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Video-Filmkritik : Angst vorm schwarzen und weißen Mann: Paul Haggis' „L.A. Crash“

Film-Kritik: Brendan Fraser in "L.A. Crash" Bild: Universal Film

In seinem Regiedebüt „L.A. Crash“ zeigt Paul Haggis, wie im Schmelztiegel der multiethnischen Metropole überhaupt nichts verschmolzen ist. Einer der spannendsten Filme, die in diesem Sommer aus Amerika zu uns kommen.

          Es gehört einiges Selbstbewußtsein dazu, wenn ein Regisseur von seinem Film, der gerade in die Kinos kommt, sagt, er sei nicht perfekt. Im Fall von „L.A. Crash“, dem Debüt des Drehbuchautors Paul Haggis, der Clint Eastwoods Oscar-Film „Million Dollar Baby“ sowie eine Reihe von Fernsehserien geschrieben hat, bevor er diesen ersten eigenen Film drehte, ist die Selbstkritik weder kokett noch kleinlaut, sondern einfach die Wahrheit. „L.A. Crash“ ist bei weitem nicht perfekt. Dennoch ist er einer der spannendsten Filme, die in diesem Sommer aus den Vereinigten Staaten zu uns kommen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sechsunddreißig Stunden in Los Angeles. Ein paar Autounfälle, ein paar Überfälle, einige rassistische Übergriffe der Polizei. Zwei schwarze Jugendliche, ein weißer Staatsanwalt, seine verwöhnte Frau, ein schwarzer Detektiv, seine puertorikanische Mitarbeiterin, ein weißer Streifenbeamter, sein kranker Vater, ein iranischer Ladenbesitzer, dessen Tochter, ein Chinese, seine Frau und noch ein halbes Dutzend weiterer Figuren. Die schwarzen Jugendlichen leben von Autodiebstählen. Der Staatsanwalt von seinen schwarzen Wählern. Der Chinese wird überfahren, seine Frau andernorts in einen Unfall verwickelt. Der weiße Streifenbeamte ist ein Rassist und ein liebender Sohn, der iranische Ladenbesitzer kauft eine Pistole, seine Tochter die Munition. Meistens ist der Detektiv unser Erzähler. Er inspiziert die Tatorte.

          Auf einmal in der Fremde

          „L.A. Crash“ handelt in verschiedenen Episoden von Menschen, die nichts verbindet außer den Zufällen, durch die Haggis sie mit mehr oder auch weniger Geschick und Plausibilität im Lauf der Zeit zusammenführt. Daß Los Angeles ein Ort ist, von dem sich, wenn überhaupt, dann in dieser episodischen, vignettenförmigen Struktur erzählen läßt, wissen wir aus Filmen wie „Grand Canyon“, „Short Cuts“ oder „Magnolia“, und wenn man sich daran erinnert, daß Paul Thomas Anderson, um die versprengten Geschichten am Ende von „Magnolia“ zusammenzubringen, es Frösche regnen ließ, mag man Haggis verzeihen, daß er für sein Ineinanderlaufen von Figuren und Episoden ebenfalls unsere Gutgläubigkeit über die Maßen strapaziert. Der symmetrische Aufbau und die sich spiegelnden Personenkonstellationen wirken dabei weniger holzschnittartig, als sich das hier lesen mag.

          Doch was zählt, ist etwas anderes. Es ist die Art, in der Haggis eine Lebenswelt in Enklaven beschreibt und die Bewegungen der Menschen verfolgt, die diese sicheren Orte, an denen sie unter ihresgleichen sind, verlassen und sich in einer fremden wiederfinden. Das erfolgreiche schwarze Ehepaar in einer Polizeikontrolle. Der weiße, von Rassenhaß besessene Polizist gegenüber einer schwarzen Beraterin bei der Krankenversicherung. Der Staatsanwalt mit seiner Frau gegenüber den schwarzen Jugendlichen. Der iranische Ladenbesitzer in einem Waffengeschäft. Der schwarze Autodieb im Streifenwagen eines gutmeinenden jungen Beamten. Und so fort.

          Eine graue Komödie

          Teilweise geschieht, was das Klischee befürchten läßt. Der Staatsanwalt und seine Frau werden überfallen. Das schwarze Ehepaar gedemütigt wie der iranische Ladenbesitzer auch. Selten ist in einem amerikanischen Film der vergangenen Jahre derart hemmungslos rassistisch geflucht worden wie hier. Realistisch ist das heute nicht mehr, aber realistisch ist das alles nicht. Vielmehr eine große Metapher, die Haggis immer wieder mit Leben zu füllen sucht. Immer wieder findet er Szenen, in denen wir Sympathie für jede einzelne der zum Teil äußerst unangenehmen Figuren entwickeln. Eine graue Komödie, hat Bobby Moresco, der Ko-Autor und -Produzent, diesen Film genannt, und das ist ebenso treffend wie Haggis' Hinweis auf die Mängel. Daß die Komödie im Hin und Her von Gutmeinenden, Bösmeinenden, Rassisten, Grenzgängern und Opportunisten funktioniert und daß die Häufung der Koinzidenzen, die das Ganze zusammenhalten sollen, nicht allzu schematisch daherkommen, verdankt Haggis dem scharfen Witz seiner eigenen Dialoge ebenso wie seinen Darstellern.

          Die Besetzungsliste liest sich wie ein Auszug aus dem Who's Who Hollywoods, und angesichts der gesamten Produktionskosten im einstelligen Millionenbereich darf man folgern, daß die Darsteller für Kost und Logis gearbeitet haben. Da sind Don Cheadle in der Rolle des Detektivs und Matt Dillon in der des verbitterten Schwarzenhassers; Brendan Fraser als Staatsanwalt und Sandra Bullock als seine Frau; Thandie Newton und viele andere, und sie alle spielen mit Inbrunst, als hätten sie auf einen Film wie diesen seit langem gewartet.

          Am Ende ein Wunder

          Das mag, angesichts der Alternativen, die das amerikanische Kino im Augenblick zu bieten hat, tatsächlich so gewesen sein. Denn Haggis wagt hier etwas, das nicht im unabhängigen und schon gar nicht im Studiofilm der letzten Zeit möglich schien: anhand von mehr oder weniger alltäglichen Ereignissen einer Nacht, eines Tages und einer weiteren Nacht zu zeigen, wie im Schmelztiegel der multiethnischen Metropole überhaupt nichts verschmolzen ist. Er zeigt die Furcht der Weißen und wie sie sich erfüllt. Er zeigt die Befürchtungen der Schwarzen und wie sie sich ebenfalls erfüllen. Den schlimmstmöglichen Ausgang verhindert ein Wunder, das natürlich keines ist.

          Ein Wunder aber ist, daß es tatsächlich schneit in Los Angeles. Auch wenn alles dafür spricht, mag sich Haggis gesagt haben, darf an einem solchen Tag wenigstens im Kino das ethnische Gemisch nicht explodieren, und so gibt er uns ein leise optimistisches Ende, für das wir dankbar sind.

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