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Video-Filmkritik : Altar für den Gangster: „Public Enemy No. 1“

  • -Aktualisiert am

Bild: Senator

Jacques Mesrine, Gangster, Bestsellerautor, Medienstar, galt in den siebziger Jahren als Frankreichs Staatsfeind Nummer eins. Jean-François Richet verfilmt seine Geschichte, errichtet dem frühen Medienstar aber nur einen weiteren Altar für seine Verherrlichung.

          Was haben John Dillinger, Jacques Mesrine, Chuck D. und Bushido gemeinsam? Sie alle haben einmal den Titel „Staatsfeind“ getragen, entweder von eigenen Gnaden oder als Zuschreibung einer gebannten Öffentlichkeit. Die Rapper nahmen dabei nur eine Rhetorik auf, die in eine Zeit zurückführt, da das Gemeinwesen noch herausforderbar schien - und sei es durch ein paar versprengte Bankräuber im amerikanischen Heartland. In einer demokratischen Gewaltenteilung hat der Staatsfeind Nummer 1 keinen Verfassungsrang. Und doch wird die Rolle immer wieder neu besetzt, von den Massenmedien zumeist, die ein Interesse daran haben, dass sich jemand zu erkennen gibt auf der anderen Seite des Gewaltmonopols.

          Ein Staatsfeind Nummer 1 ist kein gewöhnlicher Verbrecher, aber auch kein Terrorist, der für eine Sache kämpft. Wer die erste Gewalt jenseits des Staates sein will, muss ganz auf eigene Rechnung agieren, aber an das Prinzipielle rühren, muss so weit gehen, dass am Ende alle gegen ihn sind und niemand mehr bereit ist, ihm Unterschlupf oder gar Gnade zu gewähren. Dass diese Rolle trotzdem attraktiv ist, hängt damit zusammen, dass Hybris - seit Luzifers Fall die älteste Störung der Ordnung - ein wenig zur Mangelware geworden ist. Selten hat jemand noch das Format, sich gefährlich hoch über das Gesetz und das Schicksal zu erheben, so hoch, dass einer ganzen Gesellschaft schauert.

          Amoralische Erzählung

          Jacques Mesrine, der in Jean-François Richets zweiteiligem Film „Public Enemy No. 1“ die im Titel benannte Rolle annimmt wie ein Amt, in das man langsam hineinwächst, hatte zweifellos das Zeug zu einem Staatsfeind Nummer 1. Und die Liste seiner Verbrechen umfasst das ganze Register der spektakulären Delinquenz: Mord, Überfall, Entführung, Erpressung, Ausbruch. Aber das Prinzipielle in seinen Taten lag ganz im Auge der Zuschauer. Das ist, wenn es denn so gemeint war, die eigentliche Pointe dieses in Frankreich äußerst erfolgreichen Films: Richet zerlegt sein Subjekt in eine lange Kette von Handlungen und präsentiert keinen synthetischen Blick, in dem es wieder zusammengesetzt wird. Man könnte von einer amoralischen Erzählung sprechen, gäbe sich der Film nicht einen Titel, in dem Moral eben gerade keine Rolle und das Gesetz die entscheidende spielt.

          Der historische Jacques Mesrine starb 1979 im Kugelhagel der französischen Polizei. Diese Tatsache kann Richet voraussetzen, er muss nicht damit rechnen, dass das Publikum ein anderes, ein dialektischeres Ende von ihm erwartet. Er kann damit die Geschichte so ansetzen, wie sie sich vom Ende her (und damit für uns im Publikum) darbietet: als Weg ohne Ziel, der aber doch deutlich schneller in den Tod führte als die meisten rechtschaffenen Leben. „L'instinct du mort“ hieß das Buch, das Mesrine während einer Haftstrafe schrieb. Für die Untertitel der zwei abendfüllenden Teile von „Public Enemy No. 1“ wurde er gewissermaßen zweimal übersetzt: Vom „Mordinstinkt“ des ersten Teils zum „Todestrieb“ des zweiten Teils steigt vor allem die innere Zerrüttung.

          Die Karriere des Gangsters

          Sie steht am Ende und am Anfang, denn Richet beginnt in klassischer Gangsterfilm-Manier von hinten. Mesrine (Vincent Cassel) wacht auf, in einer Wohnung ohne besondere Charakteristik. Eine typische Absteige eines Mannes auf der Flucht. Er ist in Begleitung seiner Freundin Sylvie (Ludivine Sagnier). Er weiß, dass er gejagt wird. Im Auto fühlt er sich schon ein wenig sicherer, deswegen fällt ihm nicht gleich auf, dass an einer Kreuzung eine Falle zuschnappt, aus der es für ihn kein Entkommen mehr gibt. Von diesem „point blank“ aus rekonstruiert Richet die, man kann es nicht anders sagen, Karriere von Jacques Mesrine. Er kehrt als junger Mann aus dem Algerienkrieg zurück, nimmt wieder Logis im Haus der gutbürgerlichen Eltern, heiratet ein anständiges Mädchen und begibt sich doch ohne viele Umstände in die Halbwelt von Paris, wo er in der Figur des sinistren Guido (Gérard Dépardieu) einen Mentor findet. Mesrine schreckt nicht vor Gewalt zurück, er ist unkontrollierbar, auch für die Leute, mit denen er zusammenarbeitet.

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