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Video-Filmkritik: „12 Years a Slave“ : Die Klischeebildkette brechen

Bild: Tobis Film

Wie kann das Kino von der Sklaverei erzählen, ohne in Standardsituationen festzusitzen? Steve McQueen zeigt in seinem Film „12 Years a Slave“ eine Möglichkeit.

          Anweisungen, wie Zuckerrohr zu schneiden sei, gebrüllt aus dem Off, dazu das Bild einer Gruppe von Sklaven, die uns anschauen, dort dann einer, der heraussticht, der Mann, dessen Geschichte wir gleich sehen werden, Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor). Mit diesem Bild eröffnet einer der aufsehenerregendsten Filme des vergangenen Jahres: „12 Years a Slave“. Der Sklaverei mit den Mitteln des Kinos ins Auge zu blicken, das ist sein Ziel. Ein Menschheitsverbrechen, das nie genügend Aufmerksamkeit erhielt, auf die große Leinwand zu bringen sein Anliegen. In dieser Woche, die mit einem Golden Globe als „Bester Film“ für den mit Preisen bereits überhäuften Film beginnt, kommt er endlich am Donnerstag auch in unsere Kinos.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Steve McQueen, der britische Künstler aus Amsterdam, hat zuvor fürs Kino „Hunger“ gedreht und „Shame“, zwei formal radikale Filme, die in ihrer reduzierten Ästhetik gleichsam als Versuchsanordnung mit einem Körper (jeweils Michael Fassbender) inszeniert waren.

          Jetzt legt er mit „12 Years a Slave“ zum ersten Mal einen Film vor, der den Regeln des Erzählkinos in größerem historischen Rahmen folgt, indem er seine wahre, unfassliche Geschichte vor uns ausbreitet - die Geschichte eben von Solomon Northup, einem freien schwarzen Mann aus Saratoga im Staat New York (wo die Sklaverei bereits verboten war), der im Jahr 1841 in Washington D.C. (der Schauplatz schenkt uns einen leichten Schwenk hin zum Kapitol) gekidnappt und nach einer langen Überfahrt als Sklave nach Louisiana verkauft wird. Sein erster Besitzer, William Ford (Benedict Cumberbatch), versucht eine Weile, ihn zu beschützen, muss ihn dann als Schuldendienst aber weitergeben an Edwin Epps (Michael Fassbender), auf dessen Plantage ein Klima von Willkür und Sadismus herrscht.

          Chiwetel Ejiofor als Solomon Northup in „12 Years a Slave“

          Deren Opfer ist vor allem Patsey (Lupita Nyong’o), eine Schönheit von einiger Intelligenz und Widerstandskraft, die von Epps, dieser angetrieben von Lust und Alkohol, in unkontrollierbarer Weise begehrt wird, wofür er sie bestraft und misstrauisch verfolgt, während seine Frau (Sarah Paulson) ihrerseits Patsey immer wieder besonders erniedrigt.

          Zwei Schlüsselszenen: In der ersten erwacht Solomon, nachdem er in der Nacht zuvor betrunken gemacht worden war, ohne Kleider in einem kahlen kalten Raum und wird dort zu dem Mann, der alles verloren hat, zuallererst seine Familie, die nicht weiß, wo er geblieben ist, und seine Freiheit; und er wird zu einem, der seine Fähigkeiten als gebildeter Mann der Mittelklasse verstecken muss, um zu überleben. Der vorgeben muss, ungebildet und affektgetrieben zu sein.

          Ausgezeichnet: Steve McQueen nimmt den Golden Globe für „12 Years a Slave“ entgegen

          Es ist eine Pointe gerade der Geschichte von Solomon Northup, dass sein Besitzer Epps derjenige ist, der seine Triebe nicht zügeln kann, der eine schwarze Frau vergewaltigt und nachhaltig begehrt, es aber nicht wagen würde, wie sein Nachbar es tat, sie auch zur Frau zu nehmen, wäre er nicht verheiratet. Wie Patsey und Pat (so Solomons Sklavenname) ist Epps ebenfalls ein Gefangener der Institution Sklaverei, die Opfer und Ungeheuer hervorbringt.

          Wenn wir an „Django Unchained“ zurückdenken, an den Spaß an dieser schwarzen Rachephantasie, die sich ein Weißer ausgedacht hat, ist dies im Rückblick dann doch problematisch - dass dort ein Schwarzer all seinen Affekten, seiner Grausamkeit, seiner Lust am Töten nachgeben soll, gerade so, wie es die schrecklichsten Ängste der Weißen immer phantasierten: Die Schwarzen kämen über sie wie die wilden Tiere. Solomon Northup hat sich nicht gerächt. Er hat ein Buch geschrieben! Sublimiert. Und damit den unwiderlegbaren Beweis der Kulturfähigkeit jener Menschen geliefert, die kulturfähig auf keinen Fall sein sollten.

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