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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Video-Filmkritik Der Blick in den Abgrund darf ruhig zwinkern

 ·  Drew Goddards und Joss Whedons Film „Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht.

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© Universum Video-Filmkritik: „The Cabin in the Woods“

Das Mitgefühl ist echt, kein Hohn: „Ich will irgendwie, dass sie es schafft.“

Die Heldin Dana, mit der Dringlichkeit unbedingten Selbsterhaltungswillens gespielt von Kristen Connolly, hat blutgurgelnde Untote, eine Tunnelsprengung, eine Bärenfalle und einige kleinere Mordanschläge überlebt. Selbst der Sturz von einer Felsenklippe in einen tiefen See bringt sie nicht um. Der Handlanger am Monitor, der behauptet, er wolle irgendwie, dass sie es schafft, könnte Dana helfen. Aber obwohl er fast alle Fäden zieht, die der jungen Frau ins Fleisch schneiden und ihre Existenz bedrohen, greift er nicht rettend ein, sondern wettet lieber mit anderen Zuschauern aufs Überleben oder Sterben der Gejagten und ihrer vier Mitopfer. Dazu schneidet er drollige Gesichter. Man kann ihn sogar gernhaben, wenn man will. Er und sein gleichberechtigter Kollege, die Männer an den Monitoren tief unter der Erde, sind Herz und Hirn der grusligen Veranstaltung. Das Herz hat allerdings Rhythmusstörungen, und das Hirn spinnt.

In bizarrer Oszillation zwischen Heinz Rühmann und Sir Anthony Hopkins veranschaulichen die beiden Charaktermimen Richard Jenkins und Bradley Whitford (der seit seinem Gastauftritt als fleischgewordene Urangst des Helden in der Fernsehserie „The Mentalist“ nicht mehr so gemütlich unheimlich war) den neuesten Stand der von Siegfried Kracauer in „Die Angestellten“ begonnenen Analyse funktionaler Amoral in anonymen Institutionen - inklusive Überwachung per Webcam, kreativwirtschaftlich organisiertem Menschenverschleiß, Binnenkonkurrenz verfeindeter Abteilungen und Telefonlautsprecher.

Komplett wahnsinnig

Ab und zu besucht die pflichtbewusste Nachwuchstechnokratin Lin die beiden Hauptsachwalter des Allerschlimmsten, hält sich dabei an ihrem Clipboard fest und versprüht den spröden Charme des übergeordneten Sachzwangs, gemildert nur durch den Umstand, dass noch keine Brille niedlicher auf der Nase der ausgezeichneten Schauspielerin Amy Acker saß als die, durch die sie hier zweifelnd blinzelt. Dauernd wirkt sie, als müsse sie gleich einen intelligenten Widerspruch gegen das Abscheuliche artikulieren, das sich um sie herum abspielt. Sie lässt es aber bleiben, und dies erst macht das Abscheuliche vollends abscheulich.

„The Cabin in the Woods“ ist ein dionysisch tobender Horrorfilm, in dem sich ein apollinisch durchgeplanter Science-Fiction-Film versteckt, aus dem am Ende ein hemmungsloser Katastrophenfilm hervorbricht. Fünf Jugendliche müssen im tiefen Forst um ihr Leben zittern. Das ist aus konsequent zweckgerichteten Gründen von kühlen Intelligenzen bis ins Kleinste arrangiert. Die Gründe sind allerdings komplett wahnsinnig.

Der Regisseur Drew Goddard und sein Drehbuchautor, Produzent und Mentor Joss Whedon leisten das, was Sigmund Freud „Traumarbeit“ nannte, nicht vom Standpunkt des Traums, sondern vom Standpunkt der Arbeit aus: „Wach auf, Nemo!“, ruft Marty, der scheinbar Argloseste unter den fünf vorgesehenen Mordopfern, der Hauptfigur des berühmten Traumcomics „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay bei der Bettlektüre zu. Der Comic ist mehr als hundert Jahre alt - die Kulturindustrie hat inzwischen ihr eigenes Unbewusstes, und aus diesem, nicht irgendeiner zufälligen individuellen Psychologie, bricht in „The Cabin in the Woods“ das Verdrängte hervor.

Ein paar Unarten

Es wurzelt nicht im subjektiven Triebleben, sondern im objektiven Horror einer verkehrten Zivilisation: Wenn man andere opfern muss, um zu überleben, stimmt etwas ganz Grundsätzliches mit den Spielregeln nicht, erklärt der Comicleser Marty in seinem stärksten Monolog - wer an dieser Stelle noch nicht gemerkt hat, dass Fran Krantz, der jenen armen Narren spielt, den Film nach etwa zwei Dritteln Spielzeit einfach an sich gerissen hat und damit losgerannt ist, als stünde er in Flammen, wird sich von keiner darstellerischen Brillanz je verführen lassen.

„The Cabin in the Woods“ ist vom Casting bis zum Sound ein Joss-Whedon-Film, auch wenn der große Wiederbeleber unterschiedlichster Genres in Film, Fernsehen und Comics nicht selbst Regie geführt hat. Drew Goddard, sein ausführender Geselle, hat sich bei seinem Lehrer nicht nur zahlreiche Stärken, sondern auch ein paar Unarten abgeguckt, darunter etwa die alberne Froschperspektive, in der die Hütte, die der Filmtitel meint, beim ersten Betreten ihrer Schwelle gezeigt wird und die hier, weil sie ein allzu offensichtlicher Kniff zur Erzwingung von Ehrfurcht vor cleverem Set-Design ist, als Erzählinstrument genauso wenig funktioniert wie im Innern der geheimen SHIELD-Installation zu Beginn von Whedons „The Avengers“.

Freude am Tanz auf doppeltem Boden

Andere visuelle Markenzeichen des Chefs, zum Beispiel das von seinen vier Fernsehserien hinlänglich bekannte Ensemblebild aus der Perspektive einer Tür, durch die etwas ins Bild fallen will, vor dem sich das Ensemble fürchtet, sind je nach Kontext Treffer oder überflüssige Ornamente. Sie alle aber lassen sich verschmerzen, weil es sich dabei um Arbeitsspuren einer skrupulös gescheiten Instrumentierung standardisierter Genre-Effekte handelt. Einseitig durchsichtige Spiegel, aus dunklem Moos sickernde Trockeneisnebel und durch schmalste Kanäle rinnendes Blut werden in diesem Film nie als freigebig ausgestreute Würzmittel verschwendet, sondern jedes Mal liebevoll in den Fortgang der Geschichte integriert.

Der Respekt vor ihrer Würde korrespondiert durchgängig der Liebe zu den niemals mit ihren Klischeeschicksalen alleingelassenen Figuren - Schauspieltalente wie Chris Hemsworth, Kranz oder Connolly werden nirgends unterfordert. Selbst Sigourney Weaver, bei winzigen Gastauftritten wie dem, den sie hier ableistet, inzwischen die Routine in Person, hat sichtlich Freude am Tanz auf einem der vielen doppelten Böden, aus denen „The Cabin in the Woods“ gebaut ist.

Ein schlecht erzogener kleiner Albtraum

Seit demnächst zwanzig Jahren feiert die Fachwelt Wes Cravens „Scream“ (1996) als Beginn der Ära des rekursiv-postmodernen Slasherfilms. Endlich kamen im Metzelkino Leute vor, die sich mit Metzelkinoklischees auskannten. Das war damals reiner Selbstzweck, neuer Dreh. Whedon und Goddard geben der Sache jetzt einen Sinn: Wenn man das Genre energisch genug auf sich selbst zurückbiegt, bekommt man schließlich Dinge in den Blick, die von woanders her ins Genre hineinwirken, zum Beispiel seine gesellschaftlichen Voraussetzungen: Im Kontrollraum findet eine Party statt, während auf dem Bildschirm die verzweifelte Dana um ihr Leben kämpft.

Ein gesellschaftskritischer Massakerfilm also? Ach was, nichts derart Braves. Ein massakerkritischer Gesellschaftsfilm? Schon eher, aber das klingt nach Strebertum. Dieser wunderliche, resolut schlecht erzogene kleine Albtraum schaut das Horrorpublikum an, als bestünde es aus lauter lustigen Ungeheuern. Er sagt ihm die Wahrheit. Dafür dürfen die Ungeheuer, wenn sie nicht allzu zimperlich sind, sogar ein paarmal lachen. Mal sehen, was passiert, wenn das Licht angeht.

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