf im Ohr, der diesem Lied im Tora-Unterricht lauscht, bis der diensttuende Rabbi das Radio samt Kopfhörer beschlagnahmt. Der Junge - er heißt Danny - könnte glatt einer der beiden Coen-Brüder sein, die in denselben sechziger Jahren in einer ganz ähnlichen Vorstadt von Minneapolis aufgewachsen sind. Aber nicht der kleine Danny steht im Zentrum der Geschichte, sondern Larry, sein Vater. Während Larrys Sprössling Ärger mit dem Rabbi hat, sitzt er selbst gerade beim Arzt, der ihm eine beruhigende Diagnose ausstellt. Am Ende des Films wird er sie widerrufen.

Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) ist, ebenso wie die Eltern der Coens, Universitätsprofessor. Demnächst soll er einen unbefristeten Vertrag bekommen. Aber plötzlich erhält die Berufungskommission anonyme Schmähbriefe gegen Larry. Zuvor hat ein asiatischer Student versucht, ihn nach einer verpatzten Prüfung zu bestechen. Und daheim erklärt Larrys Frau am Küchentisch, dass sie sich scheiden lassen will. Ihr Neuer ist der seifige Witwer Sy Ableman (Fred Melamed), der Larry in ein Schnellrestaurant bestellt, um ihm vorzuschlagen, er möge sein eigenes Haus räumen und in ein Motel ziehen - was Larry dann auch tut, zusammen mit seinem seelisch labilen, an einer seltenen Talgzyste leidenden Bruder Arthur, einem zwanghaften Hurenbock und Pokerspieler.

Diese absurde Häufung alltäglicher Zumutungen des modernen Kleinbürgerlebens ist nicht an sich komisch. Sie wird komisch, weil Larry Gopnik sie so entsetzlich ernst nimmt. Als Mathematikdozent sucht er das System, als gläubiger Jude den höheren Sinn in allem, was ihm widerfährt. Da ihm die Quantenmechanik bei der Lösung seiner Lebensprobleme nicht weiterhilft, sucht er Rat in der Gemeinde. Er geht zum Aushilfsrabbi, dann zum stellvertretenden Rabbi und schließlich zum Oberrabbi, bei dem zufällig auch das Radio seines Sohnes gelandet ist. Jeder der drei erzählt ihm eine Geschichte. Die des stellvertretenden Rabbi ist am schönsten. Sie handelt von einem Zahnarzt, der auf der Rückseite der Schneidezähne eines Patienten in hebräischer Schrift die Worte „Hilf mir“ entdeckt. Jahrelang sucht er vergeblich nach einer zweiten Botschaft. Endlich gibt er auf. „Was hat diese Geschichte zu bedeuten?“, fragt Larry. „Wir können nicht alles wissen“, antwortet der Rabbi.

Im falschen Film

Auch im Kino können wir nicht alles wissen, aber dafür alles sehen. In „A Serious Man“ sehen wir eine Welt, die dem Milieu des amerikanischen Sechzigerjahrefilms - auch in seiner jüngeren, nostalgischen Variante - aufs Haar gleicht und doch himmelweit von ihr verschieden ist. Denn in Larry Gopniks Welt nistet derselbe Keim des Absurden, mit dem die Coens schon ein Dutzend andere Kinomilieus zerlegt haben. Die alten Geschichten, aus denen Hollywood immer neue Genrefilme züchtet, kommen bei ihnen in den Wolf: Sie zerkleinern und zergliedern sie, bis sie auf die bisher gewohnte Weise nicht mehr funktionieren. Dafür sprechen sie wahr. Der Hilferuf der Schneidezähne mag eine fromme Anekdote sein, der stumme Schrei des Larry Gopnik ist echt. Wie noch jeder der seltsamen Coenschen Antihelden wird auch Larry ständig von dem Gefühl geplagt, im falschen Film zu sein. Eben dadurch gibt er uns die Gewissheit, dass wir im richtigen sind.

Nach ihrem Oscar für „No Country for Old Men“ hätten Joel und Ethan Coen im Kino in jede beliebige Richtung weitergehen können. Dass sie sich für eine autobiographisch gefärbte Geschichte entschieden haben, zeigt, mit welchem Ernst sie das Spiel mit den Bildern betreiben. Statt einer weiteren Räuberpistole erzählen sie ein Drama aus der Welt ihrer Väter, in dem zugleich die ewigen Kinderfragen aufgehoben sind: Was ist der Sinn des Lebens? Was hat Gott mit uns vor? Larry Gopnik erhält darauf ebenso wenig eine Antwort wie der nach Hollywood verpflanzte Theaterdichter Barton Fink und der kalifornische Lebenskünstler Jeffrey „Dude“ Lebowski vor ihm. Aber die Meisterschaft, mit der die Coens seine Sinnfrage filmisch formulieren, macht selbst die finstere Antwort, die sie in „A Serious Man“ geben, zu einem Gewinn.

Am Ende sieht es so aus, als hätte Larry das Unglück doch noch abgehängt. Sein Vertrag wird entfristet, sein Widersacher kommt bei einem Autounfall ums Leben, und sein Sohn beherrscht bei der BarMitzwa-Feier seinen Text. Man möchte Larry Gopnik einen glücklichen Menschen nennen, als plötzlich sein Telefon klingelt. Es ist Larrys Hausarzt, mit schlechten Neuigkeiten. Zugleich rast ein Wirbelsturm auf die Vorstadt zu. Irgendwo zwischen den Schülern, die sich gut gelaunt schwatzend auf dem Pausenhof versammeln, müssen auch die Coen-Brüder stehen. Man hört ihr Lachen in der Ferne, während der Tornado heranrast.

„A Serious Man“ kommt am Donnerstag in die Kinos.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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