14.12.2011 · Die Wüste crasht, der Turm ist rutschig, und im kurzen Kleid kann man einander gut verprügeln: „Mission: Impossible 4“ mit Tom Cruise siegt über Raum, Zeit und Gerümpel.
Von Dietmar DathZum Nachtisch blinzelt Zärtlichkeit: Als alle Explosionen, Rennereien, Nasenstüber, Quetschzerrungen und Schienbeinbrüche überstanden sind, dürfen Tom Cruise und ein ganz besonderer Gaststar auf sichere Sehnsuchtsdistanz einander unsterbliche Liebe zufunken. Lecker, Eiscreme mit Kirschen!
Das Hauptgericht davor schmeckt aber auch nicht übel: Man kocht hier fettig (Cruise rutscht fast an der Fassade des welthöchsten Turms Burj Khalifa in Dubai ab). Auch würzt man salzig (Josh Holloway sieht auf der Leinwand noch schärfer aus als auf dem High-Definition-Bildschirm), brutzelt knusprig (Léa Seydoux im kleinen Schwarzen und Paula Patton im auch nicht viel größeren Grünen kratzen einander beim Catfight des Jahres das Make-up von den Lidern, bis der Glitter spritzt) und pfeffert großzügig (Jeremy Renner als Agent Brandt verhält sich zu Daniel Craig als James Bond wie ein wendiger Jeep zum schwerfälligen Kettenfahrzeug). Selbst der Schuss Witzessig wird nicht vergessen (Simon Pegg, die Arglosigkeit in Person, trägt sein Los als technischer Support für schießwütige Helden mit der leidgeprüften Würde eines Nato-Kommandeurs, der alle anderthalb Minuten per SMS um Drohnenhilfe für islamistische Klamaukrebellen gebeten wird).
Exotische Zutaten wie Schleiertänzerinnen, Kamele und hinduistische Pornokunst werden mit Augenmaß ins Gericht gerührt; zwei stämmige Küchenjungen aus dem Osten (Miraj Grbic als putziger Kleinkrimineller und Vladimir Mashkov als erzrussischer Hochleistungspolizist) sind für die nötigen Macho-Ballaststoffe zuständig - fertig, bitte heiß servieren: „Mission: Impossible 4 - Phantom Protokoll“.
Fragen zum Menü? Höchstens eine: Was sind das eigentlich für Superagenten, die auf Weisung einer so vollständig vertrauensunwürdigen Figur wie Tom Wilkinson (offenbar amerikanischer Minister für klandestines Abmurksen beliebiger Serben und systematischen Völkerrechtsbruch) bereit sind, sich im Fernsehen als Terroristen vorführen zu lassen, die den Kreml in die Luft gejagt haben, um fortan, verabscheut von der eigenen Regierung, als selbst Gejagte einem Nuklear-Spieltheoretiker hinterherzuhasten, der es endlich mal richtig knallen sehen will (Michael Nyqvist: So sähe Lars von Trier als irrer Wissenschaftler nach gründlicher Nassrasur aus; sogar die kleine Wampe stimmt)? Ist doch egal: Cruise, Pegg und Patton verhüten als Economy-Size-Überrest der Eingreiftruppe IMF den Weltuntergang, indem sie alles kaputtmachen, was der Bösewicht vernichten will, bevor er jemals dazu kommt.
Schon während der Eröffnungstitel spuckt der Film einige seiner Höhepunkte wie ein Witzereißer aus, der beim Erzählen selbst lachen muss - interessanterweise schadet das aber gar nichts, denn dieses Lachen ist ansteckend und der Stolz auf die tollen Szenen voll gerechtfertigt.
Wer bei derlei Teaservorspann ans Heimkino denkt, liegt richtig: Das Drehbuch stammt von Josh Applebaum und André Nemec, die sich ihre Sporen unter anderem bei der (wie dieser Film) von J. J. Abrams produzierten Spionage-Show „Alias“ verdient haben. Die Musik ist von Michael Giacchino, der für Abrams glänzende Leistungen beim Untermalen von Serien wie „Lost“ oder „Fringe“ erbracht hat, und der Regisseur des Ganzen, Brad Bird, hat sogar mal bei den „Simpsons“ ausgeholfen.
Fernsehinspiriert wirkt bei der vierten „Mission: Impossible“-Großepisode vor allem der Umgang mit der Tücke des Objekts im Angesicht von (allerdings fiktiven, den Figuren vom Drehbuch auferlegten) Budgetzwängen - Retinalscanner erfassen nicht, was sie sollen; Trickhandschuhe versagen, Maskenplastik fällt in sich zusammen; überall Sand im Getriebe. Der Gesamteindruck indes ist das Gegenteil von „billig“, nämlich der eines technisch perfekt präsentierten Sieges von Teamgeist, Frechdachsentum und Sturheit über Raum, Zeit und Gerümpel.
So verschiebt etwa der Schlussshowdown in einem vollautomatischen Parkhaus-Kuchenkarussell die im Kickboxkino normalerweise horizontale Dynamik des Vollkörperkontaktkampfes spiralförmig in die schwindelerregende Vertikale, und eine Verfolgungsjagd im Sandsturm erfindet als aparte visuelle Neuheit die frittierte Hetzkamera: Wüstenpaniermehl fetzt Cruise um Kopf und Glieder, während er sich an einem Autodach festklammert; rotgelbe Streuschleier wirbeln auseinander, was das derzeit gängige 3-D-Brimborium andauernd zwanghaft unterstreicht, nämlich dass ein cinematischer Raum das in ihm stattfindende Spektakel jederzeit virtuellen Tiefenordnungen unterwerfen kann, wenn bloß die Apparate mitspielen. Tiefenordnungen? Nichts da: Tiefe ist doch tödlich für echte, kopflose Action, brüllt die phantastische Sandsturmszene - was wir wollen, wenn es krachen soll, ist reine, kreischende, sinnentgrenzte Orientierunglosigkeit. Friss diesen, blödes Spezialbrillenkino!
Damit derlei Ekstatika auch prall genug zur Geltung kommen, lässt sich der Film an anderen Stellen liebevoll Zeit: ob auf einem Fassadenvorsprung in Moskau, nachts unter Wasser oder zu Gast bei einem reichen indischen Lüstling - gedrängelt und gehudelt wird nicht; Tote und Verletzte gibt es eh gleich wieder. Gespür für Rhythmus obwaltet durchweg, Respekt vor den Gesetzen des Seriellen, also vor Wiederholungszwängen wie vor Variationsspielräumen. Mit allmählich lästiger Ausführlichkeit hat das einschlägige Expertentum dem Publikum in den letzten Jahren anhand erfreulicher Phänomene wie „Lost“ oder „Battlestar Galactica“ nahegelegt, dass Fernsehen heutzutage oft das bessere Kino sei. J. J. Abrams muss für „Mission: Impossible 4“ seinen ausführenden Handwerksburschen befohlen haben, zur Abwechslung mal einen Satz zu beweisen, der nicht das Gegenteil, sondern die notwendige Ergänzung jener modischen Behauptung ist: Wenn alle Beteiligten wissen, was sie tun, und zeigen, was sie können, ist Kino immer noch das schönere Fernsehen.
Einfach unglaublich
Constantin Mascher (ConstantinMascher)
- 14.12.2011, 18:07 Uhr
Wie kann man..
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 14.12.2011, 17:45 Uhr