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Video-Filmkritik : Kleine Männer und Frauen mit Bart

  • -Aktualisiert am

Bild: 20th Century Fox

In „The Greatest Showman“ spielt Hugh Jackman den Zirkus-Impresario P.T. Barnum. Weniger politische Botschaft und mehr Regenbogenparade hätten dem Film gutgetan.

          Wenn man für einen Mann von ziemlich kleinem Wuchs eine Bühnenrolle suchen müsste, dann kommt man um eine Figur von welthistorischer Geltung kaum herum: Napoleon, der große Korse, war bekanntlich in seiner leiblichen Erscheinung keine überragende Figur. Und so steht auch gleich fest, wen ein kleiner Mann namens Tom Thumb in der Show des ehrgeizigen Impresarios P.T. Barnum spielen soll: Er reitet als Westentaschen-Napoleon im Kreis und ballert aus Pistolen durch die Gegend.

          Kein Wunder, dass der respektierteste Kritiker in New York, ein Sauertopf namens James Gordon Bennett, das nicht für große Kunst hält. Für ihn ist das eher ein „Zirkus“, was Phineas Taylor Barnum da in Szene setzt. Das ist nun wiederum genau das Wort, auf das Barnum – der wie die meisten großen Unternehmer den Begriffen vorauseilt – gewartet hat. Denn bisher lief es mit seinem „Museum“, in dem er auch einen Napoleon, aber nur einen wächsernen gezeigt hatte, noch eher schleppend. Ein Zirkus hingegen, das klingt doch fast schon nach Entertainment und damit nach einem erweiterten Kulturbegriff, an dessen Anfang im 19. Jahrhundert die eine oder andere Kuriosität stand.

          Von dem historischen P.T. Barnum wird berichtet, dass er anfangs eine alte Afroamerikanerin zur Schau stellte, die George Washington die Brust gegeben haben wollte (oder sollte), und als sie schließlich im vorgeblichen Alter von mehr als 160 Jahren starb, habe Barnum auch noch an ihrer Obduktion verdient.

          Diese „oddities“ sorgen in Amerika für Furore

          Das wäre an sich schon eine herausragende Geschichte für einen Film, für ein Musical wie „The Greatest Showman“ aber dann doch zu kontrovers. Was der Regisseur Michael Gracey auf Grundlage eines Drehbuchs von Jenny Bicks erzählen möchte, enthält zwar implizit eine Menge heutiger Kulturpolitik. Keineswegs aber geht es darum, einem Säulenheiligen des amerikanischen Traums von Unterhaltung für alle Schichten am Mythos zu flicken. Im Gegenteil bleibt dieser Barnum, wie Hugh Jackman ihn spielt und singt und tanzt, eine recht allgemeine Figur – passend zu einem Genre, dem alles zu einem Lied und nach Möglichkeit zu einer Melodie werden soll, die man nicht mehr loswird.

          Bringt die Königin zum Kichern: Sam Humphrey als Tom Thumb.

          „The Greatest Showman“ wird Barnum vor allem, weil er von dem Wunsch beseelt ist, es den Eltern seiner Braut zu zeigen. Das Band zu der blonden Charity entsteht schon im Kindesalter: Die höhere Tochter ist gerade dabei, etepetete einen Schluck Tee zu nehmen (mit mustergültig abgewinkeltem Finger), da bringt sie der Dienstbotenjunge zum Lachen, indem er sie nachmacht. Die kleine Etikettenkatastrophe kann mit einer Serviette beseitigt werden, sie steht aber bald sinnbildlich für einen Hang zum Eklat, der Barnum eignet – einen Höhepunkt gibt es diesbezüglich während einer Audienz bei der englischen Königin, die irgendwann auch von den „oddities“ Wind bekommt, die in Amerika für Furore sorgen. Sie lässt sich das Personal vorführen, das Barnum in der Zwischenzeit für seinen Zirkus angesammelt hat, und dabei kommt es zu dem hübschesten aller Skandale. Die Königin muss nämlich lachen, und zwar wegen einer frechen Bemerkung von Tom Thumb.

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