http://www.faz.net/-gs6-981xy

Video-Filmkritik : Lila Magie gegen Micky Maus

  • -Aktualisiert am

Bild: Prokino Filmverleih

In Sean Bakers Film „The Florida Project“ finden die Verlierer des amerikanischen Traums ihr Paradies in billigen Hotels. Um die Ecke liegt Disneyland.

          Das Zauberschloss hat einen neuen Anstrich bekommen. Alle Außenwände sind jetzt lila. Für einen unbefangenen Betrachter mag das ein wenig merkwürdig wirken, aber das „Magic Castle“ ist ja kein Sterne-Hotel. Hier kostet eine Nacht 38 Dollar, und die Konkurrenz ist das Futureland Inn, das mit einer Rakete für sich wirbt. Manchmal kommen Leute ins „Magic Castle“ und wollen ihre Hochzeitsreise hier verbringen. Sie sind dann entsetzt, und meistens stellt sich heraus, dass sie eigentlich das „Magic Kingdom“ gebucht haben, ein deutlich besseres Hotel, in dem sie vermutlich auch sichergehen können, nicht auf Kinder wie Moonee oder Scootey zu treffen.

          Für die beiden ist das „Zauberschloss“ hingegen ein wahres Paradies. Überall gibt es hier Gelegenheit, etwas anzustellen. Der große rote Schalter, mit dem man die gesamte Stromversorgung des Gebäudes lahmlegen kann, sieht einfach zu verführerisch aus, als dass man ihn nicht einmal umlegen müsste. Dann muss Bobby wieder ausrücken, der Hausmeister des Hotels, der eigentlich ein langmütiger Typ ist, dem die Kinderschar aber gelegentlich über den Kopf wächst. Denn Moonee und Jancey sind nicht die Einzigen, die im „Magic Castle“ oder im „Futureland Inn“ leben. Zwar sind diese billigen Hotels eigentlich nicht für längere oder gar dauerhafte Aufenthalte gedacht. De facto aber sieht man in Sean Bakers Film „The Florida Project“ eine ganze Menge von solchen Gästen.

          Man könnte sich durchaus fragen, ob das nicht eigentlich das heimliche Geschäftsmodell dieser Beherbergungsbetriebe ist. Es gibt aber noch ein naheliegendes anderes: Gleich um die Ecke liegt Disneyland, genauer gesagt der Magic Kingdom Park im Disney World Resort. Und der zieht so viele Gäste an, dass sich drum herum ein ganzes Einzugsgebiet entwickelt hat. Der Vergnügungspark strahlt ab, er macht aber auch Druck, selbst eine kleine Eisbude muss hier aussehen wie eine Attraktion (mit viel Vanille auf dem Dach), und ein Obstladen hat selbstverständlich die Form einer Orange.

          Dem Menschenbild von Disney entspricht sie nicht

          Es ist eine merkwürdige Kulturlandschaft, die Moonee und Scootey (und bald ihre neue Freundin Jancey) jeden Tag erkunden. Für die Schule sind sie noch zu klein, von so etwas wie einer Kita hat man in diesem Teil von Florida vielleicht noch nie etwas gehört. Die Mütter sind selbst noch jung. Die von Scootey hat immerhin einen Job, sie arbeitet in einem Fastfoodrestaurant. Halley hingegen, die Mutter von Jancey, hat sich schon überall beworben, aber nur Absagen bekommen. Für eine Stelle bei dem wichtigsten Arbeitgeber in der Gegend kommt sie nicht in Frage.

          Den Grund muss man sich dazudenken: Halley ist eine hübsche junge Frau, aber stark tätowiert, und sie trägt auch ein Piercing in der Unterlippe. Damit entspricht sie auf jeden Fall nicht dem Menschenbild von Disney. Sie versucht sich mit kleinen Geschäften über Wasser zu halten, verkauft Parfüm auf der Straße, später empfängt sie auch Männer in ihrem Zimmer. Da muss Moonee dann für eine Weile ins Bad, und Bobby (gespielt von Willem Dafoe, dem einzigen Star des Films) wieder einmal ein Auge zudrücken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.