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Video-Filmkritik: „Anna Karenina“ Choreografen und Choreogräfinnen

Alles ist Kulisse, Pose und Theater. Die Gefühle sind todernst, sollen wir glauben, die Verzweiflung horrend. Der Film von Joe Wright ist schön anzusehen, für eine Weile.

© United Pictures, F.A.Z. Vergrößern Videofilmkritik Anna Karenina: Choreografen und Choreogräfinnnen

Alles ist Kulisse hier, Pose, Theater, aber nicht alles ist Spiel. Die Gefühle sind todernst, sollen wir glauben, die Verzweiflung horrend, die Liebe da, wo sie gelingt, ein überbordendes Glück. Das findet dann draußen statt, wo richtige Felder wogen, ein frischer Wind weht und echte Kutschen fahren, nicht Spielzeugzüge in künstlichem Schnee.

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„Anna Karenina“ in der Version von Joe Wright, der für gutaussehende, würdige und etwas brave Literaturverfilmungen wie von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ und Ian McEwans „Sühne“ bekannt ist, könnte eleganter kaum sein. Zum Mitschunkeln elegant.

Doch es gab, bevor Wright kam, bereits annähernd zwanzig Anna-Karenina-Filme, allein sechs Stummfilmversionen, von denen die bekannteste wohl die von Edmund Goulding mit Greta Garbo und John Gilbert ist, die 1927 unter dem Titel „Love“ in die amerikanischen Kinos kam - ein Titel, der weniger auf Tolstoi als auf die heftige Affäre der beiden Hauptdarsteller anspielte, über die damals viel getuschelt wurde. Warum also noch mal? Und ausgerechnet mit Keira Knightley als neuester Anna?

Alles ist Bühne

Ganz einfach: Joe Wright wollte einmal über die Stränge schlagen und alles völlig anders machen. Das ist bei einem Roman, von dem uns Hollywood weisgemacht hat, er erzähle die größte Liebesgeschichte der Literatur, ja der Welt überhaupt, nicht ganz einfach. Denn auch wenn man einwenden mag, abgesehen von der Liebe, gehe es in dem Buch doch noch um einige andere Dinge (die Sprache möglicherweise) und auch um die Liebe in sehr unterschiedlicher Ausprägung - etwas völlig anderes als eine tödliche Liebesgeschichte wird nicht daraus.

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Aber am Drumherum lässt sich einiges ändern. Und so hat Wright sich von Tom Stoppard ein Drehbuch schreiben lassen, in dem neben der amour fou zwischen Anna und Wronskij (Aaron Taylor Johnson) die Geschichte zwischen Levin (Domhnall Gleeson) und Kitty (die beste im Ensemble: Alicia Vikander), die glücklich endet, etwas mehr Gewicht bekommt als in früheren Adaptionen, und hat - daran ist Stoppard unschuldig - das Ganze auf eine Bühne gestellt, die sich dreht und durch deren Gassen, Schnürboden, Haupt- und Nebenbühnen die Darsteller huschen, klettern, schlendern oder tanzen.

Schön anzusehen, aber . . .

Nur wenn es um Levin und Kitty geht, öffnet sich das Bühnenbild in eine wirkliche Landschaft aus Schnee, Äckern und mit einem echten Haus (Ausstattung: Sarah Greenwood). Zahlreiche Szenen sind von Sidi Larbi Cherkaoui durchchoreographiert - wenn Annas Mann Karenin (für den sich Jude Law älter hat schminken lassen, dem er Würde gibt und ein sehr aufrechtes Kreuz) in sein Bürosakko schlüpft, tut er dies mit Hilfe zweier Diener unter einigen Drehungen in einem kleinen Tanz. Wenn seine Angestellten ihre Papiere stempeln, heben sie alle zur selben Zeit den Arm und lassen ihn synchron aufs Blatt hinuntersausen.

Das ist schön anzusehen, für eine Weile. Dann ist es genug. „Anna Karenina“, jedenfalls das Buch von Leo Tolstoi, ist eben kein Melodram. Nicht auf der Bühne, nicht im Schnee. Und Russland in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war, auch bei Tolstoi, nicht nur Kulisse für die Eitelkeiten der mächtigen Klassen in den Städten. Es gab damals eine Welt, und Tolstois Roman ist Teil von ihr. Joe Wrights Film ist Teil von keiner.

Quelle: F.A.Z.

 
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