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Video-Filmkritik Anfassen ist geboten

Beste Therapie gegen die pornographische Lüsternheit dieser Zeit: Im exzellenten Filmdrama „The Sessions“ von Ben Lewin entdeckt ein Gelähmter die Lust und die Intimität.

© Twentieth Century Fox, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „The Sessions“

Wer braucht heute noch einen Körper? Aus den digitalen Arbeitswelten ist er verschwunden, wenn er auftaucht, dann in den überspannten Inszenierungen von Fitness und Erotik. Oder in esoterischen Übungen, wo er, im Yoga etwa, auch wieder auf Höheres verweisen soll. Vielleicht hat dieser Film deshalb ein urbanes aufgeklärtes Publikum beim Sundance Filmfest zu Begeisterungsstürmen hingerissen: weil hier ein Schicksal an den Leib gekoppelt ist und sinnliche Erfahrung nicht mit Wellness oder Pornographie zusammenfällt.

Mark O’Brien, den Helden des Films, gab es wirklich: Der amerikanische Lyriker erkrankte im Alter von sechs Jahren an Kinderlähmung; vom Hals ab unbeweglich, besorgte eine eiserne Lunge die Beatmung. Er starb 1999 im Alter von siebenundvierzig Jahren. Seine Texte schrieb er mit einem Stock, den er zwischen die Zähne klemmte und damit Computertasten drückte. Auch der Aufsatz „On Seeing a Sex Surrogate“, erschienen im Literaturmagazin „The Sun“, entstand auf diese Weise. Er ist die Grundlage für Ben Lewins frappierenden Film.

Sex ohne Trauschein

Da liegt er also auf seine Liege geschnallt, angewiesen auf die Hilfe einer Pflegerin. Überhaupt die Frauen: Sie sind, obwohl immer nur eine Armlänge entfernt, Terra incognita. O’Brien, Oscar-verdächtig dargestellt von John Hawkes, ist Jungfrau, und dass er ausgerechnet seinen katholischen Priester um Erlaubnis bittet, ohne Trauschein Sex zu haben, ist eine der vielen kleinen Volten, die sich dieser Film mit der moralischen Konvention erlaubt. Was soll der Geistliche sagen? „Ich glaube, Gott drückt in diesem Fall ein Auge zu“, erklärt Vater Brendan (William H. Macy), für den die Gespräche mit dem Dichter immer auch Gewissensprüfungen in eigener Sache sind.

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Es wird generell viel geredet. Cheryl Cohen Greene, die Sextherapeutin, erklärt ihrem Patienten jede ihrer Bewegungen, das Ziel ist ein „vollzogener Akt mit Koitus“. Erstaunlich explizit sind diese Szenen, sie zeigen die Darstellerin Helen Hunt als ärztliche Geisha, die mal das Geschehen kommentiert, mal zärtlich nachfragt oder forsch instruiert. Im Anschluss protokolliert sie per Diktaphon das Treffen, während O’Brien die Sitzung mit seinem Priester bespricht. Gibt es also doch einen reflektierten Umgang mit dem Begehren, der nicht ökonomisch oder sonst wie ideologisch ist? Unangemessen zu spekulieren, was dieser Film behinderten Menschen zu sagen hat; inwiefern er erbaulich ist oder gar einen gesellschaftspolitischen Anspruch formuliert.

Körperlich wehrlos, mental hochgerüstet

Aber wie alle glaubhafte Kunst spricht er auch zu uns, die wir unsere Körper wie Instrumente handhaben, Fortsetzungen der Hardware, Sollbruchstellen im virtuellen Geschäft. Das Schicksal dieses Gelähmten ist tragisch, seine Prüfungen aber und sein Erleben sind heldenhaft. Das heißt hier konkret: Wie er sich hingibt, körperlich wehrlos, mental hochgerüstet mit Zweifeln und Angst, das ist mehr als der gelungene sexuelle Vollzug - es ist die bestandene Prüfung der Intimität. Und ist dies nicht die beste Therapie gegen die pornographische Lüsternheit, wie sie weitgehend zum kulturellen Klima geworden ist?

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.

 
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