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Filmkritik : Gegen das Internet hilft dumpfer Realismus nicht weiter

  • Aktualisiert am

Bild: Universum Film

Wer vor der digitalen Überwachungswelt warnt, braucht etwas mehr Dynamik: „The Circle“, die Verfilmung des Romans von Dave Eggers, verstärkt die Schwächen des Buchs.

          Vor ein paar Jahren schreckte Dave Eggers mit seinem Roman „The Circle“ alle auf, die das Internet damals immer noch für eine vorübergehende Erscheinung und die sozialen Medien für eine Spielwiese von Leuten hielten, die sonst nicht viel zu tun hatten. Das war auch 2014 schon lange eine blauäugige Sicht auf die Welt, aber wie schlimm alles noch werden könnte, werden würde, das erfuhren die Blauäugigen wie alle anderen erst aus diesem Buch. Und auch all jene, die mit einem einzigen Passwort für ihre Bankgeschäfte, E-Mails, mobilen Einkäufe und Patientenplattformen auszukommen meinten, bekamen einen gehörigen Schreck. „The Circle“ wurde ein Weltbestseller, so dass man vermuten kann, die meisten Bewohner des Planeten sahen nach seiner Lektüre die Dinge anders.

          Nämlich so: In Kalifornien gibt es eine riesige Firma (die für mehrere steht), deren Mitglieder auf einem kreisrunden Campus arbeiten, leben, Partys feiern. Soziale Kontrolle: hundert Prozent. Sicherheitsüberwachung: hundert Prozent. Elektronische Selbstauskunft: hundert Prozent. Spaßfaktor: hundert Prozent. Identifikation mit der Firmenmission: hundert Prozent. Humanmarker wie das Bedürfnis nach einer Privatsphäre, nach Einsamkeit, Geheimnissen, Diskretion: tendenziell im kaum messbaren Prozentbereich. Wie es dazu kommen konnte, das steht nicht in dem Buch. Aber wie es sein wird, wenn es zu spät ist, es zu ändern, das konnte man lesen. Ein totalitärer Albtraum.

          Literarische Vorlage ist schlecht geschrieben

          Das Problem war nur, das Buch war ziemlich schlecht geschrieben, was dem Erfolg keinen Abbruch tat, aber doch der Lust, sich weiter damit zu beschäftigen. Es gab unter den Figuren nur eine, die in Erinnerung blieb, und das war ein Abtrünniger unter den Circle-Gründern, der die Geister, die er rief, zurück in die Flasche stopfen wollte. Ty hieß er, nannte sich vorübergehend Kalden, was ein Name war, den er auf einer Website für Babynamen gefunden hatte, und er hat einen Plan, an dessen Ende eine Wanderung in Tibet oder eine Fahrradtour durch die Mongolei stehen. Die Heldin, wenn man sie so nennen will, Mae, eine Anfängerin beim Circle, sehr begeistert von allem und bald eine der wichtigsten Multiplikatorinnen, soll ihm bei der Sabotage seines eigenen Werks helfen, das aus dem Ruder gelaufen ist. Nach zäher Lektüre blieb immerhin das alarmierende Gefühl, den Algorithmen der großen Internetkonzerne vollkommen ausgeliefert zu sein. Und das Vorhaben, mit den eigenen Daten in Zukunft sorgsamer umzugehen. „The Circle“ hatte aufklärerischen Nutzen, ohne Zweifel.

          Galionsfigur in der Arbeitsbox: Mae Holland (Emma Watson) tut alles, was der Konzern von ihr will.

          Dass das Buch verfilmt werden würde, stand außer Frage, dass Tom Hanks darin eine Rolle übernehmen würde, eigentlich auch. Und so kam es. Jetzt ist der Film da. Aber statt den Schwächen des Buchs, der schablonenhaften Charakterzeichnung, dem Predigerton, der Konturlosigkeit der Welt, die es vorhersagte beziehungsweise in ihren Anfängen bereits beobachtete, etwas genuin Filmisches entgegenzustellen, nämlich: Bilder, verstärkt er noch, was schon im Buch nicht richtig funktionierte. Der ärmliche Realismus von Buch wie Film ist vollkommen ungeeignet, uns den Schrecken einer durch und durch transparenten Welt vor Augen zu führen. Vor Augen haben wir nur eine blasse Gemeinschaft dümmlicher Figuren, die auf einen Guru, einen Star wie Tom Hanks, hereinfallen, der ihnen Kontrolle und Selbstaufgabe als Wissenszuwachs verkauft.

          Dem Film fehlt es an Dynamik

          Emma Watson spielt Mae, eine junge Frau ohne Eigenschaften, aber mit einem Hobby: Kajakfahren, wie im Buch. Doch selbst das Kajak bringt sie nicht hinaus aus dem Einflussbereich des Circle, weil eine augengroße Kamera die Bucht beobachtet, in der sie kentert. Mae wird gerettet, verdankt also ihr Leben der Überwachung. Damit ist sie die perfekte neue Galionsfigur weiterer Pläne der Firma, die sie sich brav zu eigen macht.

          Alles in diesem Film, den James Ponsoldt gedreht hat, ist im Ton gleich. Ohne Dynamik. Dass Ty als Figur fast abgeschafft wird und nur noch eine Rolle am Rand spielt, dass eine andere Figur, deren Ende im Buch immerhin noch für ein Schaudern sorgt, spurlos entsorgt wird, das sind so unverständliche Entscheidungen wie die Veränderung des Endes. Wenn neunzig Prozent aller Internet-Suchanfragen bereits über den Circle laufen und über ein Konto dort nicht nur alle Geschäfte, alle Gesundheitschecks, DNA-Informationen, alle Kontakte, Bilder und Musik verwaltet, sondern in Zukunft darüber auch gewählt werden soll – hätte das nicht etwas dunklere Töne verdient? Eine Filmsprache, in der ein Schrecken wohnt?

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