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Video-Filmkritik „Alois Nebel“ : Die Schönheit grauer Töne

Bild: Neue Visionen

Der preisgekrönte Animationsfilm „Alois Nebel“ kommt endlich in die deutschen Kinos. Er zeigt die dunklen Flecken der tschechischen Geschichte in phantastischen Bildern.

          Das lange Warten hat sich gelohnt: „Alois Nebel“ kommt tatsächlich noch in die deutschen Kinos. Vor mehr als zwei Jahren wurde der tschechische Zeichentrickfilm auf dem Festival in Venedig vorgestellt und gefeiert, im Jahr darauf erhielt er den Europäischen Filmpreis in der Sparte Animation. Auch der von Jaroslaw Rudis geschriebene und von dem Illustrator und Sänger Jaoromír99 gezeichnete Comic, auf dem der Film beruht, hatte auch auf Deutsch Furore gemacht. Was muss denn noch geschehen, bis sich ein deutscher Verleih bequemt zuzugreifen?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Umso schöner ist, dass das relativ kleine Unternehmen Neue Visionen es nun doch noch gewagt hat. „Alois Nebel“ zeigt, wozu das europäische Kino imstande ist - nicht nur in Frankreich, wo zuletzt die einzig ernstzunehmende Konkurrenz zum übermächtigen amerikanischen Trickfilm herstammte, sondern auch wieder im traditionsreichen Animationsland Tschechien, dessen große Erfolge auf diesem Feld mit dem Zusammenbruch der staatlichen Filmproduktion nach 1989 erledigt schienen. Es ist somit mehr als nur ein Augenzwinkern, dass „Alois Nebel“ ausgerechnet in jener Wendezeit angesiedelt ist.

          Die Unsicherheit dieses Umschwungs ist die Folie, vor der eine Geschichte erzählt wird, die bis 1945 zurückreicht, zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Rudis und Jaromír99, Jahrgang 1972 und 1963, stammen beide aus dem Grenzgebiet zu Deutschland und siedelten die Handlung ihres von 2003 bis 2005 erschienenen Comics im Altvatergebirge an. Bei der Deportation aus dem Städtchen Bílý Potok (früher Weißbach) will sich eine junge Tschechin ihrem deutschen Geliebten anschließen, doch dessen tschechischer Nebenbuhler erschießt den Rivalen und zwingt die Frau zum Bleiben. Fast ein halbes Jahrhundert später holt dieses Geschehen die Überlebenden und deren Nachkommen ein.

          Schwarzweiß mit wunderbaren Graustufen

          Ein dunkler Stoff also, und wie schon der Comic ist auch der von Tomás Luňák gedrehte Trickfilm in Schwarzweiß gehalten - mit wunderbaren Graustufen, die eine herbstliche und winterliche Landschaft modellieren. Der Beginn ist geradezu ein Manifest für die Möglichkeiten klassischer Animation: Kein 3D, und dennoch ist die Panoramafahrt übers windumtoste Gebirge ein Lehrstück in räumlicher Illusion. Kein Computerrealismus, sondern klassisch rotoskopierte Szenen, die also zunächst mit echten Schaupielern gedreht und dann vollständig überzeichnet wurden. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als so etwas in Animatorenkreisen als ehrenrührig galt, wird es hier geradezu ausgestellt.

          Man hat selten natürlichere Bewegungen im Trickfilm gesehen. Wobei die Gesichter ganz nach dem Vorbild des Comics auf eine reduzierte Weise modelliert werden, die die Faszination von Jaromír99 für die Holzschnittbücher von Frans Masereel beweist. Gut und böse sind leicht unterscheidbar, und mit dem Titelhelden Alois Nebel, dem Stationsvorsteher von Bílý Potok, haben Rudis und Jaromír99 den Inbegriff eines kleinen Beamten geschaffen, der erkennbar in einer Reihe steht, die mit Hasek und Kafka beginnt und sich bis Hrabal durch die tschechische Literaturgeschichte zieht.

          Keine Farce, sondern Groteske

          „Alois Nebel“ ist wie auch diese Vorläufer keine Farce, sondern Groteske vor denkbar ernstem Hintergrund. Schon den Mut, das immer noch heikle Thema der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Kern einer Geschichte zu machen, ist zu bewundern, und der Name Alois Nebel verweist natürlich auch auf deutsche Abstammung. Im Film ist gegenüber dem Comic die Vergangenheit zurückgedrängt, aber nicht zuungunsten der Vertreibungsgeschichte, sondern durch Kappung von noch weiter zurückreichenden Reminiszenzen, wodurch „Alois Nebel“ im Kino noch mehr die Partei der Deutschen zu nehmen scheint. Doch der weit überwiegende Teil spielt 1989 und 1990, als Nebel durch eine Intrige seines Postens enthoben und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird. Nach der Entlassung erobert er sich durch die Liebe seinen Platz auf einer veränderten Welt zurück.

          Wie der Langfilmdebütant Luňák den politischen und gesellschaftlichen Wandel aus der Sicht von Menschen zeigt, zu denen Neuigkeiten wie der Fall der Mauer oder die Wahl Václav Havels zum tschechischen Präsidenten zunächst nur durchs Radio durchdringen, das ist eindrucksvoll. Das Zusammenfügen der Einzelteile erfordert mehr Kombinationsvermögen als die auch schon recht assoziativ erzählte Comicvorlage. Doch all das verstärkt den Reiz des Films noch, und selbst wer sich nur auf die Stimmungsphänomene einlässt, die Luňák erschafft, wird dieses Kinoerlebnis nicht so rasch vergessen.

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