Home
http://www.faz.net/-gs7-74udo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Video-Filmkritik: „Anna Karenina“ Choreografen und Choreogräfinnen

Alles ist Kulisse, Pose und Theater. Die Gefühle sind todernst, sollen wir glauben, die Verzweiflung horrend. Der Film von Joe Wright ist schön anzusehen, für eine Weile.

© United Pictures, F.A.Z. Vergrößern Videofilmkritik Anna Karenina: Choreografen und Choreogräfinnnen

Alles ist Kulisse hier, Pose, Theater, aber nicht alles ist Spiel. Die Gefühle sind todernst, sollen wir glauben, die Verzweiflung horrend, die Liebe da, wo sie gelingt, ein überbordendes Glück. Das findet dann draußen statt, wo richtige Felder wogen, ein frischer Wind weht und echte Kutschen fahren, nicht Spielzeugzüge in künstlichem Schnee.

Verena Lueken Folgen:    

„Anna Karenina“ in der Version von Joe Wright, der für gutaussehende, würdige und etwas brave Literaturverfilmungen wie von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ und Ian McEwans „Sühne“ bekannt ist, könnte eleganter kaum sein. Zum Mitschunkeln elegant.

Doch es gab, bevor Wright kam, bereits annähernd zwanzig Anna-Karenina-Filme, allein sechs Stummfilmversionen, von denen die bekannteste wohl die von Edmund Goulding mit Greta Garbo und John Gilbert ist, die 1927 unter dem Titel „Love“ in die amerikanischen Kinos kam - ein Titel, der weniger auf Tolstoi als auf die heftige Affäre der beiden Hauptdarsteller anspielte, über die damals viel getuschelt wurde. Warum also noch mal? Und ausgerechnet mit Keira Knightley als neuester Anna?

Alles ist Bühne

Ganz einfach: Joe Wright wollte einmal über die Stränge schlagen und alles völlig anders machen. Das ist bei einem Roman, von dem uns Hollywood weisgemacht hat, er erzähle die größte Liebesgeschichte der Literatur, ja der Welt überhaupt, nicht ganz einfach. Denn auch wenn man einwenden mag, abgesehen von der Liebe, gehe es in dem Buch doch noch um einige andere Dinge (die Sprache möglicherweise) und auch um die Liebe in sehr unterschiedlicher Ausprägung - etwas völlig anderes als eine tödliche Liebesgeschichte wird nicht daraus.

Mehr zum Thema

Aber am Drumherum lässt sich einiges ändern. Und so hat Wright sich von Tom Stoppard ein Drehbuch schreiben lassen, in dem neben der amour fou zwischen Anna und Wronskij (Aaron Taylor Johnson) die Geschichte zwischen Levin (Domhnall Gleeson) und Kitty (die beste im Ensemble: Alicia Vikander), die glücklich endet, etwas mehr Gewicht bekommt als in früheren Adaptionen, und hat - daran ist Stoppard unschuldig - das Ganze auf eine Bühne gestellt, die sich dreht und durch deren Gassen, Schnürboden, Haupt- und Nebenbühnen die Darsteller huschen, klettern, schlendern oder tanzen.

Schön anzusehen, aber . . .

Nur wenn es um Levin und Kitty geht, öffnet sich das Bühnenbild in eine wirkliche Landschaft aus Schnee, Äckern und mit einem echten Haus (Ausstattung: Sarah Greenwood). Zahlreiche Szenen sind von Sidi Larbi Cherkaoui durchchoreographiert - wenn Annas Mann Karenin (für den sich Jude Law älter hat schminken lassen, dem er Würde gibt und ein sehr aufrechtes Kreuz) in sein Bürosakko schlüpft, tut er dies mit Hilfe zweier Diener unter einigen Drehungen in einem kleinen Tanz. Wenn seine Angestellten ihre Papiere stempeln, heben sie alle zur selben Zeit den Arm und lassen ihn synchron aufs Blatt hinuntersausen.

Das ist schön anzusehen, für eine Weile. Dann ist es genug. „Anna Karenina“, jedenfalls das Buch von Leo Tolstoi, ist eben kein Melodram. Nicht auf der Bühne, nicht im Schnee. Und Russland in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war, auch bei Tolstoi, nicht nur Kulisse für die Eitelkeiten der mächtigen Klassen in den Städten. Es gab damals eine Welt, und Tolstois Roman ist Teil von ihr. Joe Wrights Film ist Teil von keiner.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausstellung zu Goethes Briefroman Werther leidet auf der Bühne und im Film

Erstmals trägt eine Ausstellung in Wetzlar zusammen, wie Goethes Die Leiden des jungen Werther sich in anderen Gattungen niedergeschlagen hat. Mehr

13.09.2014, 16:05 Uhr | Rhein-Main
Gladiatorenkämpfe vor historischer Kulisse zum Geburtstag Roms

Das historische Zentrum Roms erweckten rund 1600 Darsteller zum offiziell 2767. Geburtstag der Ewigen Stadt für kurze Zeit wieder zum Leben. Mehr

22.04.2014, 13:10 Uhr | Gesellschaft
Martin Selmayr Der starke Mann hinter Juncker

Bei der Vorstellung der EU-Kommission hielt er sich wie gewohnt im Hintergrund: Der Deutsche Martin Selmayr gilt in Brüssel als designierter Kabinettschef Junckers als der neue starke Mann hinter den Kulissen. Mehr

10.09.2014, 13:46 Uhr | Politik
Zivilisten in der Ostukraine verzweifeln

Nach monatelangen Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen sind weite Teile der ukrainischen Stadt Slawjansk zerstört. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom und kein Telefon mehr. Mehr

17.06.2014, 15:32 Uhr | Politik
Video-Filmkritik Wo, bitte, geht’s denn hier zum Abgrund?

A Most Wanted Man ist Anton Corbijns Verfilmung von John Le Carrés Thriller Marionetten. Und der Abschied von Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten großen Rollen. Mehr

10.09.2014, 10:30 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.12.2012, 10:17 Uhr

Objektivitätszensur

Von Jürg Altwegg

Zur Dokumentation „Vol spécial“, über die Abschiebung unerwünschter Einwanderer, verhält sich die Schweiz bedenklich - das Land will kritische Filme einfach nicht mehr ins Ausland schicken. Mehr 2 8