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Video-Filmkritik : Du hast mein Schweben gerettet

Ein Sturm, der ihrem Temperament entspricht

Burtons Werk schien im Laufe der Zeit auf einen „closed shop“ hinauszulaufen, eine Käseglocke oder Schneekugel, zu der nur Zutritt hat, wer in Burtons Vision eines maßvoll ausgeflippten, eher kleinbürgerlichen, kommod weißen, bubenhaften Juckpulversurrealismus passt. Als man ihn neulich dafür ein bisschen angekantet hat, dass dieser Ansatz nicht eben für Vielfalt sorgt, hat der Meister, nie um eine patzige Antwort verlegen, die Welt wissen lassen, es habe in den Blaxploitation-Filmen der Siebziger doch auch keinen Platz für Nichtschwarze gegeben. Burton hält die Beziehung zwischen Filmen und der sozialen Wirklichkeit also tatsächlich für eine Genrefrage; das ist ein Berufsschaden bei manchen Leuten, die das Absonderliche gestalten und dabei die Bereitschaft verlieren, sich nicht immer nur auf Leute zu verlassen, die sie ohnehin mit dem eigenen Projekt identifizieren - betrüblich, aber wahr.

Beim Dreh auf der „Insel der besonderen Kinder“ allerdings konnte Burton mit erheblich unverbrauchteren Begabungen wirtschaften als sonst, und die stehen ihm prima, von den Kleinen zwischen Raffiella Chapman und Georgia Pemberton, die gruselgoldig strahlen, über die alte Häsin Judi Dench und die junge Eva Green bis hin zum jungem Liebespaar im Herzen der Handlung: Asa Butterfield hat sich vom verträumten Hugo Cabret bei Martin Scorsese zur Wiederkunft des frühen Michael J. Fox gemausert, man ist sofort auf seiner Seite und rückt auch dann nicht von ihm ab, wenn er ein bisschen langsamer begreift, was los ist, als seine Liebste Ella Purnell, die wiederum eine Floskel, die sie „all day, every day“ sagen soll, so gelangweilt leiern kann, dass man ihr nichts dringlicher wünscht als einen Sturm der Emotionen, der ihrem Temperament entspricht. Der kommt dann auch, treu dem Quellenmaterial, einer Reihe von eigensinnigen Büchern des amerikanischen Autors Ransom Riggs.

Wir sind hier ja nicht im Geschichtsunterricht

Burton hat diese Vorlagen mithilfe der erfahrenen Blockbuster-Skriptkraft Jane Goldman hinreichend burtonisiert; natürlich beschweren sich jetzt ein paar Fans der Bücher über Vertauschungen von Personeneigenschaften und sonstige Formatanpassungen.

Überraschend feinfühlig geht Burton mit den zeitgeschichtlichen Untiefen des Materials um – wenn Terence Stamp als leidgeprüfter Großvater seinem Enkel mitteilt, er und seine Familie seien vor siebzig Jahren in Polen nicht mehr sicher gewesen, denn „there were monsters“, dann bietet die Mehrdeutigkeit des Wortes „monsters“ in diesem Kontext eine gefährliche Gelegenheit zu abgeschmackter Bedeutungshuberei; Burton jedoch sieht den Kontrast zwischen dem Horrormotiv „monsters“ und der historischen Wahrheit über den Massenmord erfreulich klar, trivialisiert das Geschehene nicht, schämt sich aber auch nicht dafür, das, was Menschen sich ausdenken, genauso ernst zu nehmen wie das, was sie tun – schließlich ist sein Fach populäre Phantastik, nicht Geschichtsunterricht.

Ein ungezogenerer Spielberg

Noch ernster nimmt er die Figuren: Das Mädchen ist leichter als Luft, der Junge muss es also ab und zu am Seil spazieren führen, wie ein Geburtstagskind seinen Luftballon, dafür hat das Mädchen den längeren Atem, von dem es dem Jungen eine Portion abgibt, damit der mit ihr ins Meer tauchen kann - die Regie streichelt diese Metaphern für den erwachenden Eros mit Burtons alter, krummer Klaue, bis sie schnurren.

Spannung, Liebe, Klamauk - Burtons bewährte Konventionssicherheit jongliert zur Abwechslung mit Formen, die nicht von den Rändern des Hollywoodkinos bezogen sind, sondern aus dem Brennpunkt des Mainstream-Blicks, und gefällt als ungezogenerer Spielberg, als verwilderter Märchenonkel.

Zwei Stunden lang macht er, wie Spielberg vor Jahrzehnten, die Leute im Kino zu Kindern und Jugendlichen, um sie an etwas zu erinnern, das ihnen gerade dann, wenn das Leben sie schon ein paarmal enttäuscht hat, Hoffnung machen dürfte - Schweben heißt nicht, dass man über den Dingen steht oder die Welt unter sich lässt, sondern dass man weiß: Zur Welt gehört auch ein Himmel.

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