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Video-Filmkritik Aufgepumpte Muskeln der Selbstverkennung

Michael Bay, sonst zuständig für teure Explosionen, zeigt uns in „Pain & Gain“ törichte Verbrecher. Die Geschichte von drei Bodybuildern, die einen reichen Klienten entführen, beruht auf Tatsachen.

© Paramount, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Pain & Gain“

Nach einer Stunde und achtundvierzig Minuten greift Regisseur Michael Bay in seinen Film ein und erinnert mit einem Hinweis am Bildrand daran, dass dies „noch immer eine wahre Geschichte“ sei. Das ist ungewöhnlich, aber notwendig. Zwar hätte man die wahnwitzige Story des Fitnesstrainers Daniel Lugo (Mark Wahlberg), der mit zwei Bodybuilderkomplizen einen seiner reichen aber schwachen Klienten entführt, erpresst, ausraubt und erfolglos zu töten versucht, auch im Format des nüchternen Autorenkinos abhandeln können.

Glaubwürdiger wäre sie dadurch allerdings nicht gewesen. Also ändert es wenig, dass Bay die Geschichte erzählt und dafür an seinem radikal zur Bombastik getriebenen Stil festhält und dabei missachtet, dass ihm diesmal nur fünfundzwanzig statt der üblichen hundert Millionen Dollar zur Verfügung standen und weder Flugzeugträger noch Raumstationen zu zerstören waren.

Eine irre Kriminalgeschichte

Die Chronologie der filmischen Erzählung stimmt mit ihrer Vorlage überein. Das Verbrechen und der anschließende Prozess zogen sich über Monate in den Jahren 1994 und 1995. Die Ausgestaltung dieser irren Kriminalgeschichte allerdings ist in mehr als achtzehn Jahren im Kopf des Regisseurs gereift. 1995 drehte der damals dreißigjährige Bay in Miami seinen ersten Kinofilm „Bad Boys“. In den Zeitungen las er zur selben Zeit von der drei Volltrotteln Lugo, Doyle und Doorbal und entschied sich, diese Geschichte einmal auf die Leinwand zu bringen.

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Das erste Mal kroch Bay dafür seinen Protagonisten in den Kopf und lies sie aus dem Off erzählen. Zuweilen wirkt es gar so, als wäre Bay mit Lugo in dessen Kopf gefangen, als ginge es nur darum, mit der Kamera in der Hand durch Lugos Leben zu hetzen, das dazu verdammt scheint, auf der Suche nach Glück fatal zu scheitern. Die Hoffnungen, die das Miami der neunziger Jahre in Lugo weckten, entpuppen sich als Vorzeichen einer armseligen Gegenwart. Wirklich jedem in Sichtweite geht es in dieser Wettkampfgesellschaft besser.

Sitzt heute hinter Gittern

Bevor Lugo aber endgültig zum Verlierer wird - der echte Daniel Lugo wartet noch heute auf seine Hinrichtung -, ist er schlicht orientierungslos, hat es nur mit Deppen zu tun und verschreibt sein Leben der Fitness. Bis auf diesen Glauben an die Weltverbesserung durch Anabolika wird er alles verlieren. Irgendwer hat ihn um seinen amerikanischen Traum betrogen, vielleicht er selbst. Es klang so einfach: Kümmere dich um dich selbst, mache Amerika zu einem besseren Ort. Nichts ist so unpatriotisch wie der Verrat an den eigenen Talenten: „Seien sie kein Schwacher, seien sie ein Macher!“

Es ist eine bemerkenswerte Fügung, dass es Bay ist, der diese Abklärung des amerikanischen Traums in Angriff nimmt, und nicht etwa einer der Regieprofessoren, Spielberg beispielsweise oder Cameron, die sich zuletzt weit ernster ganz ähnlichen Themen widmeten. Sie flitzen nämlich weder im Ferrari über Autobahnen, noch erlauben sie es sich, in Jeans zu Interviews zu erscheinen, sich dort im Sessel zu fläzen und zu behaupten, dass es ihnen noch vor Professionalität bei der Filmarbeit um die Lebensfreude am Set geht.

Metapher oder Komödienstoff

Obwohl Bay geschickt offenlässt, ob er in seinem scheiternden Lugo diese bedeutungsschwangere Metapher oder doch nur ein interessantes, aber einzelnes Schicksal sieht, das sich eben für eine absurde Actionkomödie eignet. Es spricht nämlich auch einiges dafür, es bei Letzterem zu belassen. Der Griff in die Filmtrickkiste war tief, um aus dem Herzensanliegen des Regisseurs einen Film zu machen, der alle Versprechen auf gute Unterhaltung, für die Michael Bay steht, hält.

Neben Mark Wahlberg spielt der noch dreißig Kilo schwerere, unter seinem Wrestlernamen „The Rock“ bekannte Dwayne Johnson das so aberwitzige wie abergläubische „Team Jesus“-Mitglied Paul Doyle. Die Rolle des Opfers Victor Kershaw übernahm Tony Shalhoub, der mit seiner Arroganz sogar noch den sozial unverträglichen, aber cleveren Autismus übertrifft, für den er auch hierzulande als „Monk“ bekannt ist. Die unscheinbarste, aber beste Entscheidung Michael Bays war es, wieder Steve Jablonsky um die Filmmusik zu bitten. Er kennt das Metier des selbsterzählten biographischen Dramas wie kaum ein anderer als der Tonmeister aller Desperate-Housewives-Episoden. Auch diesmal ist er der Kidnapper, der die Zuschauer in eine andere Welt entführt, ohne aufzuklären, ob es sich nicht tatsächlich nur um eine wahrere Perspektive handelt.

Quelle: F.A.Z.

 
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