19.08.2010 · Angelina Jolie spielt im neuen Film des Australiers Philipp Noyce die CIA-Agentin Evelyn Salt. Und der Regisseur setzt der Agentenstory Glanzlichter auf - durch Ironie. Der Unterhaltswert ist enorm.
Von Andreas KilbDer Übermensch ist laut Nietzsche ein Löwe, ein Kind und ein aus sich rollendes Rad, und das alles ist auch Angelina Jolie in „Salt“, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Die Vorspannsequenz zeigt sie als Folteropfer in einem nordkoreanischen Staatsgefängnis, die nächste Szene als liebende Ehefrau eines deutschen Spinnenforschers (August Diehl), die übernächste als brave Bürokraft neben ihrem Einsatzleiter (Liev Schreiber).
Es dauert einen Moment, bis man begreift, dass dies die einzige längere Atempause des Films ist, die Zeit, in der er Luft holt für den Kraftakt des hoch beschleunigten Erzählens, den er in den verbleibenden neunzig Minuten vollbringt.
Die CIA-Agentin Evelyn Salt, so verkündet ein russischer Überläufer, sei ein Maulwurf des KGB, und wenn man in das Gesicht von Angelina Jolie blickt, glaubt man sofort, dass an der Sache etwas dran ist: Die Unschuld stand ihr selten gut. Aber ganz so einfach kann die Wahrheit auch wieder nicht sein, und so kämpft die zwielichtige Salt, deren Ausbildung zur mustergültigen Amerikanerin in einem sowjetischen Kinderagentenlager in kurzen Rückblenden beleuchtet wird, bald gegen viele verschiedene Gegner - ihren Auftraggeber, ihre bisherigen Arbeitgeber, die Leibgarde des amerikanischen Präsidenten und schließlich ihren eigenen Chef.
Mal Kätzchen, mal Raubtier
Dass sie dabei von Brücken auf Lastwagen, aus fahrenden U-Bahnen und rasenden Hubschraubern springen und aus ihrem Collegerucksack immer neue Arsenale von Sprengkörpern und Schusswaffen ziehen muss, mit denen sie am Ende die Welt vor der nuklearen Katastrophe bewahrt, gehört zur Grundausstattung des Genres. Aber Angelina Jolie und Phillip Noyce, ihr Regisseur, geben diesen abgenutzten Kinoformeln einen eigenen, erfrischenden Drall. Die Art, wie Jolie ihre Züge mal ins Kätzchenhafte, mal ins raubtiergleich Verwegene hinübergleiten lässt, passt kongenial zu den ironischen Glanzlichtern, die Noyce der stereotypen Agentenstory aufsetzt.
Als Evelyn Salt bei einer Begräbnisfeier in New York den russischen Präsidenten erschießen soll, feuert sie zuerst in den Mechanismus der Kirchenorgel, deren Register sich als kakophonischer Sturm über den geschockten Trauergästen entladen. So dreht auch Noyce an den Reglern von Tempo, Design und Logik, bis diverse erzählerische Grundsicherungen mit lautem Knall aus seiner Story herausfliegen. Dieses Hasardspiel lässt den Film in der Erinnerung rasch zerfallen, steigert aber im Augenblick des Sehens spürbar seinen Unterhaltungswert.
Der Australier Noyce knüpft mit „Salt“ an seine Thriller-Erfolge aus den neunziger Jahren an (vor allem die Tom-Clancy-Adaptionen „Das Kartell“ und „Die Stunde der Patrioten“), während Angelina Jolie vor allem beweist, dass sie als weiblicher Jason Bourne mit falschem Blondschopf keine schlechtere Figur macht als zuvor in „Tomb Raider“ oder in Clint Eastwoods „Changeling“. Dass ihre Figur ursprünglich für Tom Cruise geschrieben wurde und nach dessen Absage umgemodelt werden musste, merkt man dem Film keinen Moment lang an. „Salt“ ist das perfekte Vehikel für Jolies Temperament - und sie für den Höllenritt von Phillip Noyce die perfekte Reiterin.