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Video-Filmkritik : Am Ende kommen Tabletten

Bild: Senator

„Side Effects“ zeigt Steven Soderbergh am Wendepunkt. Mit dem Psychothriller will er seine Karriere als Filmregisseur beenden.

          Steven, der Rebell, nimmt einen langen Abschied. Schon vorletztes Jahr hatte er bekanntgegeben, seine Karriere als Filmregisseur in Kürze an den Nagel hängen zu wollen, und seither hat er diese Ankündigung in regelmäßigen Abständen wiederholt. Zugleich aber ist in dieser Zeit ein Film von Steven Soderbergh nach dem anderen ins Kino gekommen: erst das Actiondrama „Haywire“, dann die Strippergeschichte „Magic Mike“ und nun der Psychothriller „Side Effects“, dem der deutsche Verleih den erklärenden Untertitel „Tödliche Nebenwirkungen“ angehängt hat.

          Angekündigte Karrierepause

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Haywire“ und „Side Effects“ liefen im offiziellen Programm der Berlinale, und in drei Wochen wird der Film, der nun wirklich der allerletzte sein soll, die Fernsehproduktion „Behind the Candelabra“ über den Pianisten Liberace (gespielt von Michael Douglas), im Wettbewerb von Cannes gezeigt werden. Nach einem leisen, bescheidenen Rückzug aus dem Kinogeschäft sieht das wahrhaftig nicht aus.

          Auch Soderberghs öffentlich verkündete Pläne für die Zeit seiner Karrierepause - oder wie immer man es nennen will, wenn ein arbeitswütiger Könner und Vollblutprofi das, was er sein Leben lang gemacht hat, auf einmal nicht mehr macht - klingen merkwürdig vage. Bilder wolle er malen, mal abstrakt, mal gegenständlich, sagt er, und vielleicht auch Theaterstücke inszenieren oder szenische Collagen, was nicht dasselbe sei. Oder ein bisschen schreiben?

          Gegen den Studio-Mainstream

          Ausgeschlossen ist nichts, und vielleicht sehen wir Steven Soderbergh demnächst ja als UN-Sonderbotschafter in Schwarzafrika wieder, als Extremtaucher im Marianengraben oder als Ballonfahrer in der unteren Stratosphäre. Das Einzige, was man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, ist, dass er bei irgendeiner seiner Aktivitäten keine Kamera dabeihat.

          Man kann es drehen und wenden, wie man will: Soderberghs Abschied vom Kino ist, unter filmischen Gesichtspunkten betrachtet, kein glaubwürdiger Auftritt. Er zieht sich hin, er ist nicht textsicher, und die Miene, die der Held dazu macht, widerspricht seinen Worten aufs heftigste. Umso überzeugender ist dieser lärmende Rückzug aber als Zusammenfassung dessen, was Soderbergh den Studios in Hollywood mit seinen Filmen seit nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren immer wieder sagt: Ihr könnt mich mal. Ihr habt keine Ahnung. Ich komme ohne euch klar. Mein Kino ist anderswo. Und da gehe ich jetzt hin.

          Ins Kabelfernsehen getrieben

          Und es stimmt ja: Die Führungsschicht Hollywoods ist seit unvordenklichen Zeiten (also ungefähr seit Spielbergs „Weißem Hai“) immer dämlicher und profitgieriger geworden, sie hat zahllose Cineasten ins Elend oder zumindest ins Kabelfernsehen getrieben. Aber eben nicht Steven Soderbergh. Dieser Regisseur hat immer innerhalb des Systems gearbeitet - abgesehen von jener kurzen Phase in der Mitte der neunziger Jahre, als er mit Filmen wie „Schizopolis“ den Kontakt zum Publikum vorsätzlich abzubrechen schien.

          Das System hat ihm seine größten Erfolge beschert - „Out of Sight“, „Erin Brockovich“, die drei Filme der „Ocean“Serie - und seine größten Pleiten (“Solaris“, „The Good German“). Es hat ihm nicht verübelt, dass er mit Werken wie „Full Frontal“ oder „Bubble“ alles aufs Korn nahm, was den Studiobossen lieb und teuer ist: den Nimbus der Stars, die Ordnung der Plots, die Sicherheit der Vertriebswege. Und es hat ihm bei Filmen wie „Contagion“, in dem die Hälfte der Hauptfiguren unter schlimmen Qualen an einem Virus stirbt, und „Der Informant!“, in dem sich Matt Damon in eine picklig-verfettete Version seiner selbst verwandelt, freie Hand gelassen. Es hat sogar toleriert, dass er sich durch den fast gleichzeitigen Kinostart von „Traffic“ und „Erin Brockovich“ bei den Oscars 2001 selbst ein Bein stellte, ein Missgeschick, das in den guten, alten Zeiten, von denen Soderbergh lautstark träumt, niemals vorgekommen wäre.

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