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Video-Filmkritik Aporie des Wunders: „Lourdes“

31.03.2010 ·  Man muss nicht an Wunder glauben, um sich für sie zu interessieren: Jessica Hausners „Lourdes“ schildert mit dokumentarischer Ruhe die Suche einer irreversibel Erkrankten nach spiritueller Heilung.

Von Peter Körte
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Manche Orte mögen ja durchaus in der physischen Welt existieren, weit mehr aber sind sie Synonym für einen Gemütszustand, den man auch als metaphysisch bezeichnen könnte. Lourdes, das kann bestätigen, wer mal mit dem Zug durchgefahren ist, existiert - und dennoch scheinen die vielen Pilger, die jährlich in den Marienwallfahrtsort kommen, nicht einfach die gleichnamige Kleinstadt in den Hautes-Pyrénées aufzusuchen.

Sie reisen an einen Ort der potentiellen Wunder, wo man angeblich dem Himmel näher kommt. „Lourdes“, wie der Spielfilm der Österreicherin Jessica Hausner einfach heißt, spielt im Grunde, wenngleich vor Ort gedreht, nur in diesem imaginären Raum, und gerade deshalb geht er mit fast dokumentarischer Nüchternheit vor.

Wunder gibt es hier immer wieder, seit 1858, seit den Marienerscheinungen der Bernadette Soubirous, der Franz Werfel, nachdem er sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis kurz in Lourdes aufgehalten hatte, seinen Roman „Das Lied von Bernadette“ widmete, den Hollywood mit allen Schikanen und mit Jennifer Jones in der Titelrolle verfilmte. Von der schlichten Gläubigkeit und heiligen Einfalt, mit der Regisseur Henry King damals die Geschichte erfüllte, ist Jessica Hausner weit entfernt. Es ist ihr dritter langer Spielfilm, er ist ganz anders als „Hotel“ (2004), der aussah, als wolle da jemand um jeden Preis das Genre des Psychothrillers dekonstruieren; er sieht auch anders aus als „Lovely Rita“ (2000), die Wiener Geschichte vom 15-jährigen Mädchen, das nach Aufmerksamkeit giert.

Und das spricht nun eindeutig für Jessica Hausner, 37, die sich von dem leiten lässt, was der Ort von der Geschichte verlangt, die an ihm spielt, und was beide von einem Film verlangen. Es beginnt mit einem unbewegten Blick in einen Speisesaal, aus dem Off hört man das „Ave Maria“; es ist, neben zwei italienischen Schlagern am Ende, die einzige musikalische Begleitung. Es wird zum Abendessen gedeckt, langsam füllt sich der Raum, mit Schwestern und männlichen Angehörigen des Malteserordens, mit Rollstuhlfahrern, älteren und jüngeren Menschen mit und ohne Gebrechen.

Logik des Wunders

Die Hauptperson fasst der Film zunächst nur beiläufig ins Auge: Christine, gespielt von Sylvie Testud, der Frau mit dem faszinierenden Gesicht eines alten Kindes, obwohl sie auch schon fast vierzig ist. Sie leidet an Multipler Sklerose, sie ist nicht unbedingt felsenfest im Glauben, sie will durch Pilgerreisen vor allem der Einsamkeit entkommen - wie alle aus der Reisegruppe. Und es hat etwas Beklemmendes, wenn sie sich, wie auf unsichtbaren Schienen, zwischen Hotel, Grotte, Kirche und Bus bewegen oder bewegt werden, wenn die strenge Malteserin Cécile mitten im Speisesaal steht, weil sie etwas ansagen will, und „Schscht“ macht, als müsste sie lärmende Kinder zur Ordnung rufen.

Christine absolviert das übliche Lourdes-Programm. Sie besucht zweimal die Bäder, sie besucht einen Gottesdienst, und auf einmal kann sie erst die Finger leicht bewegen, dann erhebt sie sich mitten in der Nacht und geht mit unsicheren Bewegungen ins Bad. Ein Wunder ist da offenbar geschehen; eine Heilung, die auch offiziell gemacht werden soll, in dem entsprechenden Amt in Lourdes, wo die Ärzte zwar ihre medizinisch gebotene Skepsis nicht aufgeben, weil derartige Schübe zum Krankheitsbild gehören, aber doch sichtlich beeindruckt sind. Christine flirtet mit einem Malteser, sitzt im Café vor einem großen Eisbecher, wird vom versammelten Personal beklatscht für die wundersame Heilung, und von den übrigen Mitgliedern der Reisegruppe wird sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Ungläubigkeit, aus Neid und Staunen beäugt.

Die Pilger hadern, weil jeder einerseits hofft und möchte, dass ein Wunder geschehe, es zugleich aber auch so etwas wie eine Logik haben soll, die plausibel macht, warum es gerade diese Person trifft; dass damit das Wunder aufhört, Wunder zu sein, macht seine Dialektik aus. Selbst der Pater gerät in theologische Nöte, auch weil er lieber abends bei Wein und Kartenspiel sitzt: er ist ein eher schlichtes Gemüt von salbungsvoller Unverbindlichkeit, der auf den theologischen Ernstfall wie ein Ungläubiger reagiert. Die beiden älteren Damen, in deren gütigem Dauerlächeln immer auch eine Spur Bosheit nistet, scheinen fast darauf zu warten, dass sich die Heilung als Schwindel entpuppt, weil das, dem Glauben zum Trotz, besser zu ihren Vorurteilen passte. Und die alte Frau mit dem schiefen Mund, die keine sichtbare Krankheit hat, scheint sich, mit ihrer großen Marienstatue auf dem Nachttisch und ihrer Hilfsbereitschaft für die junge Frau, irgendwie beteiligt zu fühlen an der Heilung - was auch nur bedingt fromm ist.

Aporie des Wunders

Dass Christine schließlich im Rahmen eines bunten Abends zur „besten Pilgerin“ gekürt wird, bei dem ein italienischer Sänger von der „Felicità“ singt, dass sie dann stürzt beim Tanzen, das hat eine ganz unmetaphysische Traurigkeit und ist zugleich Ausdruck theologischer Unklarheit, weil man ja, wenn es denn ein Wunder sein sollte, eigentlich nicht der Geheilten applaudieren kann und schon gar nicht Gott für seinen unerforschlichen Ratschluss, gerade sie zu erlösen. Aus der Ungewissheit über die Kausalität des Falls flüchtet man in den Beifall, und der Film zeigt das alles mit einer großen Ruhe und Präzision, weil er, ohne die üblichen dramatischen Geschmacksverstärker, einfach zuschaut.

Jessica Hausner hat „Lourdes“ etwas zu programmatisch oder zu plakativ als „ein böses Märchen, eine Einschlafphantasie oder einen Albtraum“ bezeichnet. Nichts davon trifft ihren Film so richtig. Er geht einfach auf die Aporie des Wunders zu, und er hält sie aus, er urteilt nicht und versucht auch nicht, den Zuschauer zu einem Urteil zu drängen. Und so zeigt er, dass man gar nicht an Wunder glauben muss, um sich für den Wunderglauben zu interessieren, für die Menschen, die in diesem Glauben leben und zugleich mit ihm hadern. Er erzählt, wofür der Wunsch nach dem Wunder steht, in welche Widersprüche er die Wünschenden verwickelt - und das ist natürlich viel sinnvoller als die in ihrer Richtigkeit banale Feststellung, dass es keine Wunder gibt. Weshalb einem auch das virtuelle Lourdes, das Lourdes 2.0. gewissermaßen, am Ende realer erscheint als das gleichnamige Städtchen mit seiner profitablen Erlösungsindustrie.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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