06.05.2009 · Das hat es trotz Benignis „Das Leben ist schön“ und „Schindlers Liste“ noch nicht gegeben: Unverblümt mischt dieser Film Kindergeschichte, Familiengeschichte und Geschichte des Holocaust. Im Grunde ist das eine Frechheit und doch berührt einen dieser Film.
Von Andreas KilbDieser Film ist eine Frechheit. Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der geglaubt hat, es gebe eine Grenze beim Umgang des Kinos mit dem Holocaust, eine Schwelle, die das historisch Belegte von der reinen Spekulation trennt. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ überschreitet diese Schwelle. Und er tut das so unverblümt, dass man nach dem Abspann eine Weile braucht, um zu begreifen, was man da gerade gesehen hat. Eine Kindergeschichte in Auschwitz; eine morality tale vor dem Hintergrund der Gaskammer; ein Nazi-Familiendrama mit tragischem Ausgang - das alles ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Und weil er diese drei bekannten Motive, die Kindergeschichte, die Familiengeschichte und die Geschichte des Holocaust, auf eine bisher ungekannte Weise verbindet, ist er ein Novum in der Geschichte des Kinos: der Film, mit dem Auschwitz zur Fiktion wird.
Nun kann man sagen, das alles habe es ja schon gegeben, in Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ beispielsweise oder in „Schindlers Liste“ und nicht zuletzt in der Fernsehserie, mit der alles angefangen hat und die dem Genre den Namen gab, eben in „Holocaust“. Und tatsächlich sieht man die Selektionsrampe und die Krematorien, in denen zwei Generationen der jüdischen Familie Weiss verbrannt werden, schon in der Serie von 1978, die Lagerbaracken und jene verschließbare Kammer, die sich dann doch als Duschraum entpuppt, bereits bei Spielberg und das Kindermelodrama, allerdings in ein italienisches Konzentrationslager verlegt, auch in Benignis Oscar-Gewinnerfilm von 1999.
Der Blick aus dem Dachfenster
Aber das, was der britische Regisseur Mark Herman und sein Kameramann Benoît Delhomme in gut neunzig Minuten zeigen, haben wir trotzdem noch nicht gesehen. Denn Herman und Delhomme erzählen ihren Stoff, die Geschichte des Jungen im gestreiften Pyjama und seines Freundes, der der Sohn des Lagerkommandanten ist, nicht als Holocaustdrama. Sondern als kindliches Abenteuer. Sie wissen, dass wir wissen, was hinter dem Stacheldrahtzaun geschieht, an dem der achtjährige Bruno den gleichaltrigen, mit einer Häftlingsnummer auf dem Arm gebrandmarkten Schmuel trifft. Aber sie zeigen es nicht - anders als etwa Benigni, der in „La vita è bella“ ein mit Kinderaugen betrachtetes (und mit fragwürdiger Grandezza inszeniertes) Ballett des Sadismus aufführte. Erst am Schluss erzählen sie, was in Auschwitz geschah, bis an die Grenze des Erträglichen und darüber hinaus. Sie spielen ein Spiel mit uns, mit unseren Tabus, unseren Geschichtsbildern, unseren Kinoerfahrungen. Und sie spielen es gut.
Es beginnt damit, dass Bruno (Asa Butterfield) mit seiner Familie aus Berlin wegziehen muss. Sein Vater ist auf einen verantwortungsvollen Posten „im Osten“ befördert worden, dorthin, wo sich im Jahr 1942 die Wende des Krieges ereignet und zugleich die industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden anläuft. Aber davon weiß Bruno nichts. Er sieht nur die große, graue, von hohen Mauern umgebene Villa, in der er mit seinen Eltern und seiner Schwester leben soll, und die langen Holzbaracken, die man von einem Dachfenster aus in der Ferne erblickt. Bauern, glaubt Bruno, verrichten dort ihre Arbeit. Ab und zu weht von den Baracken ein scharfer, grauenhaft süßlicher Gestank zur Villa herüber. Dort drüben, heißt es dann, würden Abfälle verbrannt. Der Blick aus dem Dachfenster wird Bruno bald verboten. Auch die Mauer darf er nicht überklettern. Aber dann entdeckt er eine Seitentür und dahinter einen Schuppen, aus dem eine Öffnung in die Freiheit führt. Er läuft durch den Wald und steht schließlich vor dem Stacheldrahtzaun, der den „Bauernhof“ umgibt. Ein Junge im gestreiften Drillich sitzt dahinter und malt Figuren in den Staub.
Einstiegsfigur für jede Altersstufe
„Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist die ziemlich textgetreue Verfilmung eines Bestsellerromans des irischen Autors John Boyne, der sich wiederum eng an die wahre Geschichte der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß anlehnt. Die Höß-Villa, in der auch seine Frau Hedwig und seine fünf Kinder lebten, stand nur hundert Meter vom nächsten Krematorium entfernt. Die Hausangestellten waren Insassen von Auschwitz, an Festtagen spielte das Lagerorchester für die Familie auf, die Erdbeeren im Garten wurden mit Menschenasche gedüngt. Vor dreißig Jahren hat der deutsche Regisseur Theodor Kotulla diese Geschichte in einem Film nacherzählt, mit Götz George als Rudolf Höß: „Aus einem deutschen Leben“. Aber Kotulla hielt sich an die Außenansicht des Geschehens. Er zeigte nur, was historisch bewiesen und durch Zeugenaussagen dokumentiert war. Er blickte nicht in den Kopf seines Helden. Oder in die Gaskammer.
Diese Skrupel kennen John Boyne und Mark Herman nicht. Wobei es einen erheblichen Unterschied macht, ob die Hölle der Gaskammer durch Worte suggeriert oder in Filmbilder verwandelt wird. Schon dem Roman wurde die Verdrehung historischer Tatsachen vorgeworfen: Es habe keine achtjährigen Jungen in Auschwitz gegeben, weil alle arbeitsunfähigen Kinder sofort nach der Ankunft ermordet worden seien. Der Film dreht diese Fiktionsspirale noch ein Stück weiter, indem er die Rolle des jüdischen Knaben streng nach dem Kindchenschema besetzt. Der kleine Jack Scanlon sieht mit seinen großen Kulleraugen und runden Wangen wie eins jener Bilderbuchkinder aus, die in Fernseh-Soaps Zuschauerherzen zum Schmelzen bringen. Der beim Drehen elf Jahre alt gewesene Asa Butterfield wirkt dagegen mit seinen schlaksigen Gliedern und seinem Forscherblick wie ein jüngerer Schulkamerad von Harry Potter. Beides, die Serienästhetik und die Annäherung an die Harry-Potter-Ikonographie, gehört zum ökonomischen Kalkül dieser Produktion. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ will ein Familienfilm sein, der für jede Altersstufe eine Einstiegsfigur bietet.
Lang genug für diesen Film
Ebenso geschickt ist das Casting der Erwachsenenrollen. David Thewlis passt vom Aussehen her fast zu gut ins Stereotyp des Biedermanns in SS-Uniform, gibt aber seiner Figur durch unverhoffte Tonwechsel zwischen Grausamkeit und Bonhomie den nötigen Schwung. Und Vera Farmiga als Nazifrau mit Gewissensbissen zeigt einmal mehr, dass sie zu den großen Talenten des Kinos zählt. Wenn sie am Ende begreift, was mit ihrem Sohn passiert ist, nachdem er den gestreiften Pyjama übergezogen hat und zu seinem Freund hinter den Stacheldrahtzaun gekrochen ist, steht sie wie die groteske Wiedergeburt einer Figur aus dem „Struwwelpeter“ da: „Und die Mutter blicket stumm / auf dem ganzen Tisch herum.“
Das alles ist, wie gesagt, eine ästhetische Frechheit und geschichtspolitische Blasphemie, wie sie sich ein deutscher Autor niemals und ein deutscher Regisseur schon gar nicht hätte erlauben können. Und so möchte man den Film gern hassen. Aber es klappt nicht. Denn wir sitzen ja nicht im Hörsaal, während die Tragödie von Bruno und Schmuel erzählt wird, wir besuchen kein Kolloquium, wir klicken uns nicht durch den Forschungsstand zur Schoa. Wir sind im Kino. Hier, in der Nacht des Intellekts, werden Geschichten plausibel, die im hellen Tageslicht sofort zerfallen würden. Und so kommt es, dass die Freundschaft zwischen dem Sohn des Lagerkommandanten und einem jener Jungen, die es in Auschwitz eigentlich nicht geben durfte, den Zuschauer wider besseres Wissen berührt.
Das hat nichts mit Sentimentalität zu tun. Es hat mit der Schicht aus abgelagerten Bildern zu tun, von der jede geschichtliche Erfahrung, auch diese, im Lauf der Zeit unvermeidlich zugedeckt wird. Dieser Film reißt sie auf - nicht vorsichtig und historisch korrekt, sondern mit Gewalt und einem rabiaten Griff in die Klischeekiste des Kinos. Darunter sieht man, mit den Augen eines acht Jahre alten Jungen, einen Moment lang das ganze Grauen, von dem die Überlebenden berichten. Nur einen Moment lang. Aber lang genug für diesen Film.