21.09.2011 · Der Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum liefert mit „Hell“ einen postapokalyptischen Genrefilm. Statt stereotype Darsteller grässliche Tode sterben zu lassen, wagt er ein Besetzungsexperiment.
Von Bert RebhandlDeutschland ist ein Land in den gemäßigten Breiten. Das gilt auch für das Kino, in dem sich extreme Ausprägungen kaum oder nur an den Rändern zu erkennen geben. Folterpornos, Slasherfilme, Einödschocker gibt es allenfalls gelegentlich, eine Kultur der härteren Genres ist nicht vorhanden.
Das wird sich wohl auch durch einen interessanten Versuch wie „Hell“ nicht ändern, in dem der Schweizer Tim Fehlbaum den (schwerstens versehrten und versengten) deutschen Wald zur Szene eines gnadenlosen Überlebenskampfs macht. Das Geschehen ist nur wenige Jahre in eine Zukunft verlegt, in der doch die globale Erwärmung schon weite Zonen unbewohnbar gemacht und auch die heute noch so genannten gemäßigten Breiten zum Verschwinden gebracht hat.
Die Leute, die in einem mit Pappkartons gegen das Sonnenlicht abgedunkelten Auto mit winzigem Sichtschlitz unterwegs sind, bilden eine Notgemeinschaft. Ein junger Mann, eine junge Frau, deren jüngere Schwester. Dazu ein kleiner Wasservorrat, und bei jeder verwaisten Tankstelle der Versuch, aus den Zapfhähnen noch einen vergessenen Tropfen herauszuholen.
Etablierung einer prekären Situation
Die Welt ist unbewohnbar, es gibt nur noch die Hoffnung auf ein entlegenes Gebirgstal, in dem es vielleicht noch eine sprudelnde Quelle geben könnte. Immer schon waren die Durchquerer postapokalyptischer Welten auf ein Hörensagen angewiesen, das vom Wahn kaum zu unterscheiden ist. Das Besondere an „Hell“ liegt nicht so sehr in der Etablierung einer prekären Situation, die in vielerlei Hinsicht ganz nach Konvention verläuft. Es zeigt sich in den Gesichtern, die sich hier vor der feindlichen Sonne schützen.
Am Steuer des Wagens sitzt Lars Eidinger, jener Berliner Theaterschauspieler, der in Maren Ades Film „Alle Anderen“ so perfekt eine Generation im Wartestand verkörpert hatte. Hier spielt er Phillip, der so gar nicht auf die Härten des Klimaschocks vorbereitet scheint. Neben ihm sitzt Marie, besetzt mit Hannah Herzsprung, die in „Vier Minuten“ als ungebärdiges Musiktalent auf sich aufmerksam machte und in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ die Susanne Albrecht spielte. Unterwegs treffen sie auf Stipe Erceg, dort der Holger Meins, hier ein zwielichtiger Einzelgänger, der sich dem an sich vernünftigen Vorhaben einer Bündelung der schwindenden Kräfte nur eingeschränkt anschließen will.
Fehlbaums Besetzungsexperiment
Tim Fehlbaum versetzt also bekannte Gesichter des deutschen Autorenkinos in eine Genresituation, in der es darum geht, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen und notfalls die anerzogenen Hemmungen abzulegen. Er kombiniert Bewusstsein mit Instinkt, und „Hell“ wird geradezu zum Testfall dafür, ob sich die zwei Logiken miteinander verbinden lassen. Denn nicht ohne Grund werden ähnliche Filme im internationalen Kontext in der Regel mit eher stereotypen Darstellern besetzt, viele von ihnen sind ja auch nur dazu da, ihre Figuren schließlich einen grässlich schönen Tod sterben zu lassen.
Den Höhepunkt erreicht Fehlbaums Besetzungsexperiment, als die Klimanomaden zu einem abgelegenen Bauernhof gelangen, auf dem sie erst einmal in Sicherheit zu sein scheinen. Hier tritt ihnen Angela Winkler als mütterlich-bergende Figur gegenüber, deren Charakter sich aber natürlich als zweideutig erweist.
Es hat keinen geringen Reiz, dieser Epochenfigur, die in Zadeks „Kirschgarten“ das Universum belauschte und in Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die Persönlichkeitsrechte verteidigte, dabei zuzusehen, wie sie sich in die Niederungen des Zivilisationsverlusts begibt. Zugleich wird an ihrer Darstellung aber auch deutlich, dass „Hell“ außer der originellen Besetzung zu den Genrestandards wenig beizutragen hat.
Die Geschichte verläuft schematisch, beinahe so, als müsste hier zuerst einmal nachgearbeitet werden, bevor etwas Eigenes entstehen kann. Dafür immerhin könnte Tim Fehlbaum eine Grundlage gelegt haben.