28.04.2010 · In diesem Film führt der Teufel Regie: Cary Fukunagas „Sin nombre“ treibt die Gegensätze an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten aufs Äußerste.
Von Bert RebhandlAm Ende einer langen Fahrt liegt ein kümmerliches Flüsschen vor Sayra und Willy. Beinahe könnte man hindurchwaten, und doch markiert es eine fast unüberwindliche Grenze: die zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Drüben ist das gelobte Land, herüben ist eine Welt voll Not und Gewalt. Drüben ist eine Nation mit Recht und Gesetz. Herüben ist jeder sich selbst der Nächste, es herrscht ein Ausnahmezustand, in dem die Ordnung mit der Machete und dem Bolzenschussgerät aufrechterhalten wird.
Dass Sayra und Caspar, das Mädchen aus Honduras und der Junge aus Chiapas, überhaupt so weit gekommen sind, hat mit dem Willen des Regisseurs Cary Joji Fukunaga zu tun, in seinem Film „Sin Nombre“ jeden Gegensatz bis zum Äußersten auszureizen. Er spitzt alles auf die entscheidende Frage zu: Wer schafft es, die Grenze zu überwinden, und wer findet vorher den Tod (nur Nebenfiguren werden zurückgeschickt an den Ort, an dem sie ihre lange Fahrt begonnen haben)? Wen holt der Teufel, und wen trägt der Teufel über die Grenze?
Gott und alle Vorstellungen von einem guten Leben spielen in „Sin Nombre“ keine Rolle. Denn dieser Film ist ein Albtraum, ein Albtraum allerdings in prächtigen Farben, mit sanfter Musik und immer wieder auch in leisen Tönen. Fukunaga zeigt die Schrecken und die Schönheit des Südens gleichermaßen, er ästhetisiert seine Geschichte unverhohlen und lässt doch den Protagonisten (die für viele namenlose Tausende stehen, die tatsächlich täglich an und über die Grenze gehen) eine Würde, die auch von der durchaus spekulativen Dramaturgie von „Sin Nombre“ nicht angetastet werden kann.
Barbarisches Ethos
Sayra und Willy treffen einander erst unterwegs. Nur das Mädchen hat tatsächlich ein Ziel. Sie will nach New Jersey, wo Verwandte leben. Die Telefonnummer, die sie in Amerika anrufen soll, lernt sie auf dem langen Marsch nach Norden auswendig wie ein Mantra. Willy hingegen ist durch eine Verkettung unglücklicher Umstände auf diesen Güterzug gekommen, auf dessen Wagendächern, in dessen Luken und zwischen dessen Steigleitern sich zahllose Menschen festhalten, wie sie sich an die Hoffnungen klammern, die sie mit den Vereinigten Staaten verbinden. Willy ist ein junger „Marero“, ein Mitglied der Gang „La Mara Salvatrucha“. In ihren Kreisen herrscht ein barbarisches Ethos, das durch großflächige Tätowierungen aller Initiierten noch unterstrichen wird.
Seit Mel Gibsons „Apocalypto“ gab es martialischere Gestalten im Kino nicht zu sehen. (Wer sich für dieses soziale Phänomen näher interessiert, ist mit dem starken Dokumentarfilm „La Vida Loca. Die Todesgang“ von Christian Poveda gut beraten, der eben bei Ascot Elite auf DVD erschienen ist. Wer mehr über den Alltag an der Grenze wissen will, findet alles, wirklich alles in dem monumentalen Doppelprojekt „Imperial“ von William T. Vollmann, das aus einem Textband mit 1300 Seiten und einem Fotoband mit 200 Seiten besteht.)
Die Macht der Machete
In einer der Zuspitzungen, die Fukunaga in „Sin Nombre“ unentwegt sucht, erhebt Willy die Machete gegen seinen Boss Lil' Mago. Danach ist er vogelfrei, quer durch Mexiko reichen anscheinend die Verbindungen der „Mara“, und sie würden auch noch weiter reichen, bis in die Vereinigten Staaten, sollte Willy die Grenze überqueren können. Doch an dieser Grenze, an dem kümmerlichen Flüsschen, wartet der Teufel, um Regie zu spielen.
Cary Joji Fukunaga ist ein Debütant im internationalen Kino. „Sin Nombre“ ist der erste abendfüllende Film des 1977 in Kalifornien geborenen Sohns eines japanischen Vaters und einer schwedischen Mutter. Das Projekt hat den für einen bestimmten Typus amerikanischen Autorenkinos typischen Verlauf genommen: Fukunaga fand mit einem Kurzfilm Aufmerksamkeit, „Sin Nombre“ wurde im Rahmen der Sundance Foundation weiterentwickelt und hat vielleicht im Zuge dieser Entwicklung ein paar Ecken und Kanten verloren und den einen oder anderen sentimentalen Moment hinzugewonnen. Vor allem die Figur des kleinen Benito („Smiley“), der zu Beginn in eine der „Mara“ Clicas von Chiapas initiiert wird, ist eine klare Konzession an die Ohnmacht eines Kunstkinopublikums, das auf diese Weise beides genießen kann: die sichere Distanz zu dieser gefährlichen Welt und die Identifikation mit einem „Adoptivkind“ in der Erzählung.
Auf einer grundsätzlicheren Ebene folgt Fukunaga aber auch den Gesetzen des Genrekinos, das keinen verfrühten Showdown kennt und in dem alles darauf ankommt, Momente der Entscheidung zu orchestrieren. „Sin Nombre“ hat deswegen ein fast schon kontemplatives Tempo, weil ohnehin bald klar ist, dass die Grenze zwischen den Staaten auch die Grenze der Erzählung sein wird. Während der Fahrt gibt es zahlreiche Momente, in denen Fukunaga zeigt, dass die Geschichte auf gründlicher Recherche beruht, ohne dass es ihm deswegen um einen dokumentarischen Realismus ginge. Im Gegenteil, „Sin Nombre“ ist, nicht zuletzt aufgrund der großartigen Musik von Marcelo Zarvos, manchmal fast so etwas wie eine poetische Meditation über die Massen der Namenlosen, die vor den Toren einer Welt stehen, die sich mit Filmen wie diesem ein Bild von den Ausschlüssen macht, auf denen sie beruht.